Erfundene Windparks: Wie können Betrüger so weit kommen?

Stand: 29.08.2021 16:42 Uhr

Ab Dienstag muss sich Hendrik Holt vor Gericht verantworten. Zusammen mit anderen soll er Windparks quasi erfunden und sie mithilfe gefälschter Unterschriften an große Konzerne verkauft haben.

Der Fall Hendrik Holt hatte bundesweit für Schlagzeilen gesorgt: Der 31-jährige Hauptangeklagte Holt, seine Mutter, seine Schwester, sein Bruder sowie der Finanzdirektor der Unternehmensgruppe sollen internationalen Energiekonzernen ausgedachte Windparks verkauft haben. Gleichzeitig führte die Familie aus Haselünne ein Luxusleben. Vor dem Landgericht Osnabrück geht es laut Anklage nun um einen Schaden von zehn Millionen Euro. Doch warum kam der mutmaßliche Betrug erst so spät ans Licht? Und wie konnten die mutmaßlichen Täter so weit kommen? Um Antworten auf diese Fragen zu finden, haben wir mit Professor Uwe Kanning gesprochen. Er ist Wirtschaftspsychologe an der Hochschule Osnabrück und sagt: "Eine Handtasche klauen kann jeder, ein Betrüger braucht mehr Fähigkeiten."

Herr Kanning, welche Eigenschaften und Fähigkeiten vermuten Sie bei Hendrik Holt, nachdem Sie gelesen haben, welche Taten ihm vorgeworfen werden?

Uwe Kanning schaut in die Kamera. © NDR Foto: Susanne Schäfer
Uwe Kanning ist Wirtschaftspsychologe an der Hochschule Osnabrück.

Uwe Kanning: Ich vermute, dass er zumindest über eine grundlegende Intelligenz verfügt, weil er ein Gedankengebäude stricken musste, das halbwegs wasserdicht ist. Er verfügt sicherlich auch über soziale Kompetenzen und kann sich in andere Menschen hineindenken. Er muss verstehen, wie man auftreten muss, um andere zu überzeugen. Und ich vermute, dass er ein guter Selbstdarsteller ist. Das sind einige positive Kompetenzen. Aber bei ihm kommt möglicherweise auch noch mangelnde Integrität hinzu, denn nicht jeder, der über solch positive Kompetenzen verfügt, wird zu einem Kriminellen. Das heißt, einem Betrüger muss es letztendlich egal sein, was aus den Leuten wird, die er da über den Tisch zieht. Im Vordergrund stehen das eigene Fortkommen und der eigene Profit. Es scheint egal zu sein, unehrlich zu handeln und das Vertrauen anderer Menschen zu missbrauchen. Das ist die Kehrseite.

Sie haben sich mehrere Hochstapler- und Betrugsfälle in der deutschen Wirtschaftsgeschichte angeschaut. Wenn Sie die mit dem Fall Holt vergleichen: Was fällt Ihnen auf?

Kanning: Die Gemeinsamkeit besteht sicherlich darin, dass man erfolgreich eine Person darstellt, die man gar nicht ist. Denken Sie beispielsweise an Gert Postel, ein gelernter Postbote, der anderthalb Jahre als Oberarzt in einer Psychiatrie gearbeitet hat. Oder denken Sie an Jürgen Schneider, der sogenannte Baulöwe, der Hunderte Millionen Kreditgelder unterschlagen hat. Die haben alle Rollen gespielt, die nicht der Realität entsprachen. Aber es gibt auch Unterschiede. Da ist vor allem der Punkt, dass Hendrik Holt sehr jung ist und dass er trotzdem erfolgreich war.

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Der mutmaßliche Betrug kam erst spät ans Licht. Vielen Unternehmensvertretern und Politikern ist lange überhaupt nichts aufgefallen. Herr Kanning, wie erklären Sie sich das?

Kanning: Da gibt es viele Punkte, die zusammenkommen. Man könnte sagen, Herr Holt hat vermutlich ein gutes Marketing gehabt und mit den Erwartungen seiner Opfer gespielt. Wir alle haben Vorstellungen davon, wie ein erfolgreicher Unternehmer auftritt. Und er hat diese Erwartung offenbar einfach bedient.

Sind diese Kreise vielleicht auch besonders anfällig, auf Betrüger hereinzufallen, weil da die Statussymbole so wichtig sind?

Kanning: Teilweise, aber es hat auch etwas zutiefst Menschliches. Die Forschung zeigt, dass wir keine guten Menschenkenner sind. Ich gebe Ihnen mal ein Beispiel aus der Personalauswahl: Die meisten Einstellungsinterviews in Deutschland laufen sehr unstrukturiert. Man plaudert eine Dreiviertelstunde, da gibt es ein paar Standardfragen, ansonsten ist es ein Gespräch. Und am Ende entscheidet jemand: Werde ich genommen oder nicht? Mit solchen Auswahlverfahren können sie nur zu zehn Prozent die berufliche Leistung prognostizieren. Praktiker, die solche Interviews durchführen, glauben, dass der Wert über 40 Prozent liegt. Das heißt, wir überschätzen unsere tatsächliche Urteilsfähigkeit. Das hat viel mit dem Aussehen zu tun. Wenn jemand übergewichtig ist, erleben wir die Person als weniger leistungsstark. Wenn jemand gut aussieht, überschätzen wir die Person in ganz vielen Eigenschaften. Wir erleben sie als intelligent, als fachkompetent, als sympathisch. Wenn da also jemand auftritt, der geschniegelt und auch nicht unattraktiv ist und gute Umgangsformen hat, dann würden die meisten von uns den positiv erleben. Und Hendrik Holt hat relativ weiche Gesichtszüge. Aus der Grundlagenforschung weiß man, dass Menschen mit weichen Gesichtszügen vertrauenswürdiger erscheinen als Menschen, die markante Gesichtszüge haben. All das führt dazu, dass wir Menschen verzerrt wahrnehmen und zu unkritisch mit unserer eigenen Urteilsbildung umgehen.

Das Interview führte Susanne Schäfer, NDR.de/Niedersachsen.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Regional Osnabrück | 31.08.2021 | 13:30 Uhr

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