Stand: 30.09.2020 12:16 Uhr

Chat-Protokoll zum Thema Schmerztherapie mit Placebos

Schmerzmediziner Dr. Jan-Heinrich Stork..
Der Anästhesist und Schmerzmediziner Jan-Henrich Stork hat Ihre Fragen zum Thema Schmerztherapie mit Placebos beantwortet.

Zahlreiche Studien haben es inzwischen bewiesen: Scheinmedikamente und Scheintherapien haben oft deutliche Wirkungen, vor allem in der Schmerztherapie. Bei Menschen, die in der Vergangenheit schon einmal gute Erfahrungen mit schmerzstillenden Pillen gemacht haben, hilft oftmals auch eine Tablette ohne speziellen Wirkstoff. Der Placebo-Effekt wirkt über die Psyche, ist aber keine Einbildung. Schon die Erwartung, ein Schmerzmittel zu bekommen, führt im Gehirn zur Bildung körpereigener, schmerzlindernder Opiate. Und das kann sogar funktionieren, wenn die Patienten wissen, dass sie ein Placebo erhalten.

Am Dienstag, den 29. September 2020, war der Anästhesist und Schmerzmediziner Dr. Jan-Henrich Stork vom Hamburger Krankenhaus Tabea zu Gast in der Sendung Visite und hat anschließend Ihre Fragen zum Thema Schmerztherapie mit Placebos im Chat beantwortet. Das Protokoll zum Nachlesen.

Jeanette: Was bewirkt ein Placebo bei Arthrose-Schmerzen?

Dr. Jan-Henrich Stork: Auch bei Arthrose-Schmerzen kann ein Placebo eine Schmerzlinderung bewirken, wenn es in ein sogenanntes multimodales Schmerzkonzept eingebunden ist.

Heike W.: Was halten Sie von CBD-Ölen? Auch hauptsächlich Placebo-Effekt?

Stork: Auch bei den CBD-Ölen, die frei verkäuflich in zum Beispiel Drogerien zu bekommen sind, spielt der Placebo-Effekt die größte Rolle.

Susanne L: Ich habe seit 25 Jahren sehr oft Spannungskopfschmerzen. Nehme dann, je nach Schmerzempfinden, eine IBU-, Thomapyrin- oder Gelonida-Tablette. Würde hier auch ein Placebo wirken?

Stork: Auch bei Spannungskopfschmerzen kann eine Therapie mit Placebos helfen. Vorher sollte durch einen Schmerztherapeuten ein medikamenteninduzierter Kopfschmerz ausgeschlossen werden.

Stefan: Kann ich eine Placebo-Therapie direkt starten oder funktioniert dies nur mit ärztlicher Beratung?

Stork: Sie können eine Therapie mit Placebos direkt starten. Am besten funktioniert sie natürlich eingebunden in ein multimodales Schmerzkonzept.

Manuela: Helfen die Placebos auch bei Migräne-Attacken? Ich habe schon so einige Tabletten ausprobiert.

Stork: Auch bei Migräne-Attacken können Placebos natürlich helfen. Hier können Sie entweder zusätzlich zu Prophylaxe-Medikamenten eingesetzt werden oder zur Reduktion der anderen eingenommenen Migräne-Medikamente genutzt werden.

Alex1a: Ist es akzeptabel, dass eine "Schmerztherapie mit Placebos" auch von Heilpraktikern durchgeführt werden darf, und sollte das von den Krankenkassen bezahlt werden?

Stork: Ich finde das durchaus akzeptabel, wenn eine Placebo-Therapie offen durchgeführt wird. Das bedeutet, mit den Patientinnen und Patienten wird offen besprochen, dass das eingesetzte Medikament keinerlei Wirkstoff enthält und damit nicht zusätzlich viel Geld verdient wird.

Sabine: Was sagen Sie zur Einnahme von Palexia retard und Pregabalin als Schmerzmittel? Ich habe seit vielen Jahren Schmerzen im LWS-Bereich und habe zuvor hochdosiert Ibuprofen eingenommen. Seit einem Jahr nehme ich die oben genannten Medikamente. Sollte ich zu Placebos wechseln? Würde mich an ein Schmerzzentrum wenden wollen.

Stork: Ich würde Ihnen empfehlen, sich zunächst an ein Schmerzzentrum zu wenden.

Huxdebude2: Meine Frau leidet seit vielen Jahren an Fibromyalgie. Hat man bei dieser Krankheit, der man bisher mit nichts außer diversen Entspannungsübungen begegnen konnte, Erfahrungen mit den Placebos?

Stork: Auch bei der Fibromyalgie gibt es gute Daten für den Einsatz von Placebos im Rahmen einer Schmerztherapie.

Angela: Wirkt ein Placebo nur, wenn es vom Arzt überreicht wird oder kann ich mir Traubenzucker-Dragees kaufen und so tun, als wenn ich Tabletten nehme?

Stork: Ein Placebo wirkt hauptsächlich durch die Erwartung des Einnehmenden an den Effekt. Dabei sind wichtig: die Konditionierung, soziales Lernen und vor allem die Aufklärung über den zu erwartenden Effekt.

