Stand: 03.06.2020 16:48 Uhr  - NDR Kultur

Corona: "Eine Verlangsamung, die bleiben wird"

In was für einer Gesellschaft werden wir nach Corona leben? Der Trend- und Zukunftsforscher Matthias Horx hat bereits eine Vorstellung davon, wie das Nach-Corona-Leben aussehen wird - nachzulesen in seinem neuen Buch: "Die Zukunft nach Corona - Wie eine Krise unsere Gesellschaft, unser Denken und unser Handeln verändert".

Matthias Horx: "Wir entdecken, was für Unsinn gelaufen ist"

After Corona Club -

Zukunftsforscher Matthias Horx versetzt sich in den Herbst 2020 und schaut von dort zurück: Wie wird sich die Welt durch die Corona-Krise verändert haben? Sein Bild ist äußerst positiv.

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Herr Horx, wir befinden uns gerade am Beginn der Lockerungen und zeitgleich bringen Sie ein Corona-Buch zu den Auswirkungen der Pandemie auf den Markt. Ist es dafür nicht noch ein bisschen zu früh - oder wollten Sie der Erste sein?

Matthias Horx: Ich glaube nicht, dass es zu früh ist - in der ganzheitlichen Prognostik ist es nie zu früh. Da kann man schon versuchen, ein paar Thesen zu wagen, und das ist das, was die Menschen interessiert. Wir stellen uns immer die Zukunft vor und zu einem gar nicht unerheblichen Teil wird die Zukunft auch so, wie wir sie uns vorstellen. Das ist der sogenannte Vorausschaueffekt. Und darum geht es in dem Buch: wie unsere Gesellschaft die Zukunft konstruiert - über ihre inneren Bilder und Erwartungssysteme. Es muss nicht sein, dass die Welt dadurch kaputtgeht und wir alle verarmen, sondern es könnte auch eine Bereicherung für die Gesellschaft sein, eine Erfahrung, die wichtig und existenziell wird. Mich interessiert, wie uns das als Individuen, als Gesellschaft verändert.

Ich habe an einigen Stellen in Ihrem Buch gelesen, dass wir uns wundern werden. Worüber denn?

Buchtipp

Die Zukunft nach Corona - Wie eine Krise unsere Gesellschaft, unser Denken und unser Handeln verändert
von Matthias Horx
Econ Verlag
Seiten: 144 Seiten
ISBN: 978-3430210423
Preis: 15,00 Euro

Horx: Wundern ist etwas, was wir vergessen haben; wir haben diese Eigenschaft in uns gekillt. Sich wundern können, heißt, dass man eine Realität akzeptiert, die anders geworden ist, und man gleichzeitig "wow" sagt. Dieser Effekt hat viele Menschen in der Krise befallen: Wir haben gedacht, dass wir das überhaupt nicht aushalten können, dass wir nicht mehr rausgehen können, nicht mehr feiern oder in den Urlaub fahren können. Und dann ist in diesem Verzicht ein ganz neuer Reichtum, eine neue Freiheit entstanden. Das ist ganz typisch für unser Hirn, das sich eben doch wundern kann. Man kann sich wundern, dass es auch anders geht, dass man viele Dinge gar nicht braucht, dass es sogar schön ist zu Hause und dass wir unsere menschlichen Beziehungen wieder rekonstruiert haben. Insofern sind solche Krisen immer auch Offenbarungen: Das offenbart etwas in der Gesellschaft, wohin sie tendiert. Meine These ist, dass sich das zum Teil dann auch durchsetzt.

Sie prophezeien zum Beispiel, dass die ersten Fußballspiele im Herbst mit Publikum nicht mehr von Pöbeleien begleitet sein werden. Macht uns diese Pandemie womöglich menschenfreundlicher, milder, vernünftiger?

