Eine Frau sitzt mit dem Rücken zur Wand und hält ihre Hände abwehrend vor das Gesicht. © NDR Foto: Julius Matuschik

Häusliche Gewalt: Corona hindert Frauen am Hilfesuchen

Stand: 08.03.2021 08:54 Uhr

Beratungsstellen und Frauenhäuser in Niedersachsen haben 2020 weniger Frauen beraten und aufgenommen. Gleichzeitig stieg die Zahl der Straftaten im Bereich häusliche Gewalt.

von Marie-Caroline Chlebosch und Isabel Lerch

Jede dritte Frau erlebt im Laufe ihres Lebens Gewalt durch den Partner. Auch jetzt in der Corona-Pandemie können die eigenen vier Wände ein gefährlicher Ort sein. Nun gibt es erstmals Zahlen aus dem niedersächsischen Sozialministerium, die zeigen, wie viele Frauen im Corona-Jahr 2020 Hilfe von Beratungsstellen und Schutzhäusern in Anspruch genommen haben. Insgesamt 9.114 Beratungen verzeichneten die Gewaltberatungsstellen in Niedersachsen - das sind 159 weniger als 2019. Das bedeutet jedoch nicht, dass es weniger häusliche Gewalt gab.

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Frauen sind der Kontrolle mehr ausgesetzt

"Die Außenkontakte fallen weg", sagte Kerstin Bötjer von der Beratungs- und Interventionsstelle (BISS) in Hildesheim. Weil die Frauen ihre Kinder nicht mehr zur Schule oder in den Kindergarten bringen, hätten sie keine Möglichkeit, mit anderen in Kontakt zu kommen. "Das macht es schwieriger, sich Hilfe zu holen", sagte Bötjer. Auch Homeoffice und Kurzarbeit erschweren die Situation zu Hause: "Wenn die Frauen im Lockdown sind, in der Wohnung unter Beobachtung, dann ist die Kontrolle einfach größer als vorher", erklärte die Sozialpädagogin.

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Adressen und Telefonnummern der Gewaltberatungsstellen

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Niedersachsen hat 46 Beratungs- und Interventionsstellen

Bötjer berät Frauen, die von Gewalt betroffen sind. Die Polizei meldet sich bei ihr nach Einsätzen bei Verdacht auf häusliche Gewalt. In Niedersachsen sind die 46 Beratungs- und Interventionsstellen (BISS) ein Instrument, um Betroffenen das Angebot zu machen, sich in einer Gewaltsituation Unterstützung zu holen. Hinzu kommen 46 weitere Gewaltberatungsstellen, bei denen sich Betroffene meist eigenständig melden.

Innenministerium registriert mehr Straftaten

Anders als bei den Gewaltberatungsstellen, haben die Beraterinnen bei den BISS landesweit 2020 etwa gleich viele Fälle unterstützt wie im Vorjahr - und zwar mehr als 18.300. Der stabile Wert hier deckt sich mit ersten Informationen aus dem Innenministerium zur Anzahl der Straftaten: "Der Trend zeigt nach oben. Das heißt: mehr Taten", sagte Innenminister Boris Pistorius (SPD) im Interview mit dem NDR in Niedersachsen. "Die Kriminalstatistik stellen wir zwar erst in den nächsten Monaten vor, aber klar ist: Es gibt einen Anstieg von rund sieben Prozent." Gleichzeitig zeichne sich auch ein verbessertes Anzeigeverhalten ab.

LKA plant Dunkelfeldstudie zum Thema häusliche Gewalt

Der Innenminister will in diesem Jahr auch den Schwerpunkt der anstehenden Dunkelfeldstudie des Landeskriminalamts auf den Bereich häusliche Gewalt legen: "Wir wollen das Dunkelfeld, das enorm ist, noch weiter aufhellen", sagte Pistorius. "Weil wir wissen wollen, was wirklich passiert, und uns nicht nur die Anzeigen angucken wollen, werden wir wieder 40.000 Fragebögen verschicken mit dem Schwerpunkt häusliche Gewalt." Seiner Ansicht nach verdiene das Thema deutlich mehr Aufmerksamkeit. Das Dunkelfeld aufzuhellen, erscheint aktuell besonders wichtig. Denn auch ein Blick auf die Aufnahmezahlen in den Frauenhäusern macht deutlich, dass offenbar weniger Betroffene die Chance hatten, aus der Gewalt auszubrechen.