Eduard: Wo bekomme ich Placebos her?

Stork: Placebos bekommt man in der Apotheke oder im Internet. Aber am besten in Absprache mit dem behandelnden Arzt.

Ladida56: Durch starke Osteoporose und Wirbelbrüche (Lendenwirbelsäule und Brustwirbelsäule) mussten mir dieses Jahr sechs Kyphoplastiken eingesetzt werden. Leide immer noch unter Schmerzen. Nehme Palexia 100 und IBU 600. Ich will von den BTM [Betäubungsmitteln] wegkommen. Kann man das auch mit einer Placebo-Therapie versuchen?

Stork: Ein Opiat-Entzug ist mit Placebos wahrscheinlich meistens nicht möglich. Bitte wenden Sie sich hierzu an ein Schmerzzentrum.

Susanne L: Bei welchen Ärzten kann ich eine Placebo-Therapie machen? Leide unter Spannungskopfschmerzen.

Stork: Am ehesten und am besten bei einem Schmerztherapeuten.

TK: Leide seit einem Sturz an sehr starken und merkwürdigen Kopfschmerzen. Mein Neurologe tut es als Zufall mit dem Sturz ab und behandelt auf Migräne mit dem Wirkstoff Sumatriptan. Allerdings sind selbst die manchmal ohne Wirkung. IBU, Novamin oder Ähnliches brauche ich gar nicht mehr probieren. Wäre hier eine Placebo-Therapie möglich und ratsam, um den Körper einmal komplett zu "neutralisieren"?

Stork: Häufig ist bei chronischen Kopfschmerzen ein vollständiger Medikamenten-Entzug sinnvoll. Wenn dieser über zwei Wochen erfolgreich ist und immer noch häufige Kopfschmerzen bestehen, kann natürlich auch dort eine Placebo-Therapie versucht werden.

Annika: Ich habe öfter stressbedingt Bauchschmerzen. Könnte eine Placebo-Therapie helfen?

Stork: Auch Ihnen könnte eine Placebo-Therapie wahrscheinlich gut helfen.

Nicole: Bei mir ist eine aktivierte Osteochondrose (Segment L5/S1) diagnostiziert. Mehrere Schmerzmittel ohne Erfolg. Wer verschreibt mir Placebos?

Stork: Ich würde Ihnen empfehlen, eine Schmerztherapeutin oder einen Schmerztherapeuten aufzusuchen.

Birgit: Spinalkanalstenose mit Kribbeln in Beinen und Füßen. Ist es ratsam, Placebos zu versuchen?

Stork: Die Erfolgsaussichten bei einer symptomatischen Spinalkanalstenose sind gering. Hier kann versucht werden, über Physiotherapie, also Krankengymnastik, eine Verbesserung zu erzielen. Ansonsten bleibt leider oft nur die Operation.

Kornblume 41: Leide seit eineinhalb Jahren an sehr starken Schmerzen nach einer starken Gürtelrose. Gibt es eine Möglichkeit von den starken und vielen Medikamenten wegzukommen? Was wäre eine hilfreiche Alternative?

Stork: Auch hier ist eine multimodale Schmerztherapie mit gegebenenfalls einem Medikamenten-Entzug häufig die beste Lösung.

Linsey: Würde der Placebo-Effekt auch bei akuten Gelenkentzündungen etwas bringen? Mein Schultergelenk ist stark entzündet. Ich habe wohl eine rheumatische Erkrankung, aber man findet nicht die direkte Ursache. Ich bin erst 27 Jahre alt und nehme nun seit eineinhalb Wochen Tapentadol (Palexia), weil ich die Schmerzen nicht mehr aushalten konnte. Tilidin/Naloxon hat nichts gebracht. Nicht einmal die Spritzen haben etwas gebracht.

Stork: Sinnvoll ist es in Ihrem Fall sicherlich, eine Zweitmeinung einzuholen. Entweder bei einem Rheumatologen, Orthopäden oder Schmerztherapeuten.

Monika: Ist es sinnvoll, sich selbst ein Placebo zu "verschreiben"? Wie komme ich zu der richtigen "Haltung" zu solch einer Therapie? Ich bin seit 15 Jahren chronisch schmerzkrank und fühle mich manchmal nur noch als Pharma-Produkte-Versuchskaninchen.

Stork: Ich halte es für sinnvoll, eine Placebo-Therapie zu versuchen. Sie sollten sich vorher überlegen, was Sie für Erwartungen an eine solche Therapie stellen. Fragen hierzu: Was für Erfahrungen haben Sie mit anderen Medikamenten gemacht - negative oder positive? Möchten Sie nur eine Schmerzlinderung oder eine Lebensqualitätsverbesserung? Oder gegebenenfalls mehr Beweglichkeit erreichen? Was für Möglichkeiten einer alternativen Schmerztherapie (mehr Bewegung, Yoga, Pilates, psychologische Schmerztherapie) können Sie sich begleitend vorstellen?

Dieses Thema im Programm:

Visite | 29.09.2020 | 20:15 Uhr

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