Stand: 09.09.2019 16:24 Uhr

Provenienzforschung in Niedersachsen

Seit Oktober vergangenen Jahres sind die "Museumsdetektive" des NDR auf den Spuren des kolonialen Erbes im Norden". In diesen Tagen vor allem in Niedersachsen: Am Freitag veranstaltet der NDR beispielweise im Landesmuseum Hannover eine große Podiumsdiskussion, an der auch Claudia Andratschke, die Provenienzforscherin des Landesmuseums teilnehmen wird.

Frau Andratschke, Sie sind am Landesmuseum Hannover Leiterin von PAESE - was verbirgt sich hinter diesem Kürzel?

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Die Provenienzforscherin Claudia Andratschke untersucht außereuropäische Sammlungen in Niedersachsen.

Claudia Andratschke: Das ist die Abkürzung für den etwas längeren Titel "Provenienzforschung in außereuropäischen Sammlungen und der Ethnologie in Niedersachsen". Das ist der Titel dieses Verbundvorhabens.

Was ist das für ein Verbund? Und was will dieser Verbund erforschen?

Andratschke: Die Idee dazu kam schon vor Jahren auf. Ich bin ja Leiterin des Netzwerks "Provinienzforschung in Niedersachsen", und etliche Museen dort haben weniger die Fragen und Bedarfe im Bereich "NS-Raubgut", sondern vor allem im Bereich "koloniale Kontexte". Und da haben sich die größten Sammlungen in Niedersachsen zusammengetan, um eine Forschungsinfrastruktur zu bilden, die es in diesem Bereich noch gar nicht gab. So ist die Idee für dieses Verbundvorhaben geboren.

Was können vier Teilnehmer besser, als es eine alleine könnte?

Andratschke: Es sind sogar insgesamt sieben Teilprojekte an fünf Sammlungen in Niedersachsen - in Hannover, Braunschweig, Göttingen, Hildesheim und Oldenburg -, wo ausgewählte Bestände von Doktorandinnen und Doktoranden parallel erforscht werden. Gleichzeitig gibt es noch zwei an den Universitäten in Göttingen und Hannover angesiedelte Teilprojekte, die das aus juristischer und historischer Perspektive beleuchten. Wir haben also unterschiedliche Schwerpunkte, auch unterschiedliche Regionen - Kamerun, Namibia, Tansania, Papua Neuguinea -, aber es sind ähnliche Fragestellungen: Wie gehe ich vor, wenn ich mit dem Objekt überhaupt nicht mehr weiterkomme? Wie beurteile ich Objekte, die auf den ersten Blick aus einem Unrechtskontext zu kommen scheinen?

Wie habe ich mir das vorzustellen? Steigen Sie im grauen Kittel ins Archiv herunter, entstauben erst mal alte Sammlungsstücke und fragen sich: Mensch, wo kommst du denn her?

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Andratschke: Da die Sammlungen ziemlich gut in einem Schaumagazin aufbewahrt sind, muss man die nicht entstauben. Es ist aber tatsächlich so, dass der Provenienzforscher oder die Provenienzforscherin sich das Objekt von der Sammlungsverwaltung oder von Restauratoren vorlegen lässt und schaut, ob es da Herkunftsvermerke gibt. Wir haben es aber gerade im Bereich der Ethnografika mit Alltagsgegenständen zu tun - das sind keine singulären Einzelobjekte, an denen man ganz viel feststellen kann.

Dann schaut man, wer der Sammler oder die Sammlerin war. War das jemand, der damals der deutschen Schutztruppe angehörte? Was hatte er oder sie für Funktionen in dem jeweiligen Land? Wie ist er oder sie vorgegangen? War er oder sie vielleicht selber an solchen Strafexpeditionen beteiligt? Und wenn man weiß, dass das Objekt in dieser Zeit und aus diesem Kontext ins Museum kam, dann kann man Dinge rekonstruieren.

Ist erst der Verdacht da, mit diesem Objekt könnte etwas nicht stimmen? Oder müssen Sie verdachtsfrei alles überprüfen - was bei der Größe der Sammlungen ja eine Herkulesaufgabe ist?

Andratschke: Im Prinzip bedeutet systematische Provenienzforschung, wirklich alles zu überprüfen. Das betrifft nicht nur die Zeit der deutschen kolonialen Expansionen nach 1884 - solche Objekte können auch noch in den 30er-Jahren ins Haus gekommen sein. Natürlich muss man priorisieren, und auch im Rahmen von PAESE werden nicht sämtliche kolonialen Bestände in den Museen untersucht, sondern nur ausgewählte. Auch das bedeutet wiederum nicht, dass in drei Jahren, wenn die Förderung durch die VolkswagenStiftung ausläuft, alles erforscht ist.

Nun holen Sie sich für dieses Projekt auch Expertise aus den Herkunftsländern. Was können diese Fachleute beisteuern?

Andratschke: Zum einen ist es ethnologische Methode, wenn es um Ausstellungen und um die wissenschaftliche Bearbeitung der Sammlung geht, immer Expertinnen und Experten aus den jeweiligen Herkunftsregionen miteinzubeziehen. Aus dem einfachen Grund, weil man unsere eurozentristische Perspektive aufbrechen und schauen will, was man dort über die Objekte weiß.

Zum anderen wollen wir, die weißen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in Europa, nicht alleine diese Forschung weiterhin betreiben, sondern wir suchen von Anfang an den Dialog, auch darüber, wie wir zukünftig mit diesen Objekten umgehen wollen.

Das Gespräch führte Jürgen Deppe

Kunsthistorikerin Claudia Andratschke im Niedersächsischen Landesmuseum Hannover. © dpa-Bildfunk Foto: Caroline Seidel

Provenienzforschung in Niedersachsen

NDR Kultur - Journal Gespräch -

Die Provenienzforscherin des Landesmuseums Hannover, Claudia Andratschke, untersucht außereuropäische Sammlungen in Niedersachsen. Im Gespräch erzählt sie von ihrer Arbeit.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 09.09.2019 | 19:00 Uhr

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