"Viele Paare ringen um ihre Wünsche, weil sie kollidieren"

Stand: 26.05.2023 08:48 Uhr

Eine Paartherapie kann helfen, Konflikte zu klären. Der Hamburger Therapeut Eric Hegmann erklärt, was in der Paartherapie passiert, wann sie keinen Sinn macht und welche Probleme typisch sind.

Herr Hegmann, gibt es den richtigen Zeitpunkt für eine Paartherapie?

Eric Hegmann: Früh genug, um noch eine Verbindung wieder sichern und stärken zu können, möchte ich raten. Denn ist sie sehr brüchig geworden durch viele schlechte Erfahrungen und durch immer wiederkehrende Verletzungen, dann ist es häufig zu spät. Die Partner benötigen noch einen Vertrauensvorschuss füreinander und unterstellen nicht vorsätzliche und bösartige Verhaltensweisen. Das geschieht irgendwann automatisch als Strategie, um sich vor Verletzungen schützen zu können. Gleichzeitig bedeutet dies aber eine große Distanz und ohne Nähe kann die Verbindung nicht wieder hergestellt werden. Ich empfehle deshalb frühzeitig in der Partnerschaft gemeinsame Projekte wie einen Beziehungs-Workshop oder ein Seminar über Paarkommunikation. Wenn ein Paar eine Therapie machen muss, dann ist da viel mehr Widerstand, als wenn es etwas entwickeln möchte.

Was passiert in der Paartherapie?

Hegmann: Vielleicht zunächst, was nicht passiert: Der Therapeut oder die Therapeutin wird nicht zu einem Partner sagen, dass dieser sich verändern soll, damit der andere sich wieder gut fühlt. Das betone ich deshalb, weil insgeheim fast jeder diesen Wunsch mitbringt: Ich will mich nicht ändern müssen, du sollst dich ändern. Das ist sehr logisch, denn Veränderung bringt immer Unerkanntes und Bedrohliches und die Gefahr erneuter Verletzung. Genau darum jedoch geht es in der Paartherapie: Was kann ich verändern, damit es mir und uns wieder besser geht?

Und es geht darum, wieder gemeinsame Ziele zu finden, sich als Team zu erleben, das einen gemeinsamen Gegner hat - nämlich die negative Dynamik. Sie hat sich durch die Unterschiedlichkeit der Partner beispielsweise in der Streitkultur entwickelt und zeigt sich in sehr gegensätzlichen Stressreaktionen: einer will einen Konflikt sofort lösen und drängt auf eine Veränderung, der andere zieht sich zurück, weil er mehr Zeit benötigt oder aus Sorge, mit allem, was er macht, würde er es nur noch schlimmer werden. Im Streit fühlt sich jeder Partner im Recht und empfindet den anderen als Gegner, dabei haben beide einen gemeinsamen Feind.

Paartherapie soll helfen, die Gespräche zu führen, die Partner führen müssten, aber bisher nicht führen konnten. Jeder weiß insgeheim, was man ändern sollte: mehr Aufmerksamkeit, mehr Achtsamkeit, mehr Dankbarkeit oder mehr Zeit miteinander. Warum aber wird das nicht getan? Ich frage oft: "Wenn Sie jetzt das machen müssten, was müssten Sie dafür lernen?" Die Paartherapie will zeigen: Wie wäre es, wenn wir es tatsächlich tun würden? Das ist ein hoher Preis und das ist anstrengend, denn es gibt ja gute Gründe, weshalb man es bisher nicht getan hat. Die Entscheidung, diesen Preis zu zahlen, sich selbst zu verändern und dabei die eigenen Bedürfnisse nicht aufzugeben, die liegt dann bei jedem Partner.

Wie oft muss man zur Paartherapie?

Hegmann: Das ist sehr individuell. Eine Paartherapie dauert nach einem Vertrauensbruch gewiss länger als bei einem unterschiedlichen Bedürfnis nach Zeit zu zweit. Ich arbeite mit Paaren in Intensivsitzungen wie in unserem TV-Format oder dem Podcast, aber auch in aufeinanderfolgenden Sitzungen im Abstand von ein oder zwei Wochen. Es kommt vor allem darauf an, wie viel Zeit das Paar sich zu Hause nimmt, Übungen in den Alltag zu integrieren und Veränderungen zu verankern. Einen neuen Umgang mit Emotionen zu lernen, um in Stresssituationen anders zu reagieren als zuvor, erfordert Training, das nicht in der Therapiesitzung, sondern im Alltag geschieht.

