Corona-Kontaktlisten: Viel Arbeit - wenig Nachfrage

Stand: 11.10.2020 02:00 Uhr

Kontaktlisten bedeuten viel Aufwand für die Gastronomen. Doch nach einer Abfrage des NDR in Niedersachsen werden sie von den Behörden kaum abgefragt.

von Lars Ohlenburg

Im Minutentakt kommen die Gäste durch die Schiebetür. Es ist Frühstückszeit im Hotel "Freizeit In" in Göttingen. Am Empfang steht Stefanie Buchner gemeinsam mit ihrer Kollegin. Jeder Gast wird begrüßt, auf die Corona-Regeln hingewiesen und dann nach den Kontaktdaten gefragt. Mehr als 150 Kontaktzettel füllen Buchners Gäste heute aus. Die Hotelgäste geben ihren Namen, ihre Telefonnummer und Zimmernummer an, die externen Besucher, die gerade am Wochenende oft zum Frühstück kommen, müssen zusätzlich noch die Adresse angeben.

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Riesiger Aufwand - viel Papierverschwendung

Der Aufwand sei riesig, die Papierverschwendung ebenfalls, sagt Buchner. Eine digitale Lösung komme für das "Freizeit In" nicht in Frage. Zwar würde das Arbeit sparen, doch viele der Gäste tun sich mit Smartphone und Co. schwer. Außerdem behalte man dabei nur schwer den Überblick, wer sich bereits angemeldet hat und wer nicht. Da bleibt nur der analoge Weg. Gefragt hat das Gesundheitsamt allerdings noch nie nach den Zetteln.

30 angeforderte Kontaktlisten

Diese Erfahrung haben die meisten Gastronomen in Niedersachsen gemacht. Der NDR hat bei acht Kommunen und Landkreisen nachgefragt, wie häufig Kontaktlisten erbeten wurden - unter anderem bei der Region Hannover, dem Landkreis Göttingen und dem Landkreis Lüneburg. Das Ergebnis: Nur rund 30 Mal forderten die Gesundheitsämter seit Beginn der Pandemie die Kontaktlisten an. Das sei kaum verwunderlich, erklärt Svenja Schulz von der Region Hannover.

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Genügend Platz? Keine Kontaktlisten

Sollte ein Corona-Infizierter angeben, dass er in einem Restaurant zu Besuch gewesen sei, prüfe das Gesundheitsamt zunächst, ob dort die Hygiene- und Abstandsregeln eingehalten werden. Wenn zwischen den Tischen genügend Platz sei, gäbe es keinen Anlass dafür, die Kontaktlisten anzufordern, so Schulz. Wenn die Listen benötigt werden, seien sie aber immer vorhanden gewesen. Bei den acht vom NDR angefragten Kommunen fehlte sie nur in einem Fall.

Aktenordner voll mit Kontaktzetteln

Wie groß der Aufwand für die Gastronomen ist, zeigt sich im Büro von Stefanie Buchner. Rund ein Dutzend Aktenordner steht im Regal. 21 Tage lang hebt das "Freizeit In" die Kontaktzettel auf. Das heißt aber auch, dass die Zettel täglich aussortiert werden müssen. Da sie persönliche Daten enthalten, werden sie in einem Extra-Container gesammelt und dann von einer externen Firma vernichtet. Zusatzkosten und viel Arbeitszeit heißt das für den Betrieb. Fehlen Zettel oder sind die Angaben falsch, drohen Bußgelder für Gast und Wirt. Deshalb prüft das Team von Buchner sofort nach dem Ausfüllen der Zettel, ob die Daten plausibel sind.

Mit Bußgeldern gegen Fake-Namen

Wie wichtig diese Prüfung ist, zeigte sich in Hamburg. Nach einer Corona-Infektion eines Gastes forderte das Gesundheitsamt die Kontaktlisten einer Bar an. Doch einige der Gäste hatten Fantasie-Namen wie "Donald Duck" oder "Darth Vader" angegeben. Eine zuverlässige Kontaktnachverfolgung war so nicht mehr möglich. Den Gästen droht zwar ein Bußgeld von mindestens 50 Euro, aber ist der Gast nicht auffindbar, waren die Behörden bislang machtlos.

Neue Verordnung: Bußgelder auch für Wirte

Mit der Verordnung des Landes Niedersachsen, drohen auch den Gastwirten Strafen. Sie haben die Daten ihrer Gäste auf Plausibilität zu prüfen - zur Not mit Hilfe des Ausweises. Sollte die Identität nicht geklärt werden können, darf der Zutritt zur Gaststätte nicht erlaubt werden. Wird dagegen verstoßen, droht ein Bußgeld von bis zu 25.000 Euro. Entsprechende Regeln gibt es auch für Fitnessstudios, Museen und andere Einrichtungen. Ordnungsamt und Polizei können stichprobenartig prüfen, ob die Listen korrekt gepflegt worden sind. Wenn nicht, wird ein Bußgeldverfahren eingeleitet. Bei den acht Kommunen und Landkreisen, die auf die Anfrage des NDR geantwortet haben, laufen derzeit rund 130 Verfahren gegen Gäste und Gastwirte.

Weitermachen, wenn es hilft

 "Wenn es hilft eine Infektion zu verhindern, dann machen wir weiter", sagt der Geschäftsführer des Hotel- und Gaststättenverbandes Dehoga in Niedersachsen, Rainer Balke. Er weiß, wie hoch der Aufwand für seine Mitglieder ist und die Bußgelder für Gastwirte hält er für wenig zielführend. Doch wenn durch diese Mehrarbeit die Betriebe am Laufen gehalten werden können, dann werde man weitermachen. So sieht es auch Stefanie Buchner vom "Freizeit In": Irgendwie sei die Arbeit schon zu stemmen. Ihre Gäste seien froh, dass trotz der Pandemie zumindest wieder ein bisschen Normalität eingekehrt ist.

 

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Aktuell | 09.10.2020 | 17:00 Uhr

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