Stand: 14.06.2017 17:19 Uhr

Eine Moschee für alle

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Geboren in der Türkei, wohnhaft in Deutschland - die Rechtsanwältin, Autorin und Frauenrechtlerin Seyran Ates.

Eine Gemeinde für liberale Muslime, für Frauen und Männer - das ist die Vision von Seyran Ates. Mitte Juni soll in der Berliner Moschee das erste Freitagsgebet stattfinden. Eines Tages will die Rechtsanwältin und Publizistin dort auch selbst als Imamin predigen. "Wir modernen, liberalen Muslime müssen sichtbar werden, wir dürfen die Konservativen nicht einfach nur kritisieren, sondern müssen Verantwortung übernehmen", sagt die "säkulare Muslimin". Wie es ihr gelang, die Idee von einer liberalen Moschee zu verwirklichen, erzählt sie in Klassik à la carte.

Frau Ateş, zunächst einmal: Herzlichen Glückwunsch und alles Gute für diese Moschee, die ja ein lang gehegter Traum von Ihnen gewesen ist. Die Idee ist ja schon relativ alt.

Ates: Ja, die Idee ist 2009, am Ende der Islamkonferenz entstanden. Und seit acht Jahren arbeite ich auch wirklich an dieser Idee. Das war ein richtiger Kraftakt, auf den letzten Metern auch noch all diese tollen Leute zusammenzukriegen, die mit mir zusammen die Gesellschaft gegründet haben.

Die klingt erst einmal überzeugend. Nun gibt es in Berlin bereits rund 80 Moscheegemeinden. Warum ist in diesen acht Jahren, oder auch davor, keine Moschee entstanden, die genau das bietet, was Sie suchen?

Freitagsforum
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Liberal, aber umstritten: Moschee im Namen Goethes

09.06.2017 15:20 Uhr
NDR Kultur

Moscheen, in denen Frauen und Männer gemeinsam in einem Raum beten können, gibt es nur wenige. Die Frauenrechtlerin Seyran Ateş gründet nun die liberale Ibn Rushd-Goethe-Moschee in Berlin. mehr

Ates: Da sprechen Sie ein ganz wichtiges Thema an. Ich habe mich auch gefragt: Warum machen das nicht die anderen Leute? 2009 gab es zum Beispiel eine Dokumentation über mich: "Seyran Ates - Mein Leben". In diesem Film habe ich von dieser Moschee-Idee erzählt. Ich habe eine Gruppe von ungefähr 15 Leuten in meiner Wohnung versammelt: Da war zum Beispiel ein schwuler Imam aus Marokko. Ich habe in der Folgezeit nach diesem Film auch vielen Leuten von dieser Idee erzählt und zwischendurch gehofft, dass andere das umsetzen. Aber es ist nicht passiert. Ich bin selbst heute noch irritiert darüber.

Waren Sie vielleicht zu liberal? Denn einige von denen - Sie haben den schwulen Imam aus Marokko angesprochen - sind ja dann am Ende ausgeschieden, weil sie nicht mit Ihren Überzeugungen mithalten wollten - im konkreten Beispiel, dass Frauen ohne Kopftuch in der Moschee beten dürfen.

Ates: Ja, genau. Da war ich sehr irritiert über die Haltung dieses Herrn: schwul geht - aber ohne Kopftuch geht nicht. Für einige Leute ist das Thema Kopftuch das Ja-oder-nein-Thema. Andere Leute, die mitmachen, für die ist das gerade wichtig, dass wir dort keinen Zwang ausüben, dass wir sagen: Frauen mit oder ohne Kopftuch sind bei uns willkommen.

Auch Frauen mit Kopftuch - diesen Satz hätte man von Ihnen vor acht Jahren vermutlich noch nicht gehört, oder?

Ates: Nein. Es ist gut, dass Menschen sich entwickeln. Auch ich bin stolz darauf, dass ich dazulerne. Vor acht Jahren habe ich, im Gegenteil, ganz vehement gesagt: Auf keinen Fall mit Kopftuch. Wenn die anderen uns zwingen, mit Kopftuch in die Moschee zu gehen, dann darf ich auch das Hausrecht ausüben und sagen: Zu uns kommt keine Frau mit Kopftuch. Aber da habe ich mich wirklich eines Besseren belehren lassen.

