Hans Scheibner ist tot: Spitze Zunge und Rückgrat

Stand: 26.05.2022 08:39 Uhr

Der Satiriker und Kabarettist Hans Scheibner hat im Fernsehen und auf Bühnen den Mächtigen die Leviten gelesen. Wie sein Management mitteilte, starb der gebürtige Hamburger am 23. Mai nach kurzer, schwerer Krankheit im Alter von 85 Jahren im Kreise seiner Familie.

von Daniel Kaiser

Geboren wird Scheibner am 27. August 1936 in Hamburg. Schon in der Schule schreibt er kleine Stücke und führt sie vor Mitschülern auf. Während seiner Kaufmannslehre tritt er im Hamburger Theater 53 mit Uwe Friedrichsen auf - auch als er noch in einer Lackfabrik arbeitet. Auf Kleinkunstbühnen macht er sich Anfang der 70er-Jahre einen Namen. Hans Scheibner und seine Lästerlyrik sind bald Kult.

Eklat im Fernsehen

Scheibner kommt ins Fernsehen. "Scheibnerweise" heißt die Sendung im Ersten. Das ist in den 80er-Jahren der bundesweite Durchbruch. Er ist geradlinig, aber auch unbequem. Am 1. November 1985 kommt es zum Eklat, als Scheibner im Fernsehen zum 30. Geburtstag der Bundeswehr das Tucholsky-Zitat "Soldaten sind Mörder" variiert. Er verliert die Sendung, und auch das "Hamburger Abendblatt" trennt sich von ihm als Kolumnisten.

Daniel Kaiser © NDR Foto: Marco Peter
AUDIO: Nachruf auf Hans Scheibner (1 Min)

Von Venske "zur Sau gemacht"

Hans Scheibner sitzt für den Spendentag von "Hand in Hand" am Telefon in der NDR 90,3 Spendenzentrale. © NDR Foto: Anna Rüter
"Wenn eine Ideologie auftaucht, an der man nicht zweifeln darf, dann musst Du gerade deshalb daran zweifeln", sagte Hans Scheibner.

Immer wieder eckt er an. Von Anfang an - und das nicht nur bei konservativen Zuschauern, sondern auch bei den linken Kollegen. Im scharfen Konflikt zwischen Kapitalismus und Kommunismus sitzt er oft zwischen den Stühlen. "Henning Venske hat mich in der 'konkret' damals so was von zur Sau gemacht", erinnert sich Scheibner. Als er sich mal über die Arbeiterlieder von Hannes Wader lustig macht, bringt er ebenfalls die halbe Kabarettszene gegen sich auf. "Die sagten, ich sei verrückt geworden. Ich war zu der Zeit aber auch noch in einer Firma angestellt und kannte die Lebenswelt der Arbeiter ganz genau. Die wollten nicht Wader hören, sondern mit ihrem Mercedes nach der Arbeit nach Hause fahren." Scheibner wirft vielen seiner sehr linken Kollegen vor, zu blauäugig gegenüber der DDR zu sein. Als Jahrgang 1936 nimmt man aus Zeiten von NS-Diktatur und Krieg bestimmte Prinzipien mit. "Wenn eine Ideologie auftaucht, an der man nicht zweifeln darf, dann musst Du gerade deshalb daran zweifeln", beschreibt Scheibner einmal seine Maxime.

Riesenerfolg mit Weihnachts-Kabarett

"Schmidtchen Schleicher mit den elastischen Beinen" - auch dieser deutsche Schlagertext stammt aus Scheibners Feder. Er hat ein Händchen für Unterhaltungstexte. In dieser Branche hätte er es vielleicht bequemer gehabt und weit bringen können. "Das haben mir damals viele geraten. Ich hätte damit vielleicht richtig reich werden können, aber ich wollte etwas machen, was sich auch später noch sehen lassen kann." Ein Riesen-Erfolg wird das Weihnachtsprogramm "Wer nimmt Oma?", mit dem er jahrelang auf Tour geht. "Als das Buch rauskam, wollte der Verlag den Titel verhindern, weil die den beleidigend fanden", erinnert sich Scheibner in einem Interview. In die Vorstellungen seien dann immer besonders viele Omas gekommen. "Die haben nämlich Humor." Den Weihnachtshasser wollte Scheibner dabei nie geben. "Ich habe zwar den Irrsinn und die lustigen Seiten von Weihnachten aufzeigt, aber eigentlich immer selbst gern Weihnachten gefeiert. Und das haben die Menschen gespürt."

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NDR Info | Aktuell | 26.05.2022 | 06:00 Uhr