Paartherapie: Konflikte klären und sich weiterentwickeln

Stand: 01.06.2023 13:01 Uhr

Viele Paare haben Probleme in der Partnerschaft und erleben wiederkehrende Konflikte. Eine Paartherapie kann helfen, die Partner einander wieder näher zu bringen. Wie läuft sie ab und wann lohnt sie sich noch?

"Wenn alles gut geht, sind wir ein Traumpaar", sagt Sabrina (29). "Meiner Meinung nach hatten wir noch nie aus einem nennenswerten Grund Streit. Wir hatten noch nie ein Problem. Wir hatten zwar schon ganz, ganz viele Streitereien, aber eigentlich immer grundlos", sagt Sebastian (34). Das Paar ist seit fünf Jahren zusammen. Doch vieles läuft nicht gut: Streits eskalieren immer häufiger, tagelang schweigen sich die beiden dann an. Nun stehen sie unmittelbar vor der Trennung. In einer Paartherapie wollen Sabrina und Sebastian an ihrer Kommunikation arbeiten und so eine Trennung verhindern.

"Die meisten haben nie gelernt, Beziehungen zu führen"

Ob aus Liebe Gleichgültigkeit wird oder nach einem Kind alles anders, ob die Unterschiede zu groß werden oder der Partner zu wenig Verantwortung übernimmt - viele Menschen stehen im Laufe einer Partnerschaft vor Problemen, die für sie als Paar eigenständig nur schwer lösbar sind. Doch die wenigsten Paare reden über ihre Probleme, noch weniger suchen Hilfe. Jedes Paar ist anders, doch die Schwierigkeiten, die die Beziehungen belasten, sind typisch und tauchen früher oder später in vielen Partnerschaften auf. "Die meisten von uns haben nie gelernt, Beziehungen zu führen. Dabei bestimmen sie jeden Tag unser Leben", sagt der Hamburger Paartherapeut Eric Hegmann.

Was passiert in der Paartherapie?

Um die Liebe zu retten, müssen die Paare ihre Sprachlosigkeit überwinden. Unterstützung bekommen sie dabei von einem Paartherapeuten. "Ich helfe, die Gespräche zu führen, die Paare führen sollten, aber bisher nicht führen konnten", so Hegmann. In einer Paartherapie sollen die Paare authentisch und offen von ihren Schwierigkeiten erzählen und damit den ersten Schritt gehen, um sich wieder näherzukommen.

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Kann Eric Hegmann den vier Paaren helfen? Der Paartherapeut arbeitet seit fast 20 Jahren mit Paaren zusammen und hilft ihnen auf einfühlsame, humorvolle und mitunter auch bestimmte Art, die feindlichen Dynamiken in ihren Beziehungen zu durchbrechen. © NDR/Janine Meyer

"Viele Paare ringen um ihre Wünsche, weil sie kollidieren"

Der Hamburger Therapeut Eric Hegmann erklärt, worum es in der Paartherapie geht und welche Probleme typisch sind. mehr

Die Paartherapie ist eine Methode, bestehende Konflikte zu klären, wenn die Fronten verhärtet sind und die Partner kein Verständnis mehr füreinander haben. Ziel ist, eine negative Paar-Dynamik zu vermeiden, damit die Partner sich verändern und weiterentwickeln können. Laut Hegmann gibt es nur drei Optionen: die andere Person verändert sich, man selbst verändert sich oder man verändert die Situation. Die Hauptarbeit liegt bei den Partnern.

"Wir alle bringen unsere Pakete mit: aus der Kindheit, aus der Prägung, frühere Verletzungen. Die Frage ist: Wie gehen wir damit um? Wie kommen wir raus aus der Haltung 'Der andere soll mich verstehen' hin zu 'Wo ist mein Veränderungspotenzial? Welchen Preis bin ich bereit zu bezahlen?'" so Hegmann.

Welche Fragen stellt der Paartherapeut?

Der Paartherapeut übernimmt bei Krisen und Konflikten die Rolle eines Moderators. Er stellt Fragen und lenkt das Gespräch. Manchmal unterbricht er auch. "Dann geht es meistens darum, dass ich einen Gedanken gefunden habe, den ich vertiefen möchte", so Hegmann. Zu Beginn einer Paartherapie fragt der Therapeut, was sich die Partner davon versprechen. Ziel ist, Klarheit über die Beziehung zu erhalten, die Beziehung zu verbessern oder aber auch sie zu beenden.

