Stand: 03.06.2019 18:45 Uhr

100 Jahre Merz: Was hatte Kurt Schwitters im Sinn?

Wie lässt sich eine Idee effektiv durchsetzen? Wie kann man sein Schaffen, Wirken und Werk auf einen Nenner bringen? Wie lässt sich Kunst erfinden und neugestalten? Kurt Schwitters dachte darüber nach und hatte die zündende Idee: Merz. Vier Buchstaben waren es, die zur Wortmarke und Sinnbild für vieles wurden. Das Sprengel Museum Hannover widmet sich dem 100. Geburtstag der Kunstrichtung, die Kurt Schwitters begründet hat, mit einer Ausstellung: "100 Jahre Merz. Kurt Schwitters Crossmedia". Kuratiert wird sie von Katrin Kolk und von Isabel Schulz.

Frau Schulz, Merz ist eine Silbe, die zur Wortmarke einer Ein-Mann-Bewegung wurde. Sie sind nicht nur Kuratorin der Ausstellung, sondern auch Leiterin des Kurt Schwitters Archives. Was genau hatte Kurt Schwitters mit Merz im Sinn? Wofür steht Merz?

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Dr. Isabel Schulz ist Leiterin des Kurt Schwitters Archivs im Sprengel Museum Hannover.

Isabel Schulz: Merz - da ist Schwitters Strategie aufgegangen - ist inzwischen zum Synonym für ihn als Künstler und seine Kunst geworden. Er hat sich innerhalb der vielseitigen Avantgarde während der Weimarer Republik behauptet - da gab es ja auch Dada, der Sturm und andere Bewegungen. Er hat selber gesagt, das sei eine Silbe von dem Wort "Kommerz". Es klingt gleichzeitig wie der Frühlingsmonat und symbolisiert dadurch auch einen Neuanfang. Außerdem gibt es einen Zusammenhang zum Wort "ausmerzen", also das Ausgesonderte. Und das ist das Spezifische seiner Kunst: Schwitters nimmt das vermeintlich Wertlose, die Abfälle, die täglich im Papierkorb landenden, bedruckten Papiere und schafft daraus etwas Neues. Das ist eines der Kennzeichen seiner Materialkunst.

Ist ihm das gelungen? 1919 war der Erste Weltkrieg gerade zu Ende. Merz kann als Aufbruchsmetapher gelesen werden, denn Schwitters suchte nach einem Neuanfang; mit der Merzkunst sollte Neues entstehen.

Schulz: Es war zumindest ein utopischer Wunsch - wie von vielen Künstlern. Es war eine internationale Phalanx von Künstlern, die diese Aufbruchstimmung nach dem Ersten Weltkrieg genutzt haben, um eine neue, eine bessere Welt oder einen neuen Menschen zu schaffen. Und die Kunst kann dazu beitragen, insofern sie bestimmte Ansätze und Haltungen propagiert. Und die Haltung von Merz war vor allem: künstlerische Freiheit in jederlei Hinsicht und gleichzeitig die Toleranz für jeden Andersdenkenden. Also kein Dogmatismus, kein Patriotismus, keine inhaltlichen, dogmatischen vorherbestimmten Ziele, sondern eine Offenheit, eine Freiheit und auch eine vermittelnde Funktion - das ist das Kennzeichen der März-Kunst.

Wie hat Kurt Schwitters das umgesetzt? Merz bedeutete auch Protest gegen den Irrsinn des Krieges, gegen die bürgerliche Ordnung. Diese Haltung machte sich auch bemerkbar bei den Aktionen, die veranstaltet worden sind. Wie sah so eine Veranstaltung aus?

Schulz: Schwitters hat sich sehr viel von den Dadaisten abgeschaut, die schon 1916 in Zürich begannen, sich zu formieren. Da waren provokante Mittel gegen die Zuschauererwartungen durchaus gang und gäbe. Bei der Dada-Tournee in Holland zum Beispiel, die Schwitters 1923 mit anderen Künstlern zusammen unternahm, saß Schwitters unerkannt im Publikum und mitten im Vortrag des anderen Künstlers fing er auf der Bühne an, wie ein Hund zu bellen. Das war natürlich ein Schock, eine Irritation, und es gab tumultartige Zustände in diesen Aufführungen.

