Stand: 15.06.2020 10:46 Uhr

Cholesterin: Zu hohe Werte werden oft vererbt

Ein Reagenzglas mit einer roten Flüssigkeit wird gehalten. © colourbox Foto: Alik Mulikov
Erhöhte Cholesterinwerte können vererbt sein.

Wenn schlanke Menschen trotz viel Bewegung und gesunder Ernährung dauerhaft zu hohe Cholesterinwerte haben, kann eine sogenannte familiäre oder primäre Hypercholesterinämie vorliegen. Sie gehört in Deutschland zu den häufigsten genetischen Stoffwechselerkrankungen. Einer aktuellen dänischen Studie zufolge betrifft sie weltweit einen von 300 Menschen, aber nur etwa 15 Prozent der Betroffenen wissen von ihrer Erkrankung und dem damit verbundenen Risiko.

Wegen eines Gendefekts können die Zellen das "schlechte" LDL-Cholesterin nicht oder nur zu einem geringen Teil aufnehmen, sodass es im Blut verbleibt und früh eine Arteriosklerose auslösen kann. Die wiederum führt oft zu einem Herzinfarkt oder Schlaganfall, vor allem in Verbindung mit weiteren Risikofaktoren wie Rauchen, Bluthochdruck und Übergewicht. Bleibt die Hypercholesterinämie über längere Zeit unentdeckt, steigt das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen um das bis zu 26-Fache.

VIDEO: Cholesterin: Zu hohe Werte werden oft vererbt (6 Min)

"Gutes" Cholesterin HDL und "schlechtes" Cholesterin LDL

Damit das wasserunlösliche Cholesterin im Blut transportiert werden kann, ist es an bestimmte Eiweißstoffe (Lipoproteine) gebunden. Es gibt zwei verschiedene Arten von Transporteiweißen:

  • Das "schlechte" Cholesterin LDL (low density lipoprotein) transportiert das Cholesterin von der Leber über die Blutgefäße zu den Organen.

  • Das "gute" Cholesterin HDL (high density lipoprotein) dient dem Rücktransport aus den Organen und Gefäßwänden zur Leber. Es wirkt vermutlich der Entwicklung schädlicher Veränderungen der Gefäßwand (Arteriosklerose) entgegen.

LDL-Cholesterin im Blut erhöht

Bei Betroffenen sind die LDL-Cholesterinwerte im Blut oft um das Fünf- bis Zehnfache erhöht. In der Regel sind die Blutwerte schon in der Kindheit auffällig, doch oft wird nach Ansicht von Experten nicht nach genetischen Ursachen dieser Befunde geforscht. Der Verdacht auf eine familiäre Hypercholesterinämie besteht, wenn der LDL-Spiegel Werte von über 190 Milligramm pro Deziliter erreicht und mehrere Familienmitglieder früh einen Herzinfarkt erlitten haben (Frauen unter 60 Jahren, Männer unter 55 Jahren).

Stoffwechsel-Experten untersuchen in solchen Fällen nicht nur die verschiedenen Blutfettwerte, sondern erfragen vor allem die Familiengeschichte der Betroffenen. Sie ergibt meist deutliche Hinweise auf eine genetische Ursache der Fettstoffwechselstörung, die sich durch einen einfachen Gentest bestätigen lässt. Ein Warnzeichen sind Fetteinlagerungen am Auge (Xanthelasmen) oder gelbe Knötchen (Xanthome) in der Haut, vor allem an der Achillessehne und den Fingergelenken.

Cholesterin senken: Medikamente, Ernährung und Bewegung

Wird der Gendefekt rechtzeitig entdeckt, kann eine frühzeitige Behandlung mit cholesterinsenkenden Medikamenten (Statinen), in einigen Fällen unterstützt durch spezielle Antikörper, das Risiko von Herz-Kreislauf-Erkrankungen auf das normale Niveau senken. Auf diese Weise lassen sich nach Einschätzung von Experten bis zu 90 Prozent der Herzinfarkte vermeiden.

Sie raten deshalb jedem Menschen, schon in jungen Jahren seinen LDL-Cholesterin-Wert mindestens einmal überprüfen zu lassen. Ziel ist ein Cholesterinwert von unter 100 Milligramm pro Deziliter, bei bereits geschädigten Gefäßen von weniger als 70 Milligramm pro Deziliter. Wichtig ist außerdem eine Ernährung mit reichlich Ballaststoffen und gesunden Fettsäuren, Nikotin-Verzicht und viel Bewegung.

Reicht die Therapie nicht aus oder führen die Medikamente zu unkontrollierbaren Nebenwirkungen, können Ärzte überschüssiges Cholesterin per Blutwäsche (Lipidapherese) aus dem Blut filtern. Das aufwendige Verfahren wird aber nur in Einzelfällen von den Krankenkassen bezahlt. Eine Lipidapherese-Behandlung kostet rund 50.000 Euro pro Jahr. Voraussetzung für eine Kostenübernahme ist eine über zwölf Monate dokumentierte diätetische und medikamentöse Therapie ohne eine ausreichende Senkung des LDL-Spiegels.

Neuer Risikofaktor: Blutfett Lipoprotein (a)

Zunehmend wird auch einem weiteren Blutfett, dem Lipoprotein (a), entscheidende Bedeutung bei der Entwicklung arteriosklerotischer Veränderungen zugesprochen. Es ist in seiner Struktur dem LDL-Cholesterin sehr ähnlich und gilt inzwischen als unabhängiger Risikofaktor für die Entstehung von Arteriosklerose beziehungsweise einer koronaren Herzerkrankung. Auch die Menge an Lipoprotein (a) im Blut ist in hohem Maße erblich bedingt. Sie kann durch Medikamente kaum beeinflusst werden. Hier bleibt als Behandlung meist nur die Lipidapherese. Ab einem Wert von 30 Milligramm pro Deziliter gilt das Risiko für eine koronare Herzerkrankung als erhöht.

Weitere Informationen
Prof. Sebastian Schmidt im Studio.

Chat-Protokoll zum Thema Cholesterin

Zu hohe Cholesterin-Werte werden oft vererbt. Sie können Herzinfarkte und Schlaganfälle auslösen. Prof. Dr. Sebastian Schmid hat Fragen im Chat beantwortet. Das Protokoll zum Nachlesen. mehr

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Experten zum Thema

Prof. Dr. Markus Meier, Facharzt für Innere Medizin und Nephrologie
Nierenzentrum Reinbek
Am Ladenzentrum 8
21465 Reinbek
(040) 72 77 86-0
www.dialyse-reinbek.de

Prof. Dr. Martin Merkel, Ärztlicher Leiter
Endokrinologikum Hamburg
Lornsenstraße 4-6
22767 Hamburg
(040) 306 28-200
www.endokrinologikum-hamburg.de

Weitere Informationen
Deutsche Gesellschaft zur Bekämpfung von Fettstoffwechselstörungen und ihren Folgeerkrankungen DGFF
(Lipid-Liga) e.V.
Mörfelder Landstraße 72
60598 Frankfurt am Main
(069) 963 652 18
www.lipid-liga.de

Dieses Thema im Programm:

Visite | 16.06.2020 | 20:15 Uhr

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