Außerdem fragt der Therapeut nach den bestehenden Problemen und was das Paar bereits unternommen hat, um sie zu lösen. Dabei will der Therapeut auch wissen, wie jeder Partner reagiert und wie er Konflikte wahrnimmt. Zudem gibt er den Partnern Werkzeuge an die Hand, damit sie herausfinden, ob sie die gewünschten Veränderungen auch tatsächlich umsetzen können.

Gibt es den richtigen Zeitpunkt für eine Paartherapie?

Paartherapeut Hegmann rät, sich früh Hilfe zu holen, um eine Verbindung noch sichern und stärken zu können. Denn die wird durch viele schlechte Erfahrungen und wiederkehrende Verletzungen brüchig. Paare, die noch gute Erfahrungen miteinander machen, können die Verletzungen ausgleichen. Eskaliert ein Konflikt, entstehen Hegmann zufolge immer Verletzungen, in der Folge versuchen Menschen, sich zu schützen. Dadurch entsteht Stress und der Stress wiederum führt dazu, dass der nächste Konflikt eskaliert.

"In meine Praxis kommen Paare oft, wenn es eigentlich schon fast zu spät ist, also wenn sie kurz vor der Trennung stehen", berichtet Hegmann. Er empfiehlt Paaren, frühzeitig einen Beziehungs-Workshop oder ein Seminar über Paarkommunikation als gemeinsames Projekt zu machen.

Wann lohnt sich eine Paartherapie noch?

Voraussetzung für eine Paartherapie ist, dass beide Partner sich darauf einlassen und bereit sind, offen über ihre Probleme und Wünsche zu sprechen. Wenn die Partner einander nur noch frühere Verletzungen vorwerfen und von gegenseitigen Schuldzuweisungen nicht mehr lassen können, wird die Paartherapie vielleicht zur Trennungsberatung. Doch auch die lohnt sich Hegmann zufolge immer.

"Ich habe sehr großes Verständnis dafür, wenn es einem Partner schwerfällt, die Trennung einzuleiten und wenn er sich vielleicht erhofft, dass der andere Partner das für ihn erledigen würde, oder vielleicht doch der Paartherapeut oder die Paartherapeutin. Aber so eine Entscheidung muss von einem selbst kommen, sonst ist sie nicht nachhaltig", so Hegmann. Paartherapie kann dabei eine Entscheidungshilfe sein.

Schädliche Dynamiken durchbrechen

Sabrina und Sebastian sind wie viele Paare bereits in einer Spirale von gegenseitigen Vorwürfen gefangen. Paartherapeut Hegmann sieht darin eine sehr gefährliche Dynamik. Ein Partner möchte sofort einen Konflikt lösen, der andere Partner zieht sich zurück. Daraus entsteht schnell eine Forderung-Rückzugs-Dynamik. Ein Weg daraus kann sein, dass die Partner die Dynamik als gemeinsamen Gegner erleben und nicht mehr einander als Feinde. In der Folge können sie als Team gegen die Dynamik arbeiten.

Beim Partner nachfragen

Ein voller Alltag lässt bei vielen Paaren keinen Platz für romantische Momente. Dann sind es die "kleinen Verletzungen, die sich sammeln und aufstauen", sagt Hegmann. "Ganz viele Sätze, die wir im Alltag verwenden, haben natürlich auch einen versteckten Appell. Um den herauszufinden, dazu eignen sich zwei gute Fragen, nämlich: Was bräuchtest du jetzt von mir? Und: Erzähl mir mehr darüber! Dann würde ich wirklich erfahren: Worum geht es jetzt eigentlich? Bin ich einfach müde oder bin ich müde, weil ich so viel mache und das Gefühl habe, du hilfst mir nicht dabei?"

Viele Menschen sind es zudem einfach nicht gewohnt, über ihre Emotionen zu reden. Deshalb können sie diese häufig auch nicht benennen. "Wenn man aber seine Emotionen nicht ausdrücken kann", so Hegmann, "dann kann mein Partner, meine Partnerin auch nicht wissen, was in mir vorgeht."

