Häusliche Gewalt: Täterberatungsstelle hilft auch den Opfern

Stand: 08.11.2020 15:55 Uhr

Es sind Schläge, Tritte oder gar Messerstiche: Jede vierte Frau in Deutschland wird mindestens einmal Opfer körperlicher oder sexueller Gewalt durch ihren aktuellen oder früheren Partner.

von Birte Olig

Diese Gewalt hinterlässt nicht nur Wunden am Körper, sondern vor allem auch in der Seele. Es ist ein Kreislauf, aus dem es kaum ein Entrinnen gibt. Nicht für die Frauen und nicht für die Männer. Denn selbst, wenn die Täter für die Misshandlungen bestraft werden: An ihrem Verhalten ändert sich dadurch selten etwas. Die Beziehungen aber bleiben oft bestehen. Hier setzt die Arbeit der Täterberatungsstellen gegen häusliche Gewalt an, die es in mehreren niedersächsischen Städten gibt - seit gut einem Jahr auch in Wolfsburg. Das Ziel: eine gewaltfreie Partnerschaft.

Erst Streitereien, dann Gewalt

Michael (Name wurde von der Redaktion geändert) hat sich entschlossen, seine Geschichte zu erzählen. Anonym. Schon länger, erzählt er, sei es immer wieder zu Streitereien gekommen. Michael und seine Partnerin sind erst vor kurzem Eltern geworden. Eine Herausforderung in jeder Hinsicht. Irgendwann, so schildert es Michael, kommt es zum Handgemenge. "Sie hat versucht, mich daran zu hindern, den Raum zu verlassen. Und dann bin ich ihr gegenüber gewalttätig geworden." Was er konkret gemacht hat, möchte Michael nicht erzählen. Nach dem Gewaltausbruch kommt der Schock - bei beiden. Michael verlässt das gemeinsame Haus. Als er zurückkommt, wartet die Polizei bereits auf ihn. Die Beamten verweisen ihn für eine Woche aus der Wohnung.

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Eine Frau krümmt sich vor Schmerzen und verbirgt ihr Gesicht in den Armen. © blanche neige photography / photocase.de Foto: blanche neige photography / photocase.de

Häusliche Gewalt: Hier bekommen Betroffene Hilfe

Etwa jede vierte Frau wird mindestens einmal Opfer körperlicher oder sexueller Gewalt durch ihren Partner. Hier findet ihr Hilfsstellen, wenn ihr selbst Opfer häuslicher Gewalt seid oder Menschen kennt, die Hilfe benötigen. mehr

Die Schuld eingestehen

Für Michael ist klar: So etwas darf nicht noch einmal passieren. Er wendet sich an die Täterberatungsstelle in Wolfsburg. Für Beraterin Vanessa Reupke ist es wichtig, dass Michael wirklich etwas verändern möchten. Denn viele Täter nehmen das Angebot der Beratungsstelle nicht ganz freiwillig wahr, sondern werden von den Gerichten dazu verpflichtet - zum Beispiel, um einer Gefängnisstrafe zu entgehen. Aber, sagt Reupke: "Den Kurs, den wir machen, kann man nicht absitzen. Wer hierher kommt, wird an sich arbeiten müssen, um erfolgreich abzuschließen." Dazu gehöre zuallererst, dass sich die Täter ihre Schuld auch eingestehen. So wie Michael.

Männer lernen von Männern

Im Fokus der Beratung steht das Gruppen-Angebot. Rund zehn Männer treffen sich einmal in der Woche zum Gespräch und tauschen sich aus. Gemeinsam mit den Tätern versucht Vanessa Reupke zu ergründen, wie es zu den Gewaltausbrüchen kommen konnte. Dann werden Strategien erarbeitet, um Konflikte künftig ohne Gewalt lösen zu können. Denn gerade das haben viele von ihnen laut Reupke nie gelernt: "Es ist häufig so, dass in der Beziehung der Eltern schon Gewalt eine Rolle gespielt hat." Und tatsächlich sei es so: Wer einmal schlage, der tue es wieder.

