Stand: 17.02.2020 11:28 Uhr  - NDR 90,3

Hamburger Publikum feiert Premiere von "Cabaret"

von Annette Matz

"Willkommen, Bienvenue, Welcome": Im Hamburger Hansatheater hat am Sonntag das Musical "Cabaret" Premiere gefeiert. In dem 125 Jahre alten Traditionsvarieté stehen normalerweise internationale Artisten auf der Bühne. Jetzt wurde das Haus in den legendären KitKat Club aus dem Berlin Ende der 20er-Jahre verwandelt - mit Fransenkleidern, Zigarettenspitzen und verruchter Lebenslust.

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Chansonnier Tim Fischer spielt den zwielichtigen Conférencier im Musical "Cabaret".

Das Publikum feierte das Stück am Sonntagabend mit langem und begeistertem Applaus: "umwerfend gut", "großartige Künstler, tolle Musik". Hausherr Ulrich Waller hat zusammen mit Co-Regisseurin Dania Hohamnn eine großartige Inszenierung auf die Bühne am Steindamm gebracht. Kurzweilig und glamourös, berührend, herzlich und tief. Im verruchten KitKat Club, wo man sich lebenshungrig amüsiert und alles möglich scheint, sorgt Tim Fischer als diabolischer, undurchsichtiger Conférencier vom ersten Moment an für einen besonderen Sog. Nie fühlt man so sich ganz sicher vor ihm, weiß nicht so genau, ob sein Lächeln es wirklich gut mit einem meint.

Liebespaare stehen im Mittelpunkt von "Cabaret"

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Schauspielerin Anneke Schwabe (3.v.r) ist in der Rolle der Sally Bowles zu sehen.

Mit Sängerin Sally Bowles, wunderbar gespielt von Anneke Schwabe, nimmt die eigentliche Geschichte Fahrt auf, die sich um zwei Liebespaare dreht: Sally verliebt sich in den jungen amerikanischen Schriftsteller Cliff, wird schwanger und entscheidet sich später für die Karriere. Und der jüdische Obsthändler Herr Schultz macht der ältlichen Zimmerwirtin Fräulein Schneider einen Heiratsantrag. Gespielt wird das alte Paar zart und berührend von Angela Winkler und Peter Franke. Beide sind herausragend, sie werden mit minutenlangem Szenenapplaus bedacht. Doch die Leichtigkeit ist bald vorbei, als ein Bekannter sich als Nazi zu erkennen gibt und die Verlobungsfeier verlässt, nachdem er erfährt, dass das Fräulein Schneider einen Juden heiraten will. "Er ist nicht deutsch, er wird nie ein Volksgenosse sein. Gute Nacht."

"Cabaret" hat an Aktualität nichts verloren

Die politische Seite dieses Abends beeindruckt dann auch genauso wie die unterhaltende. Das Musical "Cabaret" erschien Mitte 60er-Jahre - die Brisanz des Stückes scheint man aber im Moment wieder besonders zu spüren. Niemanden lässt das Thema an diesem Abend kalt, mancher geht bedrückt nach Hause. Da gehe einem plötzlich ein Schauer durch den Körper, das sei die Diskussion, die wir jetzt auch haben, erzählt ein Besucher nach der Aufführung.

Auch Schauspielkollegin Eva Mattes saß im Publikum und war beeindruckt: Das Stück habe eine starke, inhaltliche Wirkung. "Das habe ich so nicht erwartet." Sie wünscht sich sogar, dass das Stück auf Tournee geht. Die Künstler und Künstlerinnen sah man aber erst mal hinter dem Vorhang nach dem Schlussapplaus auf der Bühne feiern. Zu Recht: "Cabaret" im Hansa Varieté Theater ist in jeden Fall einen Besuch wert.

Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Kulturjournal | 17.02.2020 | 19:00 Uhr