Schwitters hat dann auch in Hannover und woanders Merz-Abende veranstaltet und seine Ursonate vorgetragen, bei der man keinen grammatikalischen oder inhaltlichen Sinn mehr erkennen konnte. Das wurde von vielen zunächst als Schwachsinn bewertet, aber gleichzeitig erzeugte das beim Publikum irgendwann einen Lachstau, und dieses Lachen ist so ein Befreiungsschlag gegen die Konventionen gewesen, was Kunst zu sein hat, wie Kunstformen daherkommen müssen, was als kunstwürdiges Material angesehen wird. Dagegen wurde rebelliert oder provoziert, um einen Neuanfang machen zu können.

Schwitters gab ab 1923 die Zeitschrift "Merz" heraus. War das ein sanfteres, ein weniger irritierendes Sprachrohr für die Ideen des Merz?

Schulz: Die Zeitschrift war das Medium der Kommunikation zwischen den Künstlern untereinander, aber auch dem kunstinteressierten Publikum, den Sammlern. Schwitters hat immer wieder das Medium Zeitschrift genutzt, um aber diese Ordnungsstruktur - ein Heft nach dem anderen - gleichzeitig zu unterlaufen. Deswegen haben wir es auch "Crossmedia" genannt, weil Schwitters auch die Gelegenheit genutzt hat, um schon 1923 eine Grammophonplatte als Teil dieser Reihe "Merz" zu verlegen und zu vertreiben.

Die Zeitschrift selbst ist sehr unterschiedlich ausgeprägt und hat auch verschiedene Funktionen. Er nennt es selbst: das offizielle Organ der Bewegung. Er hat da offenbar mit vielen anderen Künstlern kooperiert: Es gibt ein von El Lissitzky gestaltetes Heft oder es gibt eine Zusammenarbeit mit Hans Arp. Die Schwitterschen Spezifika liegen in der formalen Gestaltung. Er war auch Typograf, und wenn man das Heft durchblättern will, muss man es ständig drehen; es ist immer in Bewegung, und man kann es teilweise von hinten wie von vorne lesen. Es ist auch provokant gewesen, mit wechselnden Schriftarten und wechselnder Heftgröße. Jedes Heft sah anders aus, und das einzig gemeinsame dieser Reihe war das große "MERZ" auf dem Cover.

Wie werden Sie die Merz-Kunst im Sprengel Museum ausstellen? Lässt sich ein Eindruck von der Dynamik dieses Neuaufbruchs gegenwärtig vermitteln?

Schulz: Ich denke, dass die verschiedenen Aspekte und auch die Hauptwerke, die in unserer Sammlung sind, ganz gut vermittelbar sind und dargestellt werden können. Wir zeigen keine klassische Retrospektive vom Anfang bis zum Ende, sondern wir legen den Schwerpunkt auf die Zeit, wo diese Reihe "Merz" erschienen ist, auf die 20er-Jahre: die großen Merz-Bilder, objekthafte Kästen, Skulpturen, aber auch wunderschöne kleine Collagen, die nicht immer gezeigt werden können. Wir zeigen aber auch das große Plakat von seinem "Märzgedicht 1" an Anna Blume, was damals in Hannover die Litfaßsäulen zierte. Wir zeigen viele Fotos, die die Künstler in Aktion zeigen. Wir haben thematische Räume, etwa zu einem seiner Hauptwerke, der Ursonate, wo man Schwitters per Kopfhörer hören kann oder einen Stummfilm sehen kann. Erstmals zeigen wir aus dem Nachlass einige Notenschriften, wo er es auch als Komponist versucht, sich in einem anderen Medium auszudrücken. Es sind zwar Archivalien, die 100 oder 50 Jahre alt sind, sie werden aber so präsentiert, dass wir heute erneut draufschauen können und erfahren können, wie experimentierfreudig Schwitters schon vor 100 Jahren.

Das Interview führte Claudia Christophersen

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 31.05.2019 | 19:00 Uhr

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