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Konfrontieren mit den eigenen Gefühlen

Vor allem aber lernen die Täter, über ihre Gefühle zu sprechen. Auch das ist für viele eine ganz neue Erfahrung, weiß Reupke. "Für Männer gibt es zwei Gefühle: Freude und Wut. Das sind die beiden Gefühle, die sie zeigen dürfen und die sie schon als Kinder lernen. Das ist tief verankert. Und sie lernen dann, andere Gefühle noch mal einzuschätzen: Ich bin gar nicht wirklich wütend, ich bin eigentlich total unsicher. Ich weiß gar nicht, wie ich mich verhalten soll, da brülle ich lieber rum, als zuzugeben, dass ich nicht weiß, was ich machen soll. Wir konfrontieren sie mit ihren Gefühlen und das ist auch ein Teil dessen, was den Erfolg ausmacht."

Wie erfolgreich ist die Täterberatung?

Wirklich messen lässt sich der Erfolg der Täterberatung nur schwer. Von der Justiz und der Polizei bekämen sie aber durchweg das Signal, dass die Männer, die an der Täterberatung teilgenommen hätten, nicht wieder wegen häuslicher Gewalt auffällig geworden seien, sagt Beate Ulrich, Geschäftsführerin der Jugendhilfe Wolfenbüttel. Der eingetragene Verein ist Träger der Täterberatungsstelle in Wolfsburg und auch der Beratungsstellen in Wolfenbüttel und Braunschweig, die es bereits seit 2014 gibt.

Täterberatung ist Opferschutz

Auch bei der Beratungs- und Interventionsstelle gegen häusliche Gewalt (BIss) in Wolfsburg ist man froh, dass es das Angebot der Täterberatung endlich auch in ihrer Stadt gibt. Daniela Çevik und ihr Team beraten Frauen, die Opfer häuslicher Gewalt geworden sind. Für sie ist klar: Täterberatung ist Opferschutz. "Frauen wollen die Gewalt beenden, aber nicht unbedingt die Beziehung", sagt Çevik. Bei den Frauen, deren Männer sich helfen ließen, sei sehr schnell eine "Wahnsinnserleichterung" zu spüren.

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"Haftstrafen ändern nicht das Beziehungsverhalten"

Dennoch sind die Täterberatungsstellen chronisch unterfinanziert. "Das ist ein absolutes Minimum an Stunden, das wir zur Verfügung haben. Wenn wir sehr viel mehr Krisengespräche führen müssten oder sich noch mehr Männer melden würden, dann würden wir absolut in die Bredouille kommen", sagt Jugendhilfe-Geschäftsführerin Beate Ulrich. In der Politik Gelder für die Täterberatung einzuwerben, sei schwierig. Hintenrum höre sie häufig Sprüche wie: "Die müssen bestraft werden, dafür gibt es das Gesetz!" Das aber sei viel zu kurz gegriffen: "Wenn Männer in Haft gehen, ändert sich ja nicht ihr Beziehungsverhalten. Wenn jemand ins Gefängnis geht, kommt der ja wieder raus. Und dann gibt es vielleicht eine neue Partnerschaft und neue Gewalt."

Häusliche Gewalt verursacht auch Kosten

Das Geld für die Täterberatung sei deshalb gut angelegt, davon ist Beate Ulrich überzeugt. Und die Fakten geben ihr Recht. Studien zufolge verursacht häusliche Gewalt in Deutschland jährliche Kosten in Höhe von rund 4 Milliarden Euro. Darunter fallen zum Beispiel Kosten für Gerichte, Haft, den Unterhalt von Frauenhäusern oder Kosten für die medizinische Versorgung der Opfer. Da müsse noch viel Aufklärungsarbeit geleistet werden, sagt Ulrich.

Konflikte lösen - ohne Gewalt

Michael hat nur noch wenige Stunden vor sich, dann ist der Kurs für ihn beendet. Er könne sich und seine Gefühle jetzt besser einschätzen, das sei wichtig, sagt er. Von seiner Freundin lebt er mittlerweile getrennt. Was eine neue Partnerschaft angeht, ist er zuversichtlich: "Ich bin überzeugt, dass ich Konflikte ohne Gewalt lösen kann, mit dem, was ich in der Täterberatung gelernt habe."

Dieses Thema im Programm:

Hallo Niedersachsen | 08.11.2020 | 19:30 Uhr

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