Stand: 18.02.2020 14:15 Uhr  - NDR Kultur

Zum Tode von Ror Wolf

von Alexander Solloch

Ror Wolf war einer der großen Sprachmusiker der deutschen Nachkriegsliteratur: Aus dem Wortgewimmel, das ihn umgab und uns alle umgibt, aus dem Geschwätz und Geplapper, machte er Kunst. Verschrobene Romane und merkwürdige Erzählungen hat Ror Wolf geschrieben, Hör-Collagen komponiert, komisch-melancholische Gedichte sind ihm aus der Feder geflossen. Montagabend ist er im Alter von 87 Jahren nach langer Krankheit in seiner Wahlheimat Mainz gestorben. Ein Nachruf von Alexander Solloch.

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Ror Wolf wurde am 29. Juni 1932 in Saalfeld geboren.

An einem Augusttag im Jahr 2008 wedelte ein stattlicher Mann in Hamburg stolz mit einem kleinen Schriftstück. Eine Postkarte war's, aufgegeben in Mainz, und nichts, meinte man, konnte den Mann in diesem Moment - und vielleicht überhaupt - jemals glücklicher machen als die paar Worte darauf: freundliche, anerkennende Worte von Ror Wolf. Sie galten Harry Rowohlt, den sonst nie etwas aus der Fassung brachte, er errötete vor Glück. So groß war Ror Wolf.

Mit einer lyrischen Familienaufstellung begann 1959 Ror Wolfs öffentliches Staunen: Er staunte über die Menschen und die sonderbaren Worte, die sie sagen, die flüchtigen Pläne, die sie schmieden, die eitlen Träume, die sie hegen und zerplatzen lassen, die Grausamkeiten, die sie erdulden.

Von der DDR in die Bundesrepublik

Geboren wurde Ror Wolf 1932 in Thüringen. Nach dem Krieg musste er sich als Jugendlicher zeitweise ganz allein durchschlagen, weil seine Eltern inhaftiert waren. 1953 siedelte er von der DDR in die Bundesrepublik über, studierte in Frankfurt, war für kurze Zeit Literaturredakteur beim Hessischen Rundfunk - und begann zu schreiben. Als Grundstimmung seiner Texte wünschte er sich "ein Komplott aus Leichtigkeit, Schwermut, Spiel, Ernst, Skurrilität, Lust, Spaß und Entsetzen".

"Wesentlich hohe Gefühlswerte findet man ja nun wirklich nicht in unserer Gesellschaft. Und ich erlaube mir einfach als Autor, ein Angebot von Realität zu machen. Und das sieht so aus. Ich habe ja selbst zuweilen irgendwo gelegen, ich habe drei Monate - das ist nicht sehr viel, es gibt Menschen, die Fürchterliches durchgemacht haben, viel, viel Schlimmeres -, aber auch drei Monate in üblen Barackenlagern zugebracht, eigentlich entwürdigend und zukunftslos. Diese Dinge stecken natürlich noch irgendwo in meinem Kopf, in meinem Gedächtnis. Ich habe sie erlebt. Und ich darf sie nun also als Autor wieder hervorholen und einem Leser mitteilen." Ror Wolf

Von ganz normalen Tragödien

Mikrofon im NDR Kultur Studio © NDR Foto: Mathias Heller

Zum Tode von Ror Wolf

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Ror Wolf war einer der großen Sprachmusiker der deutschen Nachkriegsliteratur. Am 17. Februar ist er im Alter von 87 Jahren nach langer Krankheit in seiner Wahlheimat Mainz gestorben.

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So sammelte Ror Wolf aus eigenem und fremden Erleben Geschichten, die von den ganz normalen Tragödien der Menschen und vom irdischen Durcheinander erzählen. "Fortsetzung des Berichts", "Nachrichten aus der bewohnten Welt" und "Raoul Tranchireres Enzyklopädie für unerschrockene Leser" heißen die Bücher, in denen sie versammelt sind: Grotesken am Grenzübergang von Grauen und Gelächter.

Ror Wolf, der Solitär, hat auch dem Unsinn sicherlich nicht Sinn, aber doch Schönheit abgelauscht, gerade auch mit seinen genialen Fußball-Collagen, die der Eintracht-Frankfurt-Anhänger in den 70er-Jahren für den Hessischen Rundfunk anfertigte.

Diesen Dichter kann nichts umwerfen, dachte man in den vergangenen Jahren: Ror Wolf hatte es sich zur Gewohnheit gemacht, Interviewtermine immer wieder kurzfristig abzusagen, weil er wieder einmal todkrank geworden war - und dann doch immer weitergelebt. An dieser Gewohnheit hätte er festhalten sollen.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch unterwegs | 18.02.2020 | 14:20 Uhr

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