Stand: 04.06.2016 11:31 Uhr

Die Gründung der SED in Mecklenburg-Vorpommern

von Michael Bluhm
Die Vorsitzenden von KPD und SPD, Wilhelm Pieck (l.) und Otto Grotewohl, beim symbolischen Händedruck auf dem Vereinigungskongress in Berlin.

Admiralspalast Berlin, 22. April 1946: Wilhelm Pieck und Otto Grotewohl inszenieren ihren historischen Händedruck, der zum Symbol der SED-Herrschaft in der DDR werden sollte. Das Emblem der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands versinnbildlichte die Einheit der Arbeiterbewegung durch den Zusammenschluss ihrer Parteien SPD und KPD. Letztere hatte allerdings die Sowjetische Besatzungsmacht im Rücken und konnte den Fusionsprozess zu ihren Gunsten beeinflussen. Besonders in Mecklenburg-Vorpommern konnte sie sich einer breiten Unterstützung sicher sein.

Kriegsende 1945: Die Arbeiterparteien suchen einen Schuldigen

Die Mitglieder der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD) und der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) waren sich 1945 uneinig über die Gründe der verheerenden Naziherrschaft. Einige Sozialdemokraten gaben der KPD die Schuld, weil sie bis 1933 die SPD bekämpfte. Andere sahen in der Spaltung der Arbeiterbewegung nach dem Ersten Weltkrieg die Voraussetzung für Hitlers Aufstieg.

Eine historische Aufnahme einer Demonstration für die Sozialistische Einheitspartei.

Vor 70 Jahren: Die SED wird gegründet

Nordmagazin -

Im April 1946 entsteht die SED durch einen Zusammenschluss von SPD und KPD. Wer gegen diese Vereinigung ist, wird von der sowjetischen Besatzungsmacht gemaßregelt.

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Unter dem Eindruck des zerstörerischen Krieges und einer breiten antifaschistischen Haltung in beiden Lagern mehrten sich auf beiden Seiten die Forderungen nach einer vereinigten Arbeiterpartei. Die Sowjetische Militäradministration (SMAD) versuchte zunächst, die KPD zur stärksten Kraft aufzubauen, um ein Herrschaftssystem nach sowjetischem Vorbild zu erschaffen. Doch die SPD zog in der sowjetischen Besatzungszone mehr Mitglieder an und trat entsprechend selbstbewusst auf. Ab Herbst 1945 propagierten deshalb KPD-Politiker wie Wilhelm Pieck und Walter Ulbricht massiv die Gründung einer Einheitspartei.

Sozialdemokratischer Neuanfang ...

Die Sozialdemokraten in Mecklenburg-Vorpommern bemühten sich zügig nach Kriegsende darum, wieder jene politische Bedeutung zu erlangen, die die SPD vor Hitlers Ermächtigungsgesetz 1933 inne hatte. Zu den bedeutendsten von ihnen gehörten Albert Schulz, Wilhelm Höcker, Carl Moltmann und Herman Lüdemann. Schulz wurde 1946 Oberbürgermeister in Rostock, jedoch geduldet von der SMAD, da er eine Vereinigung mit der KPD offen ablehnte. Höcker, Landesvorsitzender der Mecklenburger SPD, wurde schon 1945 von der SMAD zum Chef der Landesverwaltung ernannt. Lüdemann war Geschäftsführer und Moltmann Vorsitzender des SPD-Landesverbandes.

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... und wachsende Anhängerschaft der KPD

Die Anhängerschaft der KPD und der SPD wuchs in Mecklenburg-Vorpommern auf gleichem Niveau, wobei die KPD hier stärker wuchs als in den anderen Ländern der Ostzone, weil mehr Menschen in der Landwirtschaft arbeiteten. Denn die KPD vertrat schärfer eine Bodenreform, die die Übertragung des Großgrundbesitzes auf viele Klein- und Neubauern vorsah. Im Frühjahr 1946 hatte sie mit 70.000 Mitgliedern fast so viele wie die SPD mit 83.000. Hier fiel auch die Idee einer Einheitspartei der Arbeiterbewegung auf fruchtbaren Boden.