Horx: Ja, aber nicht nur, weil wir bessere Menschen werden, sondern weil es dann unschicklich wird. Es gibt ganz viel kulturellen Wandel. Und ich glaube, dass diese Krise ganz stark auf die Kulturebene einwirkt - und das verändert dann auch Politik und Wirtschaft. Wir begrüßen uns anders und es wird unfein, sich anzuschreien - denn das ist ja das, was den Virus verbreitet. Der Virus ist ja nur eine Metapher: Wenn Corona besiegt ist, dann kommt der nächste Virus. Das hat in der Geschichte immer schon so funktioniert. In der Pest-Zeit haben die Menschen noch auf die Straße gespuckt und Fäkalien überall hin gemacht. Dadurch entstehen Distinktionen. Das ist nicht nur so, weil Menschen das wollen, sondern weil es gesellschaftlich tabuisiert ist. Wenn man weiß, dass am 19. Februar 44.000 grölende Männer beim Fußballspiel in Mailand diesen Virus mit der größten Infektionsschleuder aller Zeiten in die Welt gebracht haben, dann weiß man auch, dass es uns im Hals stecken bleiben wird. Das heißt nicht, dass es keine einzelnen Leute geben wird, die dann auch grölen. Das wird es immer geben.

Wenn man es bilanziert, ist diese Krise eine generelle Verlangsamung unserer Weltkultur. Das gilt für die Globalisierung und für unsere Kommunikationsformen. Es ist eine Verlangsamung, die auch bleiben wird.

Was macht Sie so sicher, dass diese Verlangsamung bleiben wird? Wie nachhaltig schätzen Sie die Veränderungen ein, die durch diese Krise bereits eingetreten sind?

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Horx: Das ist die entscheidende Frage. Es gibt zwei Weltmodelle, die im Konflikt miteinander stehen und mit denen ich mich tagtäglich auseinandersetze. Die klassische Frage lautet: Kann sich der Mensch verändern? Eigentlich ist das eine zynische und auch ignorante Frage, weil sich Menschen immer verändern. Wir verändern uns im Laufe unseres Lebens dauernd und nur deshalb können wir überhaupt existieren. Ich selber bin Teil der 68er-Bewegung und seitdem hat sich viel verändert. Wir nehmen das gar nicht wahr. In dieser Krise gibt es wieder einen Schub von Veränderungen, zumindest für einen Teil der Menschen, und das wird auch Mehrheiten kippen. Man kann das Ganze auch als einen Vorkonflikt sehen für die große Auseinandersetzung über "Global Warming", die wir jetzt aufgeschoben haben. Wir können sehen, dass der New Green Deal heute attraktiver ist als vorher.

Ich glaube in Ihrem Buch ein bisschen herauszulesen, dass es Ihnen weniger um ein konkretes Zukunftsszenario geht als vielmehr um eine persönliche Wunschvorstellung: als würden Sie Ihre ganz eigene schöne neue Welt auf die Leserin projizieren wollen, in der Hoffnung, dass sie dem Zukunftsforscher auch folgt. Soll das Buch womöglich eher als Anleitung gelesen werden?

Horx: Jetzt unterstellen Sie mir Prophetismus - das können Sie gerne machen. Aber wenn man das Buch liest, wird man merken, dass davon nicht viel vorhanden ist, weil ich darüber sehr bewusst nachdenke, wie ich das mache oder nicht. Ich habe nur einen einzigen Job: die negativen Voreinstellungen der Menschen ein bisschen in Frage zu stellen. Dass alles immer schlimmer wird - das ist Job der Journalisten geworden, weil die Medien immer nur mit Negativität operieren können, weil das Aufmerksamkeit erzeugt. Und ich sage nur eins: Es kann auch anders kommen. Ich überlasse es dann dem Leser, ob er das so annimmt oder nicht. Ich plädiere für so etwas wie Verantwortung für die eigenen Fantasien und Handlungen. Und ich plädiere für so etwas wie Zuversicht - das ist etwas anderes als Hoffnung. Hoffnung sagt, dass sich die Welt, dass sich die anderen ändern müssen - dann glaube ich es, dann mache ich auch mit. Aber Zuversicht heißt, dass ich selber Zukunft mache. Ich selber bin ein Teil von der Menschheit, von meiner Familie, von einer Gesellschaft, von einer Nation. Und ich übernehme diese Verantwortung für mich und für andere. Ich versuche, einen erwachsenen Zukunftsbegriff in die Welt zu setzen. Das ist sehr schwer, weil es immer als Prophezeiung missverstanden wird. Aber das ist es nicht.

Das Gespräch führte Andrea Schwyzer

Trend- und Zukunftsforscher Matthias Horx.  Foto: Gregor Fischer

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NDR Kultur | Journal | 03.06.2020 | 19:00 Uhr

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