Atomkraft: Abstieg und Ende einer als "sauber" gefeierten Energie

Stand: 15.04.2023 23:59 Uhr

Als in den 1960er-Jahren die ersten Atomreaktor-Kuppeln in der Landschaft auftauchten, regte sich kaum jemand auf. Doch immer mehr wurde die zivile Kernenergie vom politischen Lieblingskind zum Buhmann. Seit dem 15. April 2023 ist sie in Deutschland Geschichte.

Hiroshima, Nagasaki - damit wurde die Kernenergie für Millionen von Menschen zum ersten Mal zum Begriff. Bis Anfang der 50er-Jahre blieb die Spaltenergie aus Atomkernen vor allem militärisch erforscht und genutzt. Erst allmählich begann man, zivile Einsatzmöglichkeiten der neuen Technik in Betracht zu ziehen. Kurz vor Weihnachten 1951 lieferte ein Forschungsreaktor im US-Bundesstaat Idaho erstmals elektrischen Strom und brachte vier Glühlampen zum Glimmen. 1954 nahmen die Sowjets in Obninsk bei Moskau das erste Kernkraftwerk der Welt in Betrieb.

Bundesrepublik bekommt 1957 ersten Forschungsreaktor

Atomversuchsschiff "Otto Hahn" an einem Ausrüstungskai, undatiert. © picture-alliance / dpa Foto: Kruse
Anfang der 60er-Jahre wird der Atomfrachter NS "Otto Hahn" gebaut und 1964 fertiggestellt.

In Deutschland entstand 1957 mit dem Atom-Ei in Garching ein Forschungsreaktor. Drei Jahre später lief das erste deutsche Kernkraftwerk an: Das Versuchsatomkraftwerk Kahl am Main speiste ab 1961 15 Megawatt ins Stromnetz ein. Nach und nach wurden Kernkraftwerke mit immer höherer Leistung gebaut, beispielsweise Gundremmingen (1966) mit 250 Megawatt. In der DDR ging 1966 die Anlage in Rheinsberg (heute im Land Brandenburg) in Betrieb.

In der Öffentlichkeit fanden keine großen Diskussionen über die Atomtechnik statt - sie war einfach da, ihre friedliche Nutzung als sicherer und umweltfreundlicher Beitrag zur Energiegewinnung gerade auch in bürgerlichen und akademischen Kreisen akzeptiert.

Weitere Informationen
Kernphysiker Hans-Georg Priesmeyer und ein Kollege bei der Arbeit an einer Anlage, undatierte Schwarz-Weiß-Aufnahme. © privat

Energiegewinnung in den 60ern: "Atomkraft - Ja, bitte!"

Lange gilt Atomkraft als Energie der Zukunft. Es gibt zunächst kaum Widerstand - erst in den 70er-Jahren formiert sich Protest. mehr

Atomprogramm 1973: Großzügiger Ausbau der Kernenergie

1973 waren in der Bundesrepublik Deutschland fünf Atomkraftwerke zur Stromproduktion im Betrieb, eines davon - Stade - im Norden. Für weitere elf - darunter Brunsbüttel und Krümmel - liefen Bauanträge. Die Bundesregierung ging davon aus, dass der Strombedarf in naher Zukunft stark anwachsen werde, und arbeitete an einem Plan zur Förderung der Atomtechik, dem "Vierten Atomprogramm". Mit dem Schock der Ölkrise im Herbst 1973 wurde die Endlichkeit der Energieressourcen zu einem breit diskutierten Thema, und die Pläne zur Kernkraftnutzung - inklusive Wiederaufbereitungsanlangen, da auch die Uranvorräte begrenzt waren - gewannen noch zusätzlichen Auftrieb. Im Dezember 1973 passierte das ehrgeizige Vierte Atomprogramm den Bundestag: Es sah den Ausbau der Atomenergie auf eine Gesamtkapazität von 45.000 bis 50.000 Megawatt bis Mitte der 80er-Jahre vor.