Eltern sollten sich als Paar verabreden

Ein Elternpaar hält sein kleines Kind am Strand an den Händen und lässt es fliegen © Colorbox Foto: Oleksandr Latkun
Mit Kindern bleibt für viele Paare keine Zeit für Partnerschaft.

Viele Paare mit Kindern verstehen sich in erster Linie als Eltern. "Und dabei geht der Gedanke - wir sind Liebende, wir haben Leidenschaft, wir wollen zusammen etwas erleben und erkunden - häufig verloren", so Hegmann. Eltern, die frühzeitig Verabredungen als Paar mit einplanen, funktionieren seiner Erfahrung nach oft auch als Team besser.

Der Therapeut empfiehlt "Date Nights", feste abendliche Verabredungen. Damit die im Alltag zustande kommen, sollten andere Termine und Aufgaben von der To-do-Liste gestrichen werden. Bei den Verabredungen soll abwechselnd immer einer für das Date verantwortlich sein. Auch die Art des Dates soll wechseln. "Einmal ist es etwas Neues und einmal etwas Bewährtes, von dem man weiß: Das funktioniert super, da fühlen wir uns beide wohl. In so einem spielerischen Rahmen erleben sich Partner wieder mehr als Komplizen in einem gemeinsamen Projekt. Anstatt: Wir müssen jetzt eine Paartherapie-Übung machen."

Hegmann zufolge überschätzen sich viele Eltern. "Um eine Beziehung zu verbessern, braucht es Zeit. Diese Zeit muss irgendwo herkommen. Die müssen sich die Partner nehmen. Ich kann nur sagen: Babysitter können Beziehungen retten. Date Nights können Beziehungen retten."

Emotionale Nähe ist notwendig

Distanz schadet der Partnerschaft, so Hegmann. Es braucht emotionale Nähe, um Konflikte lösen zu können. Auf Distanz zu gehen, ist oft eine erlernte Strategie, die zwar dem Individuum hilft, nicht jedoch dem Paar. Findet ein Paar aber Wege, Nähe herzustellen, kommt es in eine Entspannung und kann in Verbindung treten. "Das kann eine Hand sein oder eine Umarmung. Umarmungen ab 60 Sekunden sind wirklich gut. Das funktioniert bei Erwachsenen genauso wie bei Kindern."

Sachebene und emotionale Ebene unterscheiden

Jeder Konflikt hat mehrere Ebenen, doch viele Paare können diese nicht unterscheiden. Dabei sei das extrem wichtig, so Hegmann. Bei Konflikten, die eskalieren, gehe es nie um die Sachebene, sondern immer um die emotionale Ebene. Es gehe nie um die Klopapierrolle, sondern immer darum: Was macht es mit mir, dass ich hinterher räumen muss, dass ich dafür verantwortlich sein soll, dass ich nicht gehört werde oder dass ich nicht gesehen werde?

Paare sollten offen und ehrlich miteinander sprechen, rät Hegmann. "Wenn ein Paar auf der Sachebene spricht, ähnelt das eher einem Kartenspiel mit verdeckten Karten. Jede Karte trumpft, jede Karte soll höher sein als die andere. Irgendwann haben die Partner das Gefühl: Wenn du mich nicht verstehst, was bringt das hier überhaupt? Eine gute Übung wäre, die Karten offen auf den Tisch zu legen, und zu sagen: Das ist mein Blatt. Wenn du magst, leg deines dazu und dann gucken wir gemeinsam darauf, was für ein Spiel wir daraus entwickeln."

Bereit sein, sich selbst zu verändern

Jeder wisse insgeheim, was man ändern sollte: mehr Aufmerksamkeit, mehr Achtsamkeit, mehr Dankbarkeit oder mehr Zeit miteinander, sagt Hegmann. "Warum aber wird das nicht getan? Ich frage oft: 'Wenn Sie jetzt das machen müssten, was müssten Sie dafür lernen?' Die Paartherapie will zeigen: Wie wäre es, wenn wir es tatsächlich tun würden? Das ist ein hoher Preis und das ist anstrengend, denn es gibt ja gute Gründe, weshalb man es bisher nicht getan hat. Die Entscheidung, diesen Preis zu zahlen, sich selbst zu verändern und dabei die eigenen Bedürfnisse nicht aufzugeben, die liegt dann bei jedem Partner."

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Dieses Thema im Programm:

Die Paartherapie | 31.05.2023 | 22:45 Uhr

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Psychologie

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