Kernphysiker Hans-Georg Priesmeyer und ein Kollege bei der Arbeit an einer Anlage, undatierte Schwarz-Weiß-Aufnahme. © privat

Energiegewinnung in den 60ern: "Atomkraft - Ja, bitte!"

Stand: 23.02.2022 05:00 Uhr

Bis in die 1960er-Jahre gilt Atomkraft als sauber, günstig und wachstumstreibend. Es gibt kaum nachhaltigen Widerstand gegen die scheinbar "saubere" Energie. Das ändert sich in den 1970er-Jahren mit dem Aufkommen der Anti-Atomkraft-Bewegung.

von Ulrike Bosse, NDR Info

Die 60er-Jahre waren geprägt vom Glauben an die Gestaltbarkeit der Zukunft. Große Hoffnungen verbanden sich weltweit mit der Atomkraft. Von der Politik wurde sie massiv gefördert; Widerstand gegen den Bau von Kraftwerken gab es zunächst noch nicht. Bevor die ersten kommerziellen Kernkraftwerke ans Netz gingen gab es Forschungsreaktoren - auch in Geesthacht.

 

An der sogenannten Null-Leistung-Reaktoranlage werden im Kernforschungszentrum Geesthacht bei Hamburg 1967 physikalische Experimente am Reaktorkern durchgeführt. Nach Abschluss der Versuche sollen die 16 Brennelemente nach Kiel transportiert und in den Reaktor des ersten deutschen atomgetriebenen Schiffes, der "Otto Hahn", eingebaut werden. © picture-alliance / Lothar Heidtmann Foto: Lothar Heidtmann
AUDIO: Die 60er: Atomkraft - ja bitte! (3/14) (35 Min)

Friedliche Nutzung von Atomkraft begeisterte in den 50ern

Kernphysiker Prof. Dr. Hans-Georg Priesmeyer © NDR Foto: Katharina Kaufmann
Der Kernphysiker Prof. Dr. Hans-Georg Priesmeyer befürwortet Atomenergie. Er sagt, man solle Respekt davor haben.

"Es gab in der Gesellschaft die Entwicklung, dass man der Atomkraft alles zutraute", erinnert sich Hans-Georg Priesmeyer, der langjährige Leiter des Labors für angewandte Neutronenphysik am Forschungsreaktor in Geesthacht an die Anfänge der Atomkraft in Deutschland. Ja, es gab die Angst vor der Atombombe, und gegen eine Bewaffnung der Bundeswehr mit Atomwaffen waren die Deutschen in den 50er-Jahren auf die Straße gegangen. Aber die Vision für eine friedliche Nutzung der Atomkraft, die US-Präsident Eisenhower 1953 in einer Rede vor den Vereinten Nationen entwickelt hatten, begeisterte die Menschen.

"Atoms for peace" informierte über geheime Forschungen

Wissenschaftler wie der Göttinger Physiker Carl Friedrich von Weizsäcker lobten, dass die Atommächte bei einer UNO-Konferenz unter dem Titel "Atoms for peace" 1955 erstmals öffentlich über ihre bis dahin geheimen Forschungen auf diesem Feld unterrichteten. Hans-Georg Priesmeyer war damals noch ein Schüler: "Es ist durchaus so, dass ich wahnsinnig Angst hatte vor diesen Atompilzen, die man überall zeigte. Und ich war froh, dass man auch etwas anderes anfangen konnte mit dieser Angelegenheit, nämlich etwas Friedliches und Nützliches."

Öl und Kohle waren knappe und teure Ressourcen

Ein wichtiger Grund für das Interesse an der Atomenergie war die Suche nach neuen Energiequellen. Es waren Boom-Zeiten, und die Fachleute gingen davon aus, dass der Energiebedarf im gleichen Maßstab wachsen werde wie die Wirtschaft. Hans-Georg Priesmeyer erinnert sich an den Ausspruch eines Lehrers, der auf ihn großen Eindruck machte: "Irgendwann mal, weiß ich noch genau, dass er sagte: In einer Zeit, in der Öl und Kohle knapp werden - das war damals der Eindruck - da schickt uns der Himmel das Atom."