Zu dieser Zeit ahnte noch niemand, dass sich in nur wenigen Jahren eine breite und schlagkräftige Anti-Atomkraft-Bewegung entwickeln würde. Gerade einmal die Hälfte der damals geplanten Gesamtleistung sollten Atomkraftwerke in Deutschland liefern, bevor ein Vierteljahrhundert später auch schon wieder der Atomausstieg eingeleitet würde.

Wyhl 1975: "Lieber heute aktiv als morgen radioaktiv"

Entschiedene Ablehnung der Atomtechnik erfuhren die Kraftwerkbauer erstmals 1975 in Wyhl am Kaiserstuhl, wo Bürgerinitiativen 90.000 Unterschriften sammelten und über acht Monate weitgehend friedlich den Bauplatz besetzten. Nach jahrelangen gerichtlichen Baustopps wurde der Plan für das AKW Wyhl schließlich aufgegeben. Baden-Württembergs Ministerpräsident Filbinger sagte damals: "Wenn dieses Beispiel Schule macht, ist dieses Land nicht mehr regierbar."

Brokdorf 1976: Anti-AKW-Bewegung nimmt Fahrt auf

Das Protestbeispiel machte Schule - schon gut ein Jahr später im schleswig-holsteinischen Brokdorf. Diesmal allerdings war die Atomindustrie besser vorbereitet und ließ sofort nach Erhalt der Teilerrichtungsgenehmigung das Gelände wie eine Festung sichern, um Besetzungen zu vermeiden. Friedlich und konsensgetragen waren die Proteste hier nicht mehr. Mehrfach eskalierten Demonstrationen in Brokdorf zu bürgerkriegsähnlichen Schlachten, bei denen sich massives Polizeiaufgebot - martialisch ausgerüstet mit Hubschraubern, Wasserwerfern und Tränengasgranaten - und Zigtausende Kundgebungsteilnehmer, darunter militante Gruppen mit verletzungsträchtigen Waffen und Wurfgeschossen, gegenüberstanden. Brokdorf wurde zu einem Symbol der Anti-AKW-Bewegung.

Das Meinungsbild in der Bevölkerung wandelt sich

Die Zustimmung zu AKWs war von Mai 1975 bis Dezember 1976 rapide gesunken. Auf die Frage, wie sie entscheiden würden, falls sie über einen Atomkraftwerkbau in ihrer Nähe abstimmen sollten, sprachen sich im Frühling 1975 nur 28 Prozent der Befragten dagegen aus, ein Drittel war unentschieden. Anderthalb Jahre später hatten die Atomkraftgegner viele der Unentschlossenen auf ihre Seite gezogen: Nur noch 18 Prozent waren indifferent, fast die Hälfte stimmte dagegen.

Der schwere Reaktorunfall von Harrisburg (28. März 1979) und insbesondere die Katastrophe von Tschernobyl (26. April 1986), nach der eine radioaktive Wolke über Europa zog, fachten die Angst vor den Gefahren der Kernenergie in der Bevölkerung stark an. In Wackersdorf forderten die Auseinandersetzungen um den Bau der Wiederaufbereitungsanlage im Frühling 1986 bei Großdemontrationen mehrere Tote. Das Thema war inzwischen emotional enorm aufgeladen, und die Geschehnisse machten den weiteren Ausbau der Kernenergie ab Mitte der 80er-Jahre politisch de facto undenkbar.

Rot-Grün zieht 1998 die Notbremse: Einstieg zum Ausstieg

Das Atomkraftwerk Krümmel an der Elbe © NDR.de Foto: Marc-Oliver Rehrmann
Der Rückbau des AKW Krümmel steht noch an. Er wird mindestens 15 Jahre dauern.

Nach ihrem Wahlerfolg ging die rot-grüne Koalition auf Bundesebene 1998 in Verhandlungen mit der Atomindustrie mit dem Ziel, den allmählichen Ausstieg aus der Kernkraftnutzung politisch herbeizuführen ("Atom-Konsens"). 2000 wurde auf Druck der Bundesregierung beschlossen, die kommerzielle Nutzung der Kernenergie etwa zum Jahr 2020 einzustellen. Im Zuge dieses Kompromisses wurden bereits zwei Kernkraftwerke vom Netz genommen, darunter Stade. Der Ausstiegsbeschluss ist jedoch politisch und gesellschaftlich weiterhin umstritten.