Vereinigung zwischen Zwang und Freiwilligkeit

Die SMAD unterstützte die Kampagne der KPD-Funktionäre, die in gemeinsamen Gremien mit der SPD nun offensiv die Führungsrolle beanspruchten, und drangsalierte unwillige Sozialdemokraten wie Hermann Lüdemann. Als Gegner der Vereinigung wurde ihm jede politische Tätigkeit untersagt, bis er die Sowjetisch Besetzte Zone (SBZ) 1946 verließ. Andere führende SPD-Politiker befürworteten die Fusion. Eines ihrer entscheidenden Motive war die Hoffnung, innerhalb der SED sozialdemokratische Traditionen und Ziele zu bewahren und den weiteren Weg der Partei von innen zu beeinflussen.

Letztendlich beschlossen führende SPD- und KPD-Politiker die Fusion von der unteren Kreisebene bis zur Landesebene, unter der Bedingung, dass die jeweiligen Parteiämter paritätisch besetzt werden. Bis Ende März 1946 wurde der Beschluss in allen Kreisen Mecklenburg-Vorpommerns umgesetzt. Die Landes-SED gründete sich am 7. April 1946 auf dem Vereinigungsparteitag im Schweriner Capitol, auf dem Carl Moltmann und Kurt Jünger von der KPD gleichberechtigt in den Vorsitz des Landesverbandes gewählt wurden.

Admiralspalast: Bühne für den symbolischen Händedruck

Der SED-Vereinigungsparteitag auf Ebene der Besatzungszone am 22. April 1946 im Admiralspalast in Berlin war nur noch eine formale Angelegenheit. Die Delegierten kamen aus den SED-Gliedern in den Ländern und waren schon deshalb vereinigungswillig. Der Parteitag bot letztlich nur die Bühne für das berühmte Foto mit dem Händedruck, der besonders in Szene gesetzt wurde.

Gegner der Gründung und ihre Flucht in den Westen

Doch die Gründung der SED erntete nicht überall Applaus. In Mecklenburg-Vorpommern verweigerten Zehntausende SPD-Mitglieder den Übertritt in die neue Arbeiterpartei. Albert Schulz blieb zunächst in der SED und zugleich Bürgermeister in Rostock. In diesem Amt versuchte er sozialdemokratische Traditionen zu wahren, bis er 1947 in einem Schauprozess der sowjetischen Besatzer zu zehn Jahren Zwangsarbeit verurteilt wurde. Nach vier Monaten kam er wieder frei und kehrte in sein Amt zurück. Doch 1949 sah er seine Unabhängigkeit soweit untergraben, dass er zurücktrat und mit seiner Familie in die Westzonen floh.

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Carl Moltmann hingegen gehörte zu jenen, die eine Vereinigung mit der KPD befürworteten. Er war nach den Landtagswahlen 1946 der erste Landtagspräsident. Wilhelm Höcker wurde später Spitzenkandidat der SED und erster Ministerpräsident in Mecklenburg-Vorpommern. Doch trotz dieser Beispiele und der paritätischen Besetzung der Leitungspositionen, bekamen die ehemaligen KPD-Funktionäre immer mehr Gewicht.

In den Folgejahren wurden die Doppelspitzen abgeschafft und ehemalige KPD-Funktionäre übernahmen endgültig die Führung der SED. Tausende ehemalige SPD-Mitglieder, die ihre Traditionen in Taten umsetzen wollten, wurden von ihren Ämtern entfernt, teilweise inhaftiert und flüchteten nach Westdeutschland. Die SED konnte gezielt ihre Parteienherrschaft in der 1949 gegründeten DDR aufbauen, die letztlich 40 Jahre lang hielt.

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Dieses Thema im Programm:

Nordmagazin | 10.04.2016 | 19:30 Uhr

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