Emran Feroz im Porträt © picture alliance / Frank May | Frank May

Scheitern in Afghanistan: Grundstein gelegt mit "Koffern voller Geld"

Stand: 16.08.2021 19:45 Uhr

Es war in den vergangenen Tagen atemberaubend, in welcher Geschwindigkeit die Taliban Afghanistan eroberten. Viele, auch in politischer Verantwortung, reiben sich verwundert die Augen. Andere - wie der Journalist Emran Feroz - haben es so oder so ähnlich kommen sehen.

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Feroz ist Österreicher mit afghanischen Wurzeln und berichtet seit Jahren für deutschsprachige Medien wie "Die Zeit", "taz" und "WOZ" aber auch internationale wie die "New York Times" und CNN über die Situation am Hindukusch.

Anfang Oktober hätte zum 20. Jahrestags des Beginns des sogenannten "Kriegs gegen den Terror" seine Analyse "Der längste Krieg - 20 Jahre War on Terror" erscheinen sollen. Aus aktuellem Anlass ist das Erscheinen nun auf kommenden Montag vorgezogen.

Herr Feroz, Sie beschreiben in Ihrem Buch den gesamten "War on Terror" in Afghanistan als in jeglicher Hinsicht gescheitert. Wie konnte das geschehen?

Emran Feroz: Ich denke, die Grundsteine hierfür wurden bereits in den ersten Tagen des "War on Terror" gelegt. Diese ersten Tage begannen mit Koffern voller Geld. Die Amerikaner sind nach Afghanistan geflogen. Die CIA und das US-Militär haben dort verbündete Warlords, korrupte Politiker, Drogenbosse und andere quasi gekauft, indem sie Koffer voller Bargeld ausgehändigt haben. Jetzt haben wir gestern erfahren, dass Ashraf Ghani, der letzte Präsident des vom Westen installierten Regimes in Kabul, mit Koffern voller Bargeld aus Afghanistan geflüchtet ist. Und ich denke, das rundet die Geschichte des Scheiterns ganz gut ab.

Dieses Scheitern kann doch vorher nicht verborgen geblieben sein. Hat man die Augen zu und einfach weitergemacht?

Feroz: Die Amerikaner und ihre Verbündeten haben schon sehr bald gemerkt, was für korrupte, problematische Menschen in Afghanistan herrschen und mit wem man sich da überhaupt verbündet hat. Und das war auch einer der Gründe für die Eiszeit zwischen der Obama-Administration und der Regierung von Hamid Karzai, die Ende 2001 an die Macht gekommen ist in Kabul. Und es gab dann auch immer wieder Offizielle, die darauf aufmerksam machten. Zum Beispiel hat die US-Regierung regelmäßig in vom Kongress in Auftrag gegebenen Berichten auf die Missstände in Afghanistan hingewiesen.

In Afghanistan ist ja trotzdem auch versucht worden, eine funktionierende Zivilgesellschaft aufzubauen. Dabei ging es etwa um die Justiz, um die Bildung oder um die Gleichstellung. Warum ist das jetzt so schnell vom Tisch gewischt? Ist das alles schiefgegangen?

Feroz: Das war alles nur sehr oberflächlich, und zwar in vielerlei Hinsicht. Sie müssen bedenken: Immer, wenn über Afghanistan berichtet wurde und wird, hört man meisten nur, was in Kabul passiert. Wir sehen immer Bilder aus Kabul und das hat zu einer dauerhaften Realitätsverzerrung geführt. Natürlich gab es in urbanen Gebieten wie zum Beispiel in Kabul, aber auch in anderen Städten, Fortschritte in diesen Dingen. Es gab auch eine heranwachsende Jugend und die Generation davor, die diese Dinge zu schätzen wusste. Aber meist hat nur eine kurze Fahrt gereicht, um das eigentliche Afghanistan zu erleben. Eine 30-minütige Fahrt vom Präsidentenpalast hat ausgereicht, um in das ländliche Afghanistan zu reisen, in dem all diese Dinge, die Sie genannt haben - Infrastruktur, Gesundheitswesen, Sicherheitsapparat und so weiter - nicht vorhanden waren. Stattdessen wurden sie meist von den Taliban dominiert und jetzt auch umso schneller wieder eingenommen. Das hat auch mit diesen Fehlern zu tun, die am Anfang begangen wurden. Denn die Institutionen, die man schuf, waren aufgeblasen, mehr Schein als sein. Und wir haben viele Gegenden in Afghanistan nie wirklich erreicht. Und wenn, dann meistens in Form von korrupten Offiziellen oder gewalttätigen Armeesoldaten. Und von denen wollten die Leute dort nichts wissen.

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In den letzten Tagen hörte man, in welcher Gefahr sich die früheren Mitarbeitenden der Deutschen in Afghanistan jetzt befinden. Wieviel Gefahr geht insgesamt von den Taliban aus, auch nach außen? Muss man befürchten, dass eine neue Al-Qaida-Bewegung heranwächst?

Feroz: Die Taliban versuchen gerade in diesen Tagen, besonders vorsichtig zu sein - vor allem dabei, wie sie in Kabul agieren. Denn sie wissen, dass die ganze Welt auf sie schaut. Sie wollen den Menschen vor Ort, aber auch der gesamten Welt zeigen, dass sie nicht jene Taliban aus den 1990er-Jahren sind. Und deshalb müssen wir da tatsächlich noch ein bisschen abwarten, was passiert. In jenen Gebieten, die bereits von den Taliban länger kontrolliert werden, werden, sieht man aber, dass sich da ideologisch nicht viel verändert hat. Da herrschen dann die gewohnten Taliban-Strukturen. Zum Teil wurde Frauen und Mädchen untersagt, Berufe auszuüben oder zur Schule zu gehen. Es gab auch Hinrichtungen. Es gab auch Racheakte, sie haben die Ortskräfte erwähnt.

Und in Sachen Al Qaida: Da würde ich tatsächlich ein bisschen aufpassen. Denn es war auch in den 1990er-Jahren so, dass die Taliban überhaupt kein Interesse an Al Qaida hatten. Osama bin Laden wurde nicht von den Taliban nach Afghanistan geholt, sondern von einem bekannten Mudschahidin-Warlord, der 2001 zum Verbündeten der Amerikaner wurde. Und die Gastfreundschaft haben damals dann die Taliban übernommen. Sie haben Al Qaida oft kritisch beäugt, haben sie aber nie wirklich ernst genommen. Und das hat sich dann ja schlecht ausgezahlt, wie man mittlerweile weiß, weil sie dann im Endeffekt wegen Al Qaida verjagt wurden. Mittlerweile haben die Taliban mehrfach gesagt, dass man in Zukunft keinen ausländischen terroristischen Gruppierungen in Afghanistan eine Herberge anbieten will. Und das wurde auch im Vertrag, den die Taliban mit den Amerikanern im vergangenen Jahr unterzeichnet haben, so festgemacht. Jetzt können sich die Beobachter nicht einigen, ob man ihnen glauben soll oder nicht. Es ist nämlich sehr schwer zu kontrollieren, ob sich zum Beispiel gerade ausländische Dschihadisten in Afghanistan befinden.

Das Gespräch führte Jürgen Deppe.

Emran Feroz Buch "Der längste Krieg - 20 Jahre War on Terror" erscheint am 23. August im Westend Verlag und wird 18 Euro kosten.

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NDR Kultur | Journal | 16.08.2021 | 18:00 Uhr