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"Man kann Ostdeutsche nicht über einen Kamm scheren"

Stand: 28.09.2020 14:55 Uhr

Am kommenden Sonnabend jährt sich am 3. Oktober 1990 die deutsche Wiedervereinigung zum 30. Mal. Am Montagabend hat das Erste die Dokumentation "Wir Ostdeutsche" ausgestrahlt. Darin lässt Regisseur Lutz Pehnert zehn Ostdeutsche zu Wort kommen.

Herr Pehnert, Sie haben Regie geführt und die Protagonistinnen und Protagonisten zusammengestellt - gibt es dieses verbindende Gefühl "wir Ostdeutsche"?

Lutz Pehnert: Es gibt zumindest dieses Gefühl, aus einer gemeinsamen Herkunft und Erfahrung zu kommen, auch aus einem gemeinsamen Wirtschaftsstandort, nämlich Ostdeutschland. Das ist erst einmal grundlegend und elementar, und je nach Generation, je nach Milieu, je nach persönlichen Erfahrungen differenziert das alles. Man kann die Ostdeutschen nicht einfach so über einen Kamm scheren. Der Titel ist vielleicht etwas provokativ, weil sich das "wir" in viele einzelne Individuen auflöst.

Ist dieses "wir" eher ein Zusammenhalt der Menschen östlich von Oder und Elbe oder eher ein Zusammenhalt gegenüber dem "westlich von Oder und Elbe".

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Pehnert: Das kann man so und so sehen. Erst mal ist das "wir" eine grundlegende Erfahrung aus der Kollektivgesellschaft DDR, wo die Gruppe immer über dem Individuum stand. Es war eine existenzielle Erfahrung in den 90er-Jahren, in einem komplett neuen System auf sich selbst gestellt zu sein und sich individuell durchzuboxen. Das war für viele Ostdeutsche eine neue Erfahrung, wobei man nicht sagen kann, dass die, die in der DDR gelebt haben, komplette Jammerlappen gewesen wären. Aber man muss sich vor Augen führen, dass man über Nacht in ein komplett neues System gewechselt ist, das man nicht kannte und man damit erst einmal seine Erfahrungen machen musste.

Der tiefste Einschnitt war Anfang der 90er die Treuhandgesellschaft und alles, was mit ihr an Veränderungen stattgefunden hat. Da haben sehr viele Menschen ihre Existenzen verloren. Andere, die in der Dokumentation auch vorkommen, waren zu der Zeit noch Säuglinge und haben das nicht am eigenen Leib erlebt. Trotzdem wirkt das bis heute nach. Was ist das für ein tiefer Einschnitt?

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Pehnert: Der tiefe Einschnitt ist nicht, dass die Nachbarin ihre Arbeit verliert, sondern dass am Beispiel des Schwermaschinenbaukombinats "Ernst Thälmann" in Magdeburg fast alle der 13.000 Leute ihre Arbeit verlieren. Plötzlich ist alles weg, und es gibt ad hoc nichts Neues, wo sie andocken können. Das ist der tiefe Einschnitt, den nicht nur eine einzelne Familie erlebt, sondern quasi eine ganze Gesellschaft.

Die Kinder haben das zwar nicht selbst erlebt, aber die haben das anhand ihrer Eltern erlebt - den Autoritätsverlust, dass sie sich erst mal neu orientieren mussten, dass sie keine Arbeit hatten. Insofern hat das auch die Generation danach mitgeprägt.

Auffällig ist, dass sich der Rechtsextremismus wie ein brauner Faden durch ihren Film zieht. Von Rostock-Lichtenhagen Anfang der 90er-Jahre über Pegida in Dresden bis zu den Ausschreitungen von Chemnitz vor zwei Jahren. Ihr Film liefert da immer mal wieder Erklärungsversuche - überzeugen Sie diese?

Pehnert: Die Erklärungsversuche sind nicht einheitlich, sondern verschieden. Es gibt da mitunter auch eine große Sprachlosigkeit. Die Entwicklung von Pegida und letztendlich auch von der AfD hat viel damit zu tun - das glaube ich und das glauben auch ein paar Protagonisten -, dass die Ostdeutschen jetzt in eine Sprache kommen, die sehr laut ist. Der "Jammer-Ossi" der 90er-Jahre hat sich in den "Wutbürger" der Gegenwart verwandelt. Da kommen Enttäuschungen und Demütigungen ans Tageslicht, die jetzt erst ausgesprochen werden können, was auch eine Protagonistin sagt. Hinzu kommt, dass die Ostdeutschen mit der Flüchtlingskrise erlebt haben, dass Menschen Zuneigung, Zuwendung und Respekt erfahren, was ihnen damals in gewisser Weise versagt geblieben ist. Da entsteht eine ganz merkwürdige Konkurrenz.

In Ihrem Film beklagen ausgesprochen reflektierte Ostdeutsche ein ums andere Mal nicht für voll, sondern nur als Stereotyp wahrgenommen zu werden - um gleichzeitig - auch im Jahr 2020 noch - den "Wessi" auch mehr oder weniger zu stereotypisieren. Mag es daran liegen, dass wir zu sehr an den Stereotypen statt an der Realität festhalten? Sollten wir vielleicht alles das, was wir voneinander denken, noch mal auf die Probe stellen?

Pehnert: Das wäre das Beste, was wir für die Zukunft tun könnten. Diese Kluft zwischen Ossis und Wessis ist in den frühen 90er-Jahren entstanden. Die Ostdeutschen wollten nicht mehr DDR-Bürger sein, sie wollten aber auch keine "Ostdeutschen" sein und haben ihre Herkunft in den frühen 90er-Jahren versteckt. Die wurde ihnen erst über das Bild bewusst, das die Westdeutschen sich von ihnen gemacht haben, die völlig irritiert waren, dass sie sich in "ihre" Bundesrepublik eingeladen haben. Auch Klischees aus der Zeit des Kalten Krieges, wie etwa Stasi-Staat und Unterdrückungsdiktatur, haben sich in diese Vereinigung verlängert. In diesen Klischees fanden sich die Menschen nicht wieder, und unterhalb dieser Klischees fand auch nicht das Gespräch zwischen Ost und West statt.

Das Interview führte Jürgen Deppe.

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AUDIO: "Man kann Ostdeutsche nicht über einen Kamm scheren" (8 Min)

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 28.09.2020 | 18:00 Uhr