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Seyran Ateş' liberale Moschee provoziert

Einen friedlichen Islam, "der den Dialog mit anderen Religionen pflegt", wünscht sich Frauenrechtlerin und angehende Imamin Seyran Ateş. Ihre liberale Moschee ist eine Provokation. mehr

Auf der anderen Seite habe ich glücklicherweise gesehen, dass eine Entwicklung innerhalb der muslimischen Community stattgefunden hat, auch bei den Frauen mit Kopftuch, die ich mir vor acht Jahren auch schon gewünscht habe: dass es Frauen gibt, die dieses Kopftuch nicht ausschließlich als politisches Thema haben, sondern andere Frauenthemen. Und dass das Kopftuch für sie nicht das erste Thema ist bei ihrer Religion, sondern dass es die fünf Säulen des Islam sind. So konnte ich die Erfahrung machen, dass in den letzten acht Jahren immer mehr jüngere Frauen vor allem angefangen haben, nachzudenken über die Verhüllung. Diese Entwicklung hat stattgefunden und ich bin glücklich darüber. Deswegen kann ich ruhigen Herzens heute sagen: Junge Frauen, auch ältere Frauen, die unsere Präambel, die Inhalte unserer Moschee teilen, sind herzlich willkommen.

Die Probleme bei der Integration zeigen, dass es nicht so leicht zu sein scheint, Orient und Okzident wieder zusammenzubringen. Oder um es mit Rudyard Kipling, einem großen Schriftsteller, zu sagen: "Ost ist Ost und West ist West - das wird nie zusammenkommen."

Ates: Bei der Behauptung kräuseln sich mir nicht nur die Zehnägel und die Nackenhaare, sondern vieles mehr. Ich habe da keinerlei Verständnis für solche Formulierungen. Ich selbst bin ein Produkt von Ost und West, und mit meiner transkulturellen Identität genieße ich diese Verbindung. Nur wenn wir kulturell und in der Bildung diese Verbindung vermitteln, werden wir auch den Frieden schaffen.

Trotzdem fehlen immer noch die aufgeklärten Stimmen im Islam, die sich an den Diskussionen beteiligen. Es gibt erste Schritte. Werden diese Stimmen in Deutschland nicht genug wahrgenommen? Bekommen sie nicht genug Öffentlichkeit?

Ates: Sie haben vollkommen Recht, wenn Sie sagen, dass die Stimmen nicht genug gehört werden und dass diese Stimmen zurzeit auch nicht stark wirken, weil sie nicht die Wirkung zeigen. Es ist auch richtig, dass die Mehrheitsgesellschaft das nicht so wahrnimmt, als ob diese Stimmen da wären, weil sie nicht kundgetan werden. Deshalb haben wir diese Moschee gegründet. Ich habe die Intention, all diesen Gesichtern und Stimmen Raum zu geben. Im Juli wird ein schwuler Imam aus Marseille bei uns beten. Im August wird Sherin Khankan aus Dänemark kommen und das Freitagsgebet leiten. Ich werde aus der gesamten islamischen Welt, von Marokko bis Indonesien, all die hellen Geister, die aufgeklärten Muslime, die in ihren Ländern die Arbeit machen, die wir hier machen, aber sich weniger trauen an die Öffentlichkeit zu gehen, hierher einladen und ihnen eine Bühne bieten.

Und eines Tages würden Sie auch gerne diese Bühne betreten: als Imamin. Sie befinden sich gerade in der Ausbildung.

Ates: Genau. Im Islam gibt es keine Ordination, keine Vorgabe, dass man bestimmte Dinge machen müsste. Natürlich muss man den Koran kennen, die Gebete machen können, aber es gibt nichts Institutionalisiertes wie in der Kirche. Nichtsdestotrotz muss man genug Wissen haben - und deshalb bin ich dabei, das im Selbststudium zu erlernen. Ich werde ab dem Wintersemester an der FU Islamwissenschaften studieren sowie islamische Theologie, sobald das in Berlin eingerichtet ist. Aber mein Traum ist es, ein Jahr noch in ein islamisches Land zu gehen.

Sind in dieser Moschee auch Nichtmuslime willkommen, wenn über den Islam diskutiert wird?

Ates: Auch Atheisten. Wir mögen den Dialog, und wir wollen untereinander, unter den Muslimen ins Gespräch kommen. Wir wollen aber unbedingt auch ins Gespräch kommen mit Christen und Juden, aber auch mit Menschen, die nicht an Gott glauben. Dann können wir da über Gott diskutieren.

Das Gespräch führte Jan Ehlert.

Das komplette Gespräch zum Nachhören
36:09

Seyran Ateş, Frauenrechtlerin, Anwältin

16.06.2017 00:00 Uhr
NDR Kultur

Engagierte Rechtsanwältin und streitbare Publizistin: Seyran Ateş kämpft für einen liberalen Islam. Wie sie in Berlin eine Moschee gründete, erzählt sie im Gespräch. Audio (36:09 min)

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassik à la carte | 16.06.2017 | 13:00 Uhr

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