Inkontinenz bei Frauen: Welche OP hilft wem?

Stand: 31.05.2021 10:38 Uhr

Frauen hilft bei Inkontinenz häufig schon regelmäßige Beckenbodengymnastik. Doch manchmal ist eine OP notwendig. Welche Behandlung ist bei Belastungsinkontinenz und welche bei Dranginkontinenz geeignet?

Etwa jede dritte Frau in Deutschland leidet zumindest gelegentlich an unkontrolliertem Harnverlust. Im höheren Lebensalter ist sogar die Mehrzahl der Frauen betroffen. Doch noch immer ist das Thema Inkontinenz ein Tabu, obwohl es viele Mittel dagegen gibt und keinen Grund, sich einfach damit abzufinden. Durch regelmäßige Beckenbodengymnastik, hormonhaltige Salben, Muskeltraining und Bewegung erlangen zwei Drittel der betroffenen Frauen die Kontrolle über ihre Blase zurück. Außerdem stehen operative Methoden zur Verfügung, die sorgfältig abgewogen und von erfahrenen Operateurinnen und Operateuren durchgeführt werden sollten.

Ursachen, Symptome und Formen der Inkontinenz bei Frauen

Die häufigste Form der Inkontinenz ist die Belastungsinkontinenz, auch Stressinkontinenz genannt. Sie macht über die Hälfte der Fälle aus. Betroffene Frauen verlieren Urin bei körperlicher Belastung, wenn im Bauch- und Beckenraum Druck entsteht, zum Beispiel beim Lachen, Husten oder Niesen - einige bereits bei schnellem Gehen. Ursache ist meist eine Schwäche des Beckenbodens durch Geburten und Alterungsprozesse.  

Bei der Dranginkontinenz, auch überaktive Blase genannt, haben die Betroffenen ganz häufig das Gefühl, zur Toilette zu müssen, auch nachts. Dieser plötzliche Harndrang ist oft kaum zu unterdrücken und tritt bereits bei kleinster Blasenfüllung auf, so dass immer nur sehr wenig Urin ausgeschieden wird. Nur etwa 15 Prozent der Frauen mit Inkontinenz haben eine reine Dranginkontinenz. Wesentlich häufiger, in über 30 Prozent der Fälle, liegt eine Mischform vor.

Bei der Mischinkontinenz treten Symptome der Belastungsinkontinenz und der Dranginkontinenz auf. Sie entsteht häufig mit fortschreitendem Alter, indem zu einer bestehenden Drang- oder Belastungsinkontinenz die jeweils andere Inkontinenzform hinzukommt. Die Betroffenen leiden also unter unwillkürlichem Harnverlust, der sowohl in Zusammenhang mit einem starken Harndranggefühl als auch bei körperlicher Anstrengung auftritt. Um welche Art der Inkontinenz es sich handelt, lässt sich mit einer Blasendruckmessung ermitteln.

Die gründliche Untersuchung zeigt auch, ob eine Senkung der Beckenorgane vorliegt. Bei jeder neunte Frau wölben sich im Laufe des Lebens Teile der Beckenorgane durch die natürlichen Lücken im Beckenboden nach unten vor. Typische Beschwerden sind beispielsweise ein Schweregefühl, ein Fremdkörpergefühl oder Wundscheuern von Schleimhaut. Eine Senkung und Inkontinenz können, müssen aber nicht gemeinsam vorkommen.

VIDEO: Inkontinenz bei Frauen: Eine Gynäkologin klärt auf (5 Min)

Konservative Therapie bei Belastungsinkontinenz

Bei einer Belastungsinkontinenz ist meist der muskuläre Beckenboden zu schwach. Er hält die Beckenorgane in ihrer Position und unterstützt zudem den Blasenschließmuskel. Verliert die Beckenbodenmuskulatur durch Geburten, hormonelle Veränderungen oder Übergewicht ihre Elastizität und Stützfunktion, kommt es zu einer Störung des Schließmuskelapparates der Blase.

  • Ein konservativer Behandlungsansatz ist gezieltes Beckenbodentraining unter Anleitung und bei Bedarf mit Biofeedback oder elektrischer Unterstützung.
  • Zusätzliche Maßnahmen sind Gewichtsabnahme mit viel Bewegung und einer ausgewogenen Ernährung.
  • Manchen Frauen helfen außerdem Scheidenpessare, die wie Tampons eingeführt werden, um die Harnröhre für mehrere Stunden zu stützen und unfreiwilligen Urinverlust verhindern können.
  • In einigen Fällen werden auch Medikamente mit dem Wirkstoff Duloxetin eingesetzt, einem sogenannten Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahme-Hemmer. Das Mittel kann allerdings zu Nebenwirkungen wie Schwindel und Übelkeit führen und sollte deshalb vorsichtig dosiert werden.
  • Beckenbodentraining ist gut geeignet zur Prävention und bei kurzzeitig bestehender Belastungsinkontinenz nach einer Geburt. Ist jedoch schon zu viel Gewebe zerstört - zum Beispiel nach Entbindungen oder im Alter - lässt sich eine Inkontinenz nicht wegtrainieren.
  •  Bei der sogenannten Unterspritzung wird  mit einer feinen Nadel  ein Gel-Implantat ringförmig in die Schleimhaut injiziert, die sich daraufhin verdickt - wie aufgespritzte Lippen. Die Harnröhre soll dadurch enger werden und besser abdichten. Manchmal muss die Behandlung wiederholt werden, um einen Effekt zu erreichen. Die Methode wird vor allem genutzt, wenn eine Operation nicht in Frage kommt.   