Die Anti-Atomkraft-Bewegung verlor durch den Atom-Konsens zunächst ein wenig an Kraft. Im Widerstand gegen die Rückführung von Brennelementen aus der Wiederaufarbeitungsanlage La Hague ins Zwischenlager Gorleben lebte sie aber erneut auf. Die massiven Proteste gegen die Atommülltransporte mit Castor-Behältern machten bundesweit Schlagzeilen. Seit dem 1. Juli 2005 sind alle weiteren Transporte in Wiederaufarbeitungsanlagen vom Bundesumweltministerium untersagt. Rücktransporte von bei der Wiederaufarbeitung angefallenen radioaktiven Abfälle aus den Wiederaufarbeitungsanlagen finden allerdings noch statt.

Bundesregierung beschließt 2011 endgültigen Atom-Ausstieg

Atomkraftwerk Emsland. © NDR
Mitte April 2023 ist Schluss: Neben Isar 2 und Neckarwestheim 2 geht auch das AKW Emsland vom Netz.

Der Atomunfall im japanischen Fukushima am 11. März führte zu einer grundlegenden Wende der deutschen Atompolitik. Die damalige Bundesregierung entschied sich für einen mehrstufigen Ausstieg bis 2022. Zunächst wurde die Verlängerung der Laufzeiten der Kernkraftwerke ausgesetzt. Daran schloss sich ein dreimonatiges Moratorium an - in diesem Zeitraum wurden alle 17 deutschen AKW einer Sicherheitsprüfung unterzogen. Nach einem Kabinettsbeschluss vom 6. Juni 2011 gingen in der Folge die sieben ältesten Meiler sowie das Kernkraftwerk Krümmel für drei Monate vom Netz. Schließlich wurden sie dauerhaft stillgelegt.

Die letzten drei AKW 2023 abgeschaltet

Auch die Stromproduktion der letzten drei deutschen Atomkraftwerke, darunter das AKW Emsland in Lingen, ist beendet. Eigentlich sollten die Anlagen bereits Ende 2022 abgeschaltet werden. Doch wegen der Energiekrise infolge des Ukraine-Kriegs beschloss der Bundestag, sie bis zum 15. April 2023 am Netz zu lassen. Seitdem sind sie abgeschaltet - das Ende der friedlichen Nutzung der Kernenergie in Deutschland.

Kritik an der Entscheidung der Ampel-Koalition kam vor allem von der CDU. Auch Wirtschaftsverbände befürchten künftige Energieengpässe. Bundesumweltminister Robert Habeck (Grüne) hingegen hält die Energieversorgung für sicher. Im Jahr 2030 sollen 80 Prozent des Stroms in Deutschland aus erneuerbaren Energien erzeugt werden.

Wasserdampf steigt aus dem Kühltum des Kernkraftwerks Isar 2. © picture alliance/dpa Foto: Armin Weigel
AUDIO: Debatte um Ende der Kernkraft (4 Min)

Umfrage: Mehrheit der Deutschen für Weiterbetrieb der AKW

In Deutschland hat sich im April 2023 eine Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger für eine weitere Nutzung der Atomkraft ausgesprochen. 59 Prozent der Befragten halten dem DeutschlandTrend für das ARD-"Morgenmagazin" zufolge die Abschaltung der AKW für falsch, nur 34 Prozent als richtig. Die Akzeptanz für die Atomkraft hat sich damit offenbar deutlich gewandelt. Im Juni 2011, rund drei Monate nach der Katastrophe von Fukushima, antworteten auf die Frage, ob die schnelle Entscheidung für den Atomausstieg richtig sei, 54 Prozent der Befragten im DeutschlandTrend mit Ja, 43 Prozent waren gegensätzlicher Auffassung.

Zustimmung für das Ende der Atomkraft gibt es 2023 vor allem in der Altersgruppe der 18- bis 34-Jährigen. Dort begrüßten 50 Prozent der Befragten den Ausstieg, 39 Prozent lehnten ihn ab. In der Gruppe der mittleren und älteren Jahrgänge überwog dagegen die Ablehnung (etwa zwei Drittel).

