Stand: 08.07.2019 