Stand: 14.11.2019 15:03 Uhr  - Unsere Geschichte

Ulrike Meinhof: Eine Frau radikalisiert sich

von Anja Deuble, NDR.de

Engagiert, politisch aktiv und beruflich erfolgreich: Mit Anfang 30 ist Ulrike Meinhof Chefredakteurin bei der Zeitschrift "Konkret", zweifache Mutter, verheiratet und führt ein bürgerliches Leben in Hamburg. Mit 36 ist sie steckbrieflich gesuchte Staatsfeindin Nr. 1, mit 42 ist sie tot, man findet sie erhängt in ihrer Gefängniszelle in Stuttgart auf.

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Ulrike Meinhof als junge Journalistin, 1964 (Montage)

Innerhalb weniger Jahre hat Meinhof ihr altes Leben hinter sich gelassen und sich dem linken Terrorismus verschrieben, sie ist die Stimme der ersten Generation der Roten Armee Fraktion (RAF).

Ulrike Marie Meinhof wird am 7. Oktober 1934 in Oldenburg geboren. Sie und ihre ältere Schwester Wienke wachsen in einem christlich geprägten bürgerlichen Umfeld auf. Der Vater der beiden Mädchen stirbt 1939, die Mutter 1948. Die Historikerin und Freundin der Mutter, Prof. Renate Riemeck, nimmt die Kinder bei sich auf und sorgt für sie. Erste Erfahrungen im Schreiben sammelt Ulrike Meinhof am Gymnasium Philippinum in Weilburg, sie ist eine Mitbegründerin der noch heute erscheinenden Schülerzeitung "Spektrum".

Meinhof war in der Gesellschaft angekommen

Nach dem Abitur studiert Ulrike Meinhof in Marburg, sie möchte Lehrerin werden. 1957 wechselt sie nach Münster, wird Mitglied im Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) und im Allgemeinen Studentenausschuss (AStA). Das Leben im Nachkriegsdeutschland ist geprägt von der Protest- und Friedensbewegung, auch Ulrike Meinhof engagiert sich in der Studentenbewegung, erste politische Artikel von ihr erscheinen in den damaligen Studentenblättern. Ab 1959 arbeitet sie für die linke Zeitschrift "Konkret", wird 1960 Chefredakteurin und eine Stimme der deutschen Linken. 1961 heiratet sie Klaus Rainer Röhl, den Herausgeber von "konkret". An seiner Seite feiert sie Partys in der Hamburger Intellektuellenszene, gern auch auf Sylt, der "Hamburger Partyinsel", gleichzeitig verfasst sie sozialkritische Artikel und beschäftigt sich mit gesellschaftlichen Themen. 1962 bekommt Ulrike Meinhof Zwillinge. Als 1966 die NDR Satiresendung "Gute Nacht Nachbarn" abgesetzt wird, demonstriert sie mit Peter Rühmkorf, dem Schriftsteller und Freund ihres Mannes, vor dem Gelände des Norddeutschen Rundfunks an der Rothenbaumchaussee.

68er-Proteste: Widerstand und Gewalt

Ab Mitte der 60er-Jahre verstärken sich an den Hochschulen Proteste gegen die Studienbedingungen und konservative Lerninhalte. Immer mehr Studierende gehen auf die Straße. Bei einer Demonstration gegen den Besuch des persischen Schahs Reza Pahlavi in West-Berlin wird 1967 der Student Benno Ohnesorg erschossen - angeblich aus Notwehr. Sein Tod verändert die gesellschaftliche Stimmung, die konservative Presse polemisiert gegen die Studentenbewegung.

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1968 schießt ein junger Hilfsarbeiter auf einen der bekanntesten Wortführer der Studenten, Rudi Dutschke, und verletzt ihn schwer. Das Attentat radikalisiert nicht nur die Studentenbewegung. Ulrike Meinhof verfasst einen Artikel für "Konkret", in dem sie deutlich Stellung zum Thema Gewalt und Widerstand bezieht: "Protest ist, wenn ich sage, das und das passt mir nicht. Widerstand ist, wenn ich dafür sorge, dass das, was mir nicht passt, nicht länger geschieht ...". 1968 lernt sie als Journalistin die späteren RAF-Mitglieder Andreas Baader und Gudrun Ensslin kennen, die wegen Brandanschlägen auf Frankfurter Kaufhäuser vor Gericht stehen. Privat verläuft ihr Leben unruhig, die Ehe mit Röhl wird geschieden, sie zieht nach Berlin und verlässt 1969 "Konkret". Baader und Ensslin wohnen im Februar 1970 für kurze Zeit bei ihr in Berlin.

