Ein Mann liegt mit einem Beatmungsgerät auf einer Isolierstation. (Themenbild) © Colourbox

Covid-19: Wann sind die Intensivstationen überlastet?

Stand: 10.11.2020 16:17 Uhr  | Archiv

Bis vor Kurzem gab es nur noch wenige Covid-Patienten auf den Intensivstationen. Jetzt sind es schon mehr als im Frühjahr - und jeden Tag kommen neue Patienten dazu.

Forscher der Uni Saarbrücken haben mit einem mathematischen Modell berechnet, dass es schon bald keine freien Intensivbetten mehr gibt, sollte sich das Infektionsgeschehen nicht deutlich verlangsamen. So könnten in Hamburg sämtliche Intensivbetten nach den Prognosen der Wissenschaftler schon am 22. November belegt sein - in Bremen am 26. November und in Niedersachsen am 29. November. In Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein wäre es am 10. beziehungsweise 11. Dezember so weit.

Dämmt "Lockdown Light" das Infektionsgeschehen ein?

Wie sich der in Deutschland verhängte "Lockdown Light" auf das Infektionsgeschehen auswirkt, wird sich erst im Laufe der nächsten Tage herausstellen. Experten betonten, es komme jetzt ganz entscheidend darauf an, die Kontakte zu reduzieren und so das Infektionsgeschehen einzudämmen. Allerdings wird sich in einigen Regionen wohl nicht verhindern lassen, dass mehr Menschen Behandlung brauchen, als möglich ist. Und es könnte noch früher eng werden, denn die Kliniken haben nicht genug Pflegepersonal, das Intensivpatienten betreuen kann.

Kliniken schulen weiteres Personal für Intensivmedizin

Manche Krankenhäuser stellen daher Zeitarbeits-Intensivpflegekräfte ein und schulen Mitarbeiter, die früher einmal in der intensivmedizinischen Pflege, auf der Intensivstation oder im OP gearbeitet haben. Doch Experten bezweifeln, dass ein Auffrischungskurs reicht, um eine gute Intensivpflegekraft für Covid-Patienten zu sein. Außerdem braucht es viel Erfahrung, die Beatmungsgeräte auf die Bedürfnisse des Patienten einzustellen.

Triage nur noch eine Frage der Zeit?

Sollte es mehr Patienten als Betten geben, wird ausgewählt, wer beatmet wird und wer nicht. Bei der sogenannten Triage müssen mehrere Ärzte und Pfleger entscheiden, wer zuerst behandelt wird. Wichtigstes Kriterium dabei: Wie groß ist die Chance, dass ein Patient wieder gesund wird? Überprüft werden

  • die Schwere der Erkrankung
  • der allgemeine Gesundheitszustand
  • lebensbedrohliche Begleiterkrankungen
  • Vorliegen einer Patientenverfügung.

Das bedeutet: Wer geringere Überlebenschancen hat, wird dann nicht intensivmedizinisch behandelt.

Nur wenn sich alle strikt an die Kontaktbeschränkungen halten, lässt sich laut den Berechnungen der Wissenschaftler das Worst-case-Szenario vielleicht noch verhindern. Bei gleichbleibend hohen Zahlen ist es jedoch nur eine Frage der Zeit, bis Mediziner entscheiden müssen, wem sie helfen können und wem nicht.

Experten zum Thema

Prof. Dr. Stefan Kluge, Direktor Klinik für Intensivmedizin
Stellv. Leiter Zentrum für Anästhesiologie und Intensivmedizin
Frank Sieberns, Pflegerischer Zentrumsleiter
Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf
Martinistraße 52
20251 Hamburg
www.uke.de

Prof. Dr. Thorsten Lehr, Professur für Klinische Pharmazie
Universität des Saarlandes
Campus
66123 Saarbrücken
www.uni-saarland.de

Prof. Dr. Christian Gerloff, Direktor
Klinik und Poliklinik für Neurologie
Kopf-Neurozentrum
Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf
Martinistraße 52
20251 Hamburg
www.uke.de

Lars Fischer, Atmungstherapeut
Pneumologie und Thoraxchirurgie
Asklepios Klinik Barmbek
Rübenkamp 220
22307 Hamburg
www.asklepios.com

Prof. Dr. Marius Hoeper, komm. Direktor
Klinik für Pneumologie
Medizinische Hochschule Hannover
Carl-Neuberg-Straße 1
30625 Hannover
www.mhh.de

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Visite | 10.11.2020 | 20:15 Uhr

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