Inkontinenz mit OP beheben

Bleiben alle konservativen Verfahren erfolglos, können operative Eingriffe helfen. Der Erfolg eines Eingriffs gegen Blasenschwäche hängt auch immer von der sorgfältigen Diagnosestellung und der Erfahrung der Operateure mit der jeweiligen OP-Methode ab.  

Liegt eine Kombination von Inkontinenz und Senkung vor (z.B. Blase, vordere Scheidenwand, hintere Scheidenwand, Gebärmutterhals, Gebärmutter oder Teile des Enddarms), sollte in einer ersten Operation zunächst die Senkung behoben werden. Ist das Gewebe anschließend geheilt, muss die Situation neu beurteilt werden. Denn die Stabilisierung im Becken verändert auch die Verschlusssituation der Blase. Eine erneute Blasendruckmessung zeigt, welche Ausprägung und Form der Inkontinenz noch vorliegt und welche Behandlung Erfolg verspricht.

Minimalinvasive OP bei Belastungsinkontinenz

Bei Belastungsinkontinenz sind in vielen Fällen minimalinvasive Operationen erfolgreich, zum Beispiel der Einsatz eines spannungsfreien Bändchens (TVT- oder TOT-Band) zur Stützung der Harnröhre. Die unter  Narkose eingepflanzte Schlinge stabilisiert die Harnröhre und verhindert, dass in Belastungssituationen Urin abgeht. Die Erfolgsraten sind hoch, wenn es sich um eine reine Belastungsinkontinenz handelt.

Zu den Risiken gehören Blasenverletzungen, Narbenbildung und ein nicht perfekter Sitz des Bändchens. So kann ein zu straffer Sitz des Bändchens dazu führen, dass sich Restharn bildet und es wiederum zu Entleerungsstörungen kommt.

Zu den Risiken gehören Blasenverletzungen, Narbenbildung und ein nicht perfekter Sitz des Bändchens. So kann ein zu straffer Sitz des Bändchens dazu führen, dass sich Restharn bildet und es wiederum zu Entleerungsstörungen kommt.

Implantation eines Netzes in den Unterleib

Die Implantation eines Netzes in den Unterleib zur Stabilisierung des Beckenbodens bei Senkungsbeschwerden ist eine große Operation, bei der Chancen, Risiken und Nebenwirkungen besonders sorgfältig abgewogen werden müssen. Die OP sollte nur von erfahrenen Ärztinnen und Ärzten in spezialisierten Zentren durchgeführt werden.

Ein unter der Harnröhre und Blase eingepflanztes Kunststoffnetz führt zu einer Entzündungsreaktion im Gewebe und dadurch zur Bildung einer narbigen Platte, die für Festigkeit sorgt. Bei dieser Methode kommt es  nur selten Rückfällen, aber häufiger zu Komplikationen wie Schmerzen beim Wasserlassen oder beim Geschlechtsverkehr.

Therapie der Dranginkontinenz mit Medikamenten

Zur Behandlung der Dranginkontinenz haben sich Anticholinergika bewährt. Die Medikamente dämpfen die Aktivität der Blasenmuskulatur. Da die Wirkung erst nach einiger Zeit einsetzt, sollten sie mindestens vier bis sechs Wochen eingenommen werden, um den Erfolg einschätzen zu können.

Zu den Nebenwirkungen der Anticholinergika gehören Mundtrockenheit, Übelkeit, Sehstörungen, Herzrasen oder Verstopfung. Reicht die Wirkung der Anticholinergika nicht aus oder sind die Nebenwirkungen zu stark, kann der Wirkstoff Mirabegron eingesetzt werden. Seine Wirkung setzt nach etwa drei Monaten ein, die Nebenwirkungen sind in der Regel geringer. Liegt ein Östrogenmangel vor, kann eine örtliche Hormontherapie mit einem Scheidenzäpfchen oder einer Scheidencreme sinnvoll sein.

Reicht die Wirkung der Medikamente nicht aus, können bei einer überaktiven Blase Botox-Injektionen direkt in den Blasenmuskel helfen, dass der Urin längere Zeit gespeichert werden kann. Die Wirkung des Nervengiftes hält etwa sechs bis neun Monate an und wird danach wird die Behandlung wiederholt.

 

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