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Der bewaffnete Kampf der RAF beginnt

Am 14. Mai 1970 wird Andreas Baader aus der Haft befreit. Die spektakuläre Aktion gilt als Geburtsstunde der Roten Armee Fraktion. Ulrike Meinhof ist nicht nur beteiligt, sie gilt auch als Chefstrategin der Aktion. Sie hat dafür gesorgt, dass Andreas Baader für ein vermeintliches Quellenstudium für ein gemeinsames Buchprojekt Ausgang gewährt wird. Baader darf ein paar Stunden im Deutschen Zentralinstitut für soziale Fragen in Berlin "arbeiten". Plötzlich ist es mit der Ruhe vorbei, Schüsse im Vorraum und ein Handgemenge sorgen für Verwirrung und Panik: Andreas Baader, Ulrike Meinhof und weitere Komplizen springen aus dem Fenster des Erdgeschosses und flüchten. Georg Linke, ein Angestellter des Instituts, wird durch einen Schuss lebensgefährlich verletzt.

Verhaftung und Inhaftierung von Ulrike Meinhof

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Ulrike Meinhof wird nach ihrer Festnahme durch die Polizei in Langenhagen bei Hannover in ein Auto geführt.

Ulrike Meinhof flieht nach Jordanien und wird mit Gudrun Ensslin, Andreas Baader, Horst Mahler und anderen für den "bewaffneten Kampf" ausgebildet. Zurück in Deutschland ist sie an mehreren Banküberfällen und Bombenanschlägen mit Todesopfern beteiligt, am 15. Juni 1972 wird Ulrike Meinhof verhaftet und 1974 zu acht Jahren Freiheitsstrafe für die Beteiligung an der Baader-Befreiung verurteilt. Im Mai 1975 wird sie in einem weiteren Prozess wegen vierfachen Mordes und vielfachen Mordversuches im Stammheim-Prozess angeklagt. Im Mai 1976 findet ein Beamter der JVA Stuttgart Ulrike Meinhof erhängt in ihrer Zelle auf. 

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Ein Tod ohne Worte, ohne Erklärung

Ihr Leben endet, Spekulationen über ihren Tod jedoch nicht, bis heute gibt es Stimmen, die an ihrem Freitod zweifeln. Ulrike Meinhofs Vermächtnis ist der Widerspruch: Warum verlässt sie ihr bürgerliches Leben, verzichtet auf Karriere und auf ihre Kinder, um im Untergrund zu leben? Warum hat sie, die immer die Sprache für sich und ihre Zwecke genutzt hat, keinen Abschiedsbrief verfasst?

Stefan Aust, Journalist und Autor des Buches "Der Baader-Meinhof-Komplex", kannte Ulrike Meinhof gut, auch aus gemeinsamen Zeiten bei "Konkret". "Ja, ich mochte sie, obwohl ich nicht immer gut mit ihr zurechtkam, weil sie unglaublich arrogant und eingebildet sein konnte. Sie glaubte, dass alles, was sie dachte, der Weisheit letzter Schluss war. Und jeder, der daran zweifelte, hatte entweder die Sache nicht zu Ende gedacht - oder war unpolitisch", so Aust in einem Interview des Zeit-Magazins 2008.

Einen anderen Blick hat die Fotografin Inge Feltrinelli, Witwe des italienischen Verlegers Giangiacomo Feltrinelli, die Mitte der 60er-Jahre Ulrike Meinhof und Klaus Rainer Röhl auf Sylt kennenlernte. "Röhl war maliziös und brutal und quälte seine Frau. Sie war eine große Utopistin und hatte einen glänzenden Verstand. Selbst der superkluge Augstein fand sie toll. Wenn die beiden miteinander diskutierten, war sie ihm absolut ebenbürtig. Hätte Augstein ihr damals eine Kolumne im 'Spiegel' gegeben, dann wäre sie statt Terroristin vielleicht die deutsche Simone de Beauvoir geworden. Aber er hatte wohl Angst vor ihrer Unbedingtheit", sagt Feltrinelli in einem Interview des Magazins der Süddeutschen Zeitung im April 2012.

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Dieses Thema im Programm:

Unsere Geschichte | 05.11.2012 | 21:00 Uhr