Hintergrund
Blick auf das Kernkraftwerk Emsland in Lingen und den erloschenen Kühlturm. © picture alliance/dpa | Lars Klemmer Foto: Lars Klemmer

AKW Emsland ist vom Netz - aber noch längst nicht Geschichte

Ist die Gefahr der Radioaktivität nun gebannt? Und was passiert mit der gesamten Anlage? Ein Überblick. mehr

Wasserdampf steigt aus dem Kühltum des Kernkraftwerks Isar 2. © picture alliance/dpa Foto: Armin Weigel

Deutschland und der Atomausstieg

Schluss mit nuklearer Stromerzeugung in Deutschland: Die letzten drei Atomkraftwerke sind am 15. April 2023 vom Netz gegangen. mehr

Historische Aufnahme vom oberen Teil eines Reaktordruckgefäßes im KKW "Bruno Leuschner" in Lubmin. Insgesamt waren dort acht Blöcke geplant. © NDR/Populärfilm/BStU Außenstelle Rostock/DEWAG

DDR-Kernkraftwerk Lubmin: Wo die Atomenergie als "sicher" galt

Das Kernkraftwerk "Bruno Leuschner" in Lubmin wurde am 12. Juli 1974 in Betrieb genommen. Atomenergie hielt man damals für sicher. mehr

Ein Spielplatz in Berlin ist im Mai 1986 nach der Tschernobyl-Katastrophe gesperrt © imago Foto: Jürgen Ritter

Tschernobyl: Wie reagierte Deutschland auf den GAU?

Nach dem Reaktor-Unfall von Tschernobyl am 26. April 1986 zieht eine radioaktive Wolke gen Westen. Sie trifft Deutschland unvorbereitet. mehr

Demonstration gegen das geplante Atomkraftwerk in Brokdorf 1981 © picture-alliance/ dpa Foto: Martin Athenstädt

Dem Verbot zum Trotz: Großdemo gegen AKW Brokdorf 1981

Trotz Verbots und unter massiver Polizeipräsenz protestieren am 28. Februar 1981 rund 100.000 Menschen gegen das geplante Kernkraftwerk. mehr

Landwirte und Anwohner ziehen am 25. März 1979 bei einer Demonstration gegen Kernkraft und das Vorhaben, in Gorleben ein atomares Endlager zu errichten, durchs Wendland. © picture alliance/dpa Foto: Klaus Rose

Öko-Hochburg Wendland: Vom Atom-Protest zum Bio-Anbau

Niedersachsens Geschichte ist auch von Anti-Atom-Protesten geprägt. Ende der 70er wächst im Wendland die Öko-Bewegung heran. mehr

Protest gegen das Zwischenlager Gorleben im September 2007. © dpa

Gorleben - Der Aufstand der Bauern

Der Widerstand ortsansässiger Landwirte hat sich über Jahrzehnte zu einem langlebigen Protest gegen die Atompolitik entwickelt. mehr

Dieses Thema im Programm:

Aktuell | 14.04.2023 | 14:00 Uhr

Mehr Geschichte

Reichsmarschall Hermann Göring (helle Uniform) und der Chef der "Kanzlei des Führers", Martin Bormann (l), begutachten die Zerstörung im Raum der Karten-Baracke im Führerhauptquartier Rastenburg, wo Oberst Stauffenberg am 20. Juli 1944 eine Sprengladung zündete, mit der Absicht Hitler zu töten (Archivfoto vom 20.07.1944). Als am 20. Juli 1944 gegen 12.50 Uhr der Sprengsatz in der "Wolfsschanze" detoniert, ging Claus Schenk Graf von Stauffenberg vom Tod des Diktators aus. Für den Attentäter schien das größte Hindernis für den Sturz der Nazis beseitigt. © picture alliance / dpa Foto: Heinrich Hoffmann

Attentat vom 20. Juli 1944: Stauffenbergs Bombe soll Hitler töten

Heute vor 80 Jahren explodiert in Hitlers Hauptquartier eine Bombe. Doch von Stauffenbergs Versuch, den Führer zu töten, scheitert. mehr

Norddeutsche Geschichte