Mondlandung: Menschen waren offen für Fortschritt

Die Sorge vor radioaktiver Strahlung sei noch nicht so ausgeprägt gewesen, wie heute, sagt Priesmeyer. "Es hat ja sogar radioaktive Zahnpasta gegeben - wegen strahlender Zähne, die man davon bekommt." Die Gefahren der Atomkraft-Nutzung, die gesehen wurden, habe man für beherrschbar gehalten - ebenso wie die Frage, wo man eines Tages mit dem Atommüll bleiben solle. Technische Neuerungen wurden insgesamt positiver bewertet als heute, erzählt Hans Georg Priesmeyer: "Fernsehen kam auf, das Telefon mit Schnur, da gab es so viel Neues - und das wurde mit Begeisterung aufgenommen." Die technischen Möglichkeiten schienen unbegrenzt: 1961 flog der russische Kosmonaut Gagarin als erster Mensch ins All, 1969 landete die Raumkapsel "Apollo 11" mit drei amerikanischen Astronauten an Bord auf dem Mond.

1961 geht in Deutschland erstes AKW Kahl ans Netz

Das erste kommerzielle Atomkraftwerk ging 1956 im britischen Calder Hall ans Netz. 1957 wurden die ersten Forschungsreaktoren in Deutschland eingeweiht: in der Bundesrepublik in Garching bei München, in der DDR in Dresden-Rossendorf. Im Norden wurde ab Oktober 1958 in Geesthaacht mit dem Forschungsreaktor FRG-1 gearbeitet. Und 1961 bekam schließlich auch die Bundesrepublik mit Kahl ihr erstes kommerzielles AKW. Die Bruttoleistung des AKW Kahl lag bei 16 Megawatt - heute liegt die Leistung eines durchschnittlichen Atomkraftwerks bei rund 1.200 bis 1.400 Megawatt.

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Dort, wo Atomkraftwerke gebaut wurden, gab es durchaus auch Skepsis, kritische Nachfragen und manchmal lokale Proteste. Aber nachhaltigen Widerstand gab es nicht. Auch für die Energieunternehmen waren Atomkraftwerke erst einmal nur eine von mehreren Möglichkeiten der Energiegewinnung. Ihre Ingenieure sahen die technische Herausforderung; ihre Buchhalter die Kosten, die damit verbunden waren. Hans Georg Priesmeyer sagt: "Ich hatte den Eindruck, dass die deutsche Industrie nicht auf Anhieb darauf abgefahren ist. Aber dann wurde gesagt: Es ist billig, es ist zuverlässig zu machen. Die Politik hat das unterstützt."

Industrieland Deutschland setzt auf Exportwirtschaft

Kernphysiker Prof. Dr. Hans-Georg Priesmeyer am Telefon, undatierte Schwarz-Weiß-Aufnahme. © privat
Als junger Wissenschaftler war Hans-Georg Priesmeyer begeistert von der technologischen Aufbruchstimmung.

Die Politiker sahen nicht nur die Möglichkeit einer günstigen Form der Energiegewinnung in der Atomkraft. Sondern sie waren auch der Überzeugung, dass die Atomkraft der zentrale Baustein für den technischen Fortschritt und eine "Zweite Industrielle Revolution" sein werde. Zugespitzt hieß das dann: Wer keine Atomkraft im Angebot hat, kann irgendwann auch keine Staubsauger mehr verkaufen. Als Industrieland und Exportwirtschaft müsse Deutschland dabei sein beim Aufbruch in ein neues technisches Zeitalter, war die Überzeugung. Am Forschungsreaktor Geesthacht habe damals wirkliche Aufbruchstimmung geherrscht, erzählt Hans Georg Priesmeyer. "Da war Power drin. Wir machen was Neues, wir machen was Tolles und sind mit dem Herzen dabei."

Anti-Atomkraft-Bewegung formiert sich in den 70er-Jahren

In den 70ern änderte sich dann die Sicht auf die Atomkraft. Die kritischen Stimmen wurden lauter. Manches sei auch leicht hysterisch gewesen, meint Hans Georg Priesmeyer. Etwa wenn erzählt wurde, dass in Geesthacht Rinder mit zwei Köpfen herumliefen und daran radioaktive Strahlung schuld sei. Seine Haltung zur Atomkraft ist nach wie vor positiv. "Respekt sollte man davor haben. Wissen, worum es geht. Und wissen, wie man damit umgeht."

Wie mit den Ängsten der Menschen und den Protesten gegen die Atomkraft ab den 70er-Jahren umgegangen wurde, findet er aber auch nicht richtig. "Da prügelt man nicht auf die Leute ein, spritzt sie nicht mit Wasser nass. Das sind ja keine Argumente, die überzeugen."

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