Stand: 11.07.2020 12:00 Uhr  - 45 Min

Als Reisen noch nicht selbstverständlich war

Auto und Zelt schnappen und ab in die Ferien? Das Recht auf bezahlten Urlaub gibt es erst seit dem 20. Jahrhundert. Und viele konnten sich erst ab den 50er-Jahren eine Reise leisten.

Das deutsche Wort "Urlaub" stammt aus dem Mittelalter und hatte mit Ferienmachen nichts zu tun: Niemand konnte damals den Hof eines Adeligen so einfach verlassen, er musste um "urloup" bitten - im Alt- oder Mittelhochdeutschen etwa gleichbedeutend mit "Freistellung vom Dienst". Unser Wort Erlaubnis leitet sich davon ab. Dabei ging es aber mitnichten um Erholung, sondern etwa um die Beerdigung eines Verwandten oder andere Familienangelegenheiten und Geschäfte. Der Adelige von früher ist heute niemand anderes als der Arbeitgeber, der einem gestattet, vom Arbeitsplatz fernzubleiben. Nur gibt es heute glücklicherweise einen Anspruch auf regelmäßige Erholung.

Ursprünge des Reisens in der Antike

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Das Reisen hatte in früheren Jahrhunderten oft religiöse Gründe - hier ein Pilgerzug über den Sueskanal gen Mekka um 1906.

Jahrhundertelang unternahm niemand eine Reise, der damit nicht einen religiösen oder geschäftlichen Zweck verband. Kaufleute mussten auf Reisen gehen, um Fernhandel zu betreiben. Adlige, weil sie entfernte Besitztümer kontrollieren mussten, beziehungsweise sich aneignen wollten. Die Reisenden, meistens Männer, suchten auch Tempel und andere heilige Orte auf, um ihre Beziehung zu Gott beziehungsweise den Göttern zu stärken. Schon die alten Griechen, Römer und Ägypter pflegten sozusagen einen Wallfahrtstourismus.

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Manche Pilgerreisen haben sich bis heute erhalten. Einige der bekanntesten: die Hadsch der Muslime, die nach Mekka reisen, der christliche Jakobsweg, der nach Santiago de Compostela führt, oder das jährliche rituelle Bad der Hindus im Ganges. Um auf den Spuren früherer Pilger zu wandern, braucht man heute nicht weit zu reisen: In Norddeutschland gibt es zahlreiche entsprechende Wege und Touren.

Neuzeit: Bildungsreisen für junge Männer

Sich von der Arbeit zu erholen und gar aus purem Vergnügen zu verreisen, ist ein ziemlich junges Phänomen. Der Begriff "Tourismus" wird in Deutschland sogar erst seit den 1980er-Jahren gebraucht. Er leitet sich vom französischen Begriff "tour" (Reise oder Rundgang) ab. Im 17. und 18. Jahrhundert verließen zunächst die Sprösslinge des europäischen Adels ihre Heimat für die sogenannte Grand Tour. Diese auch "Kavalierstour" genannte Reise führte sie zu bedeutenden Denkmälern und Städten Europas oder ins Heilige Land. Später unternahmen auch Söhne des reichen Bürgertums solche Bildungsreisen.

Erholungsreisen - ein Privileg

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Wer es sich leisten konnte, erholte sich Anfang des 20. Jahrhunderts im Seebad - wie diese Sommergesellschaft 1914 auf der Seebrücke von Zinnowitz auf Usedom.

Reisen, die dazu dienen, sich zu erholen, kamen erst im 19. Jahrhundert auf. Nach der Entstehung eines modernen Staatswesens wurden sie sicherer und planbarer. Ein Vorläufer heutiger Erholungsreisen war der Alpinismus in der Schweiz und Österreich. Eine besondere Spielart des Urlaubs, bevor der Erlebnistourismus mit der Erfindung der Pauschalreise seinen Siegeszug antrat, waren Kur-Reisen oder auch der Bädertourismus. Die gehobene Gesellschaft reiste in Heilbäder oder auch in die Seebäder an der Ostseeküste wie Heiligendamm, nach Rügen, Usedom und Büsum. Die heutigen Bädertouristen lassen sich in den ausgefallensten Wellness-Oasen massieren, in Schlamm packen oder in Milch baden.

Das Recht auf bezahlten Urlaub, ein zentrales Anliegen der Arbeiterbewegung, gibt es als arbeitnehmerrechtlichen Standard erst seit dem 20. Jahrhundert. Anfang der 50er-Jahre wurden Reisen für mehr und mehr Westdeutsche bezahlbar. Viele konnten sich zunächst allerdings nur einen Campingurlaub leisten und zogen mit Zelt oder Wohnwagen los. Einen wirklichen Tourismus der Massen erlebten dann erst die 80er-Jahre. Zu dieser Zeit löste der Begriff Tourismus auch den altbackenen Begriff "Fremdenverkehr" ab.

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45 Min | 10.06.2013 | 22:00 Uhr

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