Ich setze sehr stark auf paralleles Online-Training. Meine Paare können sich auf meiner Webseite Interventionen noch mal per Video ansehen und Übungsanleitungen herunterladen, sie können sich Fallbesprechungen ansehen oder mit AI Eric, meinem ChatGPT, sprechen, der mit Tausenden von Fragen und Antworten aus Interviews und Fällen der vergangenen zehn Jahre trainiert wird. Das verkürzt die Dauer der Therapie, denn sie ist sozusagen immer abrufbar und das macht sie letztlich viel günstiger. Das ist unglaublich wichtig für den Erfolg der Paartherapie: Sie findet vor allem außerhalb der Praxis statt, nämlich im Alltag.

Wann lohnt sich eine Paartherapie noch?

Hegmann: Wenn die Partner einander nur noch frühere Verletzungen vorwerfen und von gegenseitigen Schuldzuweisungen nicht mehr lassen können, dann wird die Paartherapie vielleicht zur Trennungsberatung. Doch auch die lohnt sich immer.

Sind es häufig ähnliche Probleme, warum Paare zu Ihnen kommen?

Hegmann: Sehr viele Paare nennen Kommunikationsprobleme als ihr Thema. Sie ringen um ihre Wünsche und Bedürfnisse, weil die kollidieren. Jede Beziehung ist der tägliche Widerspruch zwischen dem Verlangen nach Geborgenheit und Symbiose auf der einen Seite und dem nach Selbstbestimmung und Exploration auf der anderen. Diese Ambivalenz müssen die Partner jeder für sich und beide miteinander aushandeln.

Ein häufiges Szenario: Kennenlernen beginnt meist mit einem symbiotischen Wunsch, aber irgendwann entdeckt mindestens ein Partner das Bedürfnis nach Differenzierung, also danach, sich weiterzuentwicklen oder vielleicht auf Veränderungen von außen reagieren zu müssen. Das ängstigt natürlich einen Partner, der alles so haben will wie früher und er wird - je nach Persönlichkeit - bestimmte Strategien versuchen, um den anderen zu halten. Diese jedoch treiben den meist nur noch weiter in die Exploration. Diese Forderungs-Rückzugs-Dynamik ist ein häufiges Thema, ebenso der Wunsch nach Differenzierung sowie Stressreaktionen der Partner, die Auseinandersetzungen so schmerzhaft und verletzend machen.

Kommen eher jüngere Paare zu Ihnen oder auch ältere, die schon jahrzehntelang zusammen sind?

Hegmann: Zu mir kommen Paare von 20 bis 80 mit unterschiedlichsten Beziehungsmodellen: Fernbeziehung, monogame oder offene Beziehung.

Haben Langzeit-Paare andere Themen oder Probleme als jüngere Paare?

Hegmann: Ältere Paare mit mehr Lebens- und Beziehungserfahrung erlebe ich häufig als weniger ängstlich, wenn es um Veränderungen geht, einfach weil sie schon viel mehr Veränderungen in ihrem Leben erfahren haben. Jüngere wünschen sich oft sehr viel mehr Sicherheit, möglicherweise auch deshalb, weil die Partnersuche zunehmend als anstrengend und schwierig erlebt wird und das einmal gefundene Glück unbedingt gehalten werden soll. Zwar haben Menschen heute mehr Möglichkeiten der Kontaktaufnahme zu anderen Partnersuchenden als in irgendeiner Generation vor uns, aber sie erleben auch mehr Zurückweisungen und Enttäuschungen. Diese Erfahrungen beeinflussen den Umgang miteinander und die Paar-Dynamik.

Wie wichtig ist das Thema Sex, körperliche Nähe in einer Beziehung?

Hegmann: So wichtig, wie beide Partner es erleben. Viele Menschen wollen gar nicht so viel Sex wie sie eigentlich haben könnten, fühlen sich aber unter Druck, den haben zu müssen. Andere erleben Verbindung vor allem durch Intimität, andere benötigen zunächst Verbindung, um Sexualität zuzulassen. 

Wann sagen Sie einem Paar, dass es sich trennen muss?

Hegmann: Das maße ich mir nicht an. Eine solche Entscheidung treffen ausschließlich die Partner. Paartherapie kann und sollte hierbei natürlich eine Entscheidungshilfe sein.

Welche Krankenkasse zahlt Paartherapie?

Hegmann: Paartherapie ist keine Leistung von Krankenkassen. Auch deshalb ist Prävention eine gute Idee. Es gibt heute so viele Möglichkeiten wie nie zuvor - von Online-Kursen und -Seminaren bis hin zu Wochenend-Workshops oder Interventions-Übungen für zu Hause in Form von Frage-Sets. Allesamt garantiert günstiger als eine Therapie.

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Dieses Thema im Programm:

Die Paartherapie | 31.05.2023 | 22:45 Uhr

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