Ein Musiker spielt auf einem Schlagzeug © picture alliance / Hauke-Christian Dittrich Foto: Hauke-Christian Dittrich

Das Drumset ist das Instrument des Jahres 2022

Stand: 04.01.2022 13:16 Uhr

Neues Jahr - neues Musikinstrument des Jahres. Nach der Orgel im vergangenen Jahr, ist es in diesem das Schlagzeug. Ein Gespräch mit einem der profiliertesten deutschen Drummer, Udo Dahmen.

Ein Musiker spielt auf einem Schlagzeug © picture alliance / Hauke-Christian Dittrich Foto: Hauke-Christian Dittrich
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Herr Dahmen, das Schlagzeug führt im Hintergrund einer Band oder eines Orchesters oft ein Schattendasein: Warum gehört es Ihrer Meinung nach in diesem Jahr ins Rampenlicht?

Udo Dahmen: Auf alle Fälle ist das ein relativ modernes Instrument. Auf der anderen Seite gibt es alleine beim Verband deutscher Musikschulen mehr als 50.000 Schlagzeugschüler - das ist ein Riesenpotenzial. Gerade in den letzten 30 Jahren hat das Drumset einen erheblichen Aufschwung genommen. Wir haben das Instrument selber in dieser Form inzwischen seit ungefähr 110 Jahren in der Welt.

Was macht eigentlich ein Drumset aus?

Dahmen: Das Drumset ist ja eigentlich eine Zusammenstellung von Trommeln. Historisch gesehen ist es daraus entstanden, dass man irgendwann Schlagzeuger im Orchester eingespart hat, vor allem in den USA: Da hat einer das gespielt, was vorher zwei gespielt haben, nämlich indem er die Bassdrum, also die große Trommel, die Snare Drum, zusätzlich Tomtoms und andere Perkussionsinstrumente gleichzeitig gespielt hat. Daraus hat sich ein ganz eigenes Instrument entwickelt, das erst in den Jazzbands, später in Bigbands, dann in der Rock- und Popmusik einen ganz entscheidenden Sound geprägt hat.

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Bislang sind eher Instrumente für klassische Musik, die in Orchestern zu finden waren, Musikinstrumente des Jahres geworden. Und jetzt kommt das Schlagzeug. Wie viel Überredungskunst haben Sie im Deutschen Musikrat gebraucht, um Ihre Kolleginnen und Kollegen vom Drumset zu überzeugen?

Dahmen: Interessanterweise gar keine, weil man sich sehr schnell einig war. Ich war natürlich hoch erfreut - als Schlagzeuger, aber auch als Ehrenpräsident von Percussion Creativ -, dass wir da viel Energie dahinter setzen können, um das Instrument vielen Leuten noch bekannter zu machen.

Was macht dieses Instrument in den Musikschulen so attraktiv? Man kann es weder am Lagerfeuer spielen noch unterm Christbaum der Verwandtschaft damit eine Freude machen.

Dahmen: Das ist richtig. Im ersten Schritt, dass man in einer Band spielen kann und relativ leicht erste Schritte gehen kann - ähnlich wie wir das auch bei der Gitarre kennen. Dann wird es aber sehr schnell sehr schwierig und sehr komplex, weil mit vier Gliedmaßen unterschiedlichste Dinge umzusetzen sind und dann auch ein Übeprozess dazu kommt, der aber ganz offensichtlich vielen - und zunehmend auch Mädchen - sehr viel Spaß macht.

Löst gerade die Rhythmik ein bisschen die Melodik ab - zumindest in der Rangfolge der Musikinstrumente des Jahres?

Udo Dahmen © picture alliance/dpa Foto: Uwe Anspach
Udo Dahmen ist künstlerischer Direktor der Popakademie Baden-Württemberg, Vizepräsident des Deutschen Musikrates und Präsident des europäischen Schlagzeugerverbandes Percussion Creativ.

Dahmen: Wir haben in den letzten hundert Jahren insgesamt eine Verstärkung von rhythmischer Musik gehört: Jazz, Swing, Rockmusik, Popmusik, Hip-Hop und elektronische Musik. Alle diese Richtungen sind stark rhythmisch basiert. Das kann man auch für die zeitgenössische klassische Musik sagen: Wenn man an Strawinsky, Bartók und auch die Nachfolger denkt, dann stellt man fest, dass die rhythmischen Elemente heutzutage ein sehr hohes Eigenleben führen und eine extreme Emanzipation erlebt haben.

Wird damit die Jazz-, Rock-, Popmusik möglicherweise auch in den Organisationen ein bisschen aufgewertet, in denen Sie mitarbeiten, beispielsweise im Deutschen Musikrat und im Deutschen Kulturrat?

Dahmen: Ich bin schon seit 20 Jahren Vizepräsident - diese Entwicklung ist schon lange erlebbar, auch beim Deutschen Musikrat, zum Beispiel im PopCamp, mit dem Bundesjazzorchester oder mit Jugend jazzt. Und auf der anderen Seite ist in den Musikschulen das Schlagzeug, aber auch die populäre Musik insgesamt inklusive Jazz, ein echter Pluspunkt.

Was wird in diesem Jahr noch alles passieren, das Musikinstrument des Jahres zum Klingen zu bringen?

Dahmen: Auf der einen Seite gibt es in verschiedenen Bundesländern mit den Landesmusikräten gemeinsam sogenannte Paten oder Schlagzeugerinnen und Schlagzeuger, die sich dort stark machen. Ich darf Anika Nilles nennen, eine der weltbesten Schlagzeugerinnen im Moment, die für Baden-Württemberg steht. Ich werde Ähnliches für Berlin machen, und wir werden auch in anderen Bundesländern entsprechende Vertreter sehen und damit das Instrument viel stärker in die Öffentlichkeit bringen.

Das Gespräch führte Jürgen Deppe.

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Dieses Thema im Programm:

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