Zum Beginn der Corona-Pandemie bleibt es still in Frauenhäusern

Besonders im ersten Lockdown von März bis Mai 2020 herrschte "gespenstische Stille", sagte Larissa Mokosch, Mitarbeiterin im Frauenhaus Hildesheim: "Ich saß hier am Vormittag, der sonst davon gefüllt ist, dass drei, vier, fünf Frauen zu unterschiedlichen Themen wie Gewalterfahrungen, Trennungen, Scheidungen angerufen haben." Das sei dann ausgeblieben. Die Sozialpädagogin vermutete: "Da draußen sind viele Frauen in Not und sie rufen nicht an." Ähnliche Erfahrungen machen auch viele andere Frauenhäuser landesweit. Erst nach den Lockerungen im Frühsommer 2020 seien die Anfragen wieder angestiegen. Insgesamt haben die Frauenhäuser 2020 in Niedersachsen 3.959 Frauen und Kinder aufgenommen. Das sind 126 weniger als im Vorjahr.

Wegen Abstandsregeln weniger Plätze im Frauenhaus

Dass der Zugang zu Hilfe für betroffene Frauen in der Corona-Zeit erschwert wird, ist nicht der einzige Grund, der die sinkenden Aufnahmezahlen erklären kann. Denn durch die Abstandsregeln müssen manche Schutzhäuser ihre Plätze reduzieren, zum Beispiel das Frauenhaus in Diepholz. Doris Wieferich leitet die Einrichtung, die normalerweise neun Plätze für Frauen anbietet. Zu Corona-Zeiten sei das nicht möglich: "Wir haben immer nur sechs bis acht Frauen hier, wenn wir voll belegt sind." Je nachdem mit wie vielen Kindern eine Frau komme. Ein Apartment sei nun eine Quarantäne-Wohnung, in der jede neu aufgenommene Frau und ihre Kinder zunächst 14 Tage untergebracht würden. Auch das reduziere Plätze. Und es gibt noch einen Grund dafür, dass das Frauenhaus Diepholz 2020 etwa ein Drittel weniger Betroffene aufnehmen konnte: "Wir haben Aufnahmestopps gemacht in dieser Zeit aufgrund von Verdachtsfällen im näheren Umfeld von Mitarbeiterinnen und Bewohnerinnen." Dreimal mussten sie 2020 das Haus komplett schließen, alle Anfragen absagen. Aktuell sei das Haus voll belegt.

Telefonnumern für Hilfesuchende

Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen:
0800-011 60 16
Sofortaufnahmestelle Frauenhaus24:
0800-770 80 77
Frauennotruf Hannover e.V.:
0511-33 21 12

Appell an Außenstehende: Hinschauen und die Polizei anrufen

43 Frauen- und drei Mädchenhäuser gibt es in Niedersachsen. Wie die Beratungsstellen sind sie auch in diesem Lockdown weiterhin für Frauen und Kinder da, die Unterstützung benötigen. Aber auch die Gesellschaft sei gefordert, wachsam zu sein, sagte Wieferich: "Gerade auch in so einem Flächenlandkreis wie Diepholz ist es wichtig, dass Zivilbevölkerung, Nachbarn, Freunde, Arbeitskollegen ihre Sinne schärfen für Situationen häuslicher Gewalt." Wenn sich ein Bauchgefühl einstelle, dass irgendwo etwas nicht stimme, solle man nochmals nachhaken. Auch Außenstehende könnten jederzeit Unterstützung in den landesweiten Beratungsstellen erfragen. Sollte man selbst einmal mitbekommen, dass sich irgendwo häusliche Gewalt abspielt, könne man jederzeit die Polizei rufen, die dann auch komme, sagte die Leiterin des Netzwerks gegen häusliche Gewalt. Ihr Appell lautet: "Schaut hin und helft!"

 

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Aktuell | 08.03.2021 | 08:00 Uhr

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