Stand: 15.03.2019 18:16 Uhr

Kids als Vorbild? "Scientists for Future"

Wieder einmal sind weltweit Schülerinnen und Schüler auf die Straße gegangen, um für den Klimaschutz zu protestieren. Inzwischen unterstützen auch Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler den Protest. Sie haben einen Appell initiiert: "Scientists for Future", mit inzwischen mehr aIs 12.000 Unterschriften. Mit dabei ist die Umwelt-Ökonomin Claudia Kemfert.

Frau Kemfert, "Scientists for Future" - warum haben Sie diese Erklärung unterschrieben? Was sind Ihre Motive und Ihre Ziele?

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Claudia Kemfert leitet am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin die Abteilung Energie, Verkehr und Umwelt.

Claudia Kemfert: Ich war eine der Erstunterzeichnerinnen aus dem Grund, weil die Schüler Recht haben. Der Appell, den wir verfasst haben, bezieht sich darauf, dass der Klimaschutz so wichtig ist und dass wir weltweit sehr viel mehr tun müssen. Darauf weisen wir Wissenschaftler seit Jahrzehnten hin. Jetzt ist ein Punkt gekommen, wo deutlich mehr passieren muss als in der Vergangenheit. Aus dem Grund halten wir das für richtig und haben das mit diesem Appell deutlich gemacht.

Es gab auch von verschiedener Seite Kritik: Man könne von Kindern und Jugendlichen nicht erwarten, dass sie die Zusammenhänge der Klimakrise verstehen. Warum mischen sich Erwachsene in die Proteste ein? Werden die Anliegen der Schülerinnen und Schüler dadurch nicht abgeschwächt? Braucht es wieder so ein hierarchisches Gefälle?

Kemfert: Ich denke, es ist ein bisschen hilflos, dass man den Kindern jetzt Vorwürfe macht. Das Demonstrationsrecht ist ein verbrieftes Recht - das dürfen auch Kinder. Und gerade ihr Anliegen ist berechtigt, weil sie die Betroffenen sind. Wir wissen, wenn wir jetzt nicht gegensteuern, wird ein ungebremster Klimawandel erhebliche Auswirkungen haben - und das werden diese Kinder weltweit erleben. Aus dem Grund haben sie völlig Recht und protestieren weltweit. Das kann man nicht ignorieren. Da jetzt hilflose Antworten zu geben, die Kinder wüssten nicht, wovon sie sprechen - dagegen wollten wir Wissenschaftler uns wehren, weil wir die wissenschaftlichen Fakten einbringen, das ist unsere Aufgabe. Insofern kann man immer wieder appellieren, mehr Antworten zu geben, endlich zu handeln, als dass man den Kindern die Kompetenz abspricht.

Der Appell richtet sich in erster Linie an die Politik. Die Unterstützung aus der Wissenschaft wird von "Fridays for Future" als positive Bestärkung empfunden. Wie geht es denn Ihnen als Wissenschaftlerin damit? Gerade aus der Wissenschaft wird ja schon lange Protest angemeldet. Sind Sie nicht erstaunt, dass Kinder und Jugendliche inzwischen weltweit so enorm viel Zuspruch bekommen?

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Kemfert: Mich wundert es grundsätzlich nicht, weil wir uns schon lange mit dieser Thematik beschäftigen. Wir treffen viele Menschen in ganz Deutschland und in der Welt, und es gibt seit Jahren einen enormen Zuspruch und auch einen großen Wunsch, endlich mehr für den Klimaschutz zu tun. Aber die Politik liefert hier zu wenig Antworten - im Gegenteil: Man verstrickt sich in Politiken, um die Vergangenheit zu konservieren. Und das merken die Menschen. Die Kinder sprechen das aus, was viele auch feststellen. Sie sind auf dem richtigen Weg, dies auch einzufordern. Dass sie dort Druck machen, ist ein wichtiger Schritt - und das bleibt nicht unbemerkt.

Aber woher jetzt die neue Dringlichkeit und Beharrlichkeit?

Kemfert: Zum einen ist es der Tatsache geschuldet, dass die Schwedin Greta Thunberg sehr deutlich gemacht hat, dass der Klimaschutz wichtig ist und dieses zu einer weltweiten Bewegung geworden ist. Es gab auch schon Schülerproteste vor ihr, auch viele Klimaproteste. Aber jetzt merkt man es einfach: Der Klimawandel wird immer mehr spürbar, jeder Mensch spürt es mittlerweile, egal ob die Hitzewellen in Australien, die Brände in Kalifornien oder die ersten Vorboten hierzulande. Aus dem Grund wird allen Menschen bewusst, dass sie etwas ändern müssen.

Gerade hat die Kohlekommission ihre Ergebnisse vorgelegt, die jetzt auch in Gesetze gegossen werden sollen. Hilft der Protest von "Fridays for Future" überhaupt noch?

Kemfert: Er hilft grundsätzlich immer. Denn es geht nicht nur um den Kohleausstieg in Deutschland, es geht auch um die Bewältigung des Dieselskandals und um die Abkehr von fossiler Energie in jeglicher Form in den nächsten drei, vier Jahrzehnten. Und diese politischen Weichenstellungen werden jetzt getätigt, in Deutschland zum Beispiel auch durch das Klimaschutzgesetz, was derzeit besprochen und heftig kritisiert wird. Aber auch im Rahmen der Einzelmaßnahmen, die jetzt getroffen werden müssen, ist es absolut richtig. Es gibt auch weltweit ähnliche Diskussionen, und aus dem Grund passiert politisch sicherlich mehr, wenn der Druck von der breiten Gesellschaft kommt.

Bei den ganzen Protesten für mehr Klimaschutz schwingt noch etwas anderes mit: das Verantwortungsversagen der älteren Generationen. Wird das bei den "Scientists for Future" auch erkannt?

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Kemfert: Ganz sicher wird das auch erkannt. Die Klimaforscher werden immer ungeduldiger und mahnen immer deutlicher, dass wir sehr viel Zeit verloren haben. Die Verantwortlichen, die in den letzten Jahrzehnten alles daran gesetzt haben, die Vergangenheit aufrechtzuerhalten, den Anteil von fossiler Energie so hoch zu halten, werden jetzt immer mehr in die Defensive kommen. Es gibt viele wissenschaftliche Erkenntnisse, die das auch bestätigen. Wichtig ist, dass man aus der Sicht der Wissenschaft die Erkenntnisse immer wieder zur Verfügung stellt und in einem breiten gesellschaftlichen Konsens auf gemeinsamen Wegen geht.

Wie wird es weitergehen? Welche Dimension wird der Protest noch weiter annehmen?

Kemfert: Im Moment schaut es so aus, dass es global eher zunimmt als abnimmt. Immer mehr Schüler gehen freitags auf die Straße. Das wird sich wahrscheinlich nicht ändern, solange die Politik nicht mehr Antworten gibt. Man wird gespannt sein, wie die Staatenlenker darauf reagieren. G20 hat es nach oben auf die Agenda genommen, und man will sich diesem Thema stärker annehmen. Insofern bringt es etwas - aber es muss deutlich mehr passieren, auch kurzfristig. Deswegen wird man diese Proteste auch weiterhin sehen.

Das Gespräch führte Claudia Christophersen

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 15.03.2019 | 19:00 Uhr

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