Der Soziologe Jean Ziegler im Portrait. © NDR/imago/epd-bild/Heike Lyding Foto: Heike Lyding

Friedensnobelpreis an UN-Programm: "Unglaublich wichtig"

Stand: 09.10.2020 15:18 Uhr

Der Friedensnobelpreis 2020 geht an das Welternährungsprogramm WFP. Der Schweizer Soziologe Jean Ziegler war von 2000 bis 2008 UNO-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung und ist auch heute noch im Einsatz gegen den globalen Hunger.

Herr Ziegler, was sagen Sie zur Entscheidung des Komitees?

Jean Ziegler: Unglaublich wichtig, weil das Welternährungsprogramm für die humanitäre Soforthilfe auf der Welt zuständig ist. Im letzten Jahr haben 90 Millionen Menschen davon profitiert. Das Welternährungsprogramm ist im Moment in einer tiefen Krise, weil die Pandemie - nach den Aussagen der UNO - 235 Millionen Menschen mehr in den Abgrund des Hungers gestürzt hat. Das Welternährungsprogramm hat keine Mittel mehr und kann nicht mehr so viel Hilfe leisten, wie es sollte. Dass gerade jetzt der Friedensnobelpreis dem Welternährungsprogramm verliehen wird, ist eine unglaublich wichtige und hocherfreuliche Sache. Als Sonderberichterstatter habe ich die Arbeit des Welternährungsprogramms in der südlichen Hemisphäre aus der Nähe verfolgt, und das ist eine unglaublich effiziente Organisation.

Was bedeutet denn diese Auszeichnung für das Welternährungsprogramm abseits von dem finanziellen Aspekt?

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Eine ältere Muslima schaut aus einem Zelt im Flüchtlingslager Thel Chaung bei Sittwe in der Rhakine-Region in Myanmar. © dpa bildfunk/EPA Foto: Lynn Bo Bo

Welternährungsprogramm der UN erhält Friedensnobelpreis

Die Organisation wird für den Kampf gegen Hunger und ihr Engagement in Konfliktregionen ausgezeichnet. Mehr bei tagesschau.de. extern

Ziegler: Dass die Weltgemeinschaft das Hungerproblem endlich perzipiert. Die Zerstörung durch den Hunger ist der Skandal unserer Zeit. Alle fünf Sekunden verhungert ein Kind unter zehn Jahren, und derselbe World Food Report, der die Todeszahlen nennt, sagt, dass die Weltlandwirtschaft in der heutigen Entwicklungsphase problemlos zwölf Milliarden Menschen, also fast das Doppelte der gegenwärtigen Weltbevölkerung, ernähren könnte. Ein Kind, das jetzt, wo wir reden, stirbt, wird ermordet. Es gibt keine Fatalität. Das Problem ist, dass die Verteilung der Nahrung auf der Welt gemäß der Kaufkraft des Konsumenten geschieht und nicht gemäß einer Menschenrechtsbasis. Wenn Nahrung gerecht verteilt würde, könnten alle Menschen auf dieser Welt jeden Tag normal ernährt werden. Aber mit dieser fürchterlichen, kannibalischen Weltordnung, in der wir leben, sterben jedes Jahr Millionen Menschen an Hunger. Mit der Pandemie ist es noch einmal viel schlimmer geworden.

Können Sie den Zusammenhang zwischen Hunger und bewaffneten Konflikten erklären. Inwiefern trägt die Bekämpfung von Hunger zum Friedensprozess bei?

Ziegler: Hunger wird häufig als Kriegswaffe eingesetzt. Das Nobelpreiskomitee sagt deutlich, dass die Benutzung des Hungers als Kriegswaffe eine der fürchterlichsten Auswüchse der Hungerproblematik sei. In Syrien zum Beispiel herrscht dieses fürchterliche Assad-Regime, diese blutrünstige Diktatur. Der Diktator Assad umzingelt Dörfer und Städte mit Aufständischen, die ihm feindlich gesinnt sind, isoliert sie, schneidet sie von jeder Nahrungsmittel- und Medikamentenzufuhr ab und hungert diese Menschen aus. Für diese Menschen ist das Welternährungsprogramm sehr wichtig, weil es ihm immer wieder gelingt, aus Flugzeugen Nahrungsmittel abzuwerfen. Das Welternährungsprogramm ist eine der effizientesten Spezialorganisationen der Vereinigten Nationen. Im Südsudan zum Beispiel hat der Bürgerkrieg die Verkehrswege total unbrauchbar gemacht. Dort findet die Nahrungsmittelhilfe auch aus der Luft statt. Das Welternährungsprogramm hat auch eine sehr effiziente Flotte von Lastwagen, mutige Lastwagenfahrer, von denen einige ermordet werden, insbesondere in Darfur. Trotzdem sind diese als Chauffeur tätig und bringen dringend benötigte Nahrungsmittel in die Flüchtlingslager.

Letztes Jahr sind 71 Millionen Menschen gestorben, alle Todesursachen zusammengenommen. Davon sind 16 Prozent am Hunger und seinen unmittelbaren Folgen gestorben. Das heißt, auf einem Planeten, der vor Reichtum überquillt, ist der Hunger immer noch die erste Todesursache unter den Menschen, und das ist ein absoluter Skandal. Hunger ist menschengemacht und könnte morgen früh von Menschen aus der Welt geschafft werden.

Das Interview führte Alexandra Friedrich.

Der Soziologe Jean Ziegler im Portrait. © NDR/imago/epd-bild/Heike Lyding Foto: Heike Lyding

AUDIO: Friedensnobelpreis an UN-Programm: "Unglaublich wichtig" (7 Min)

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NDR Kultur | Journal | 09.10.2020 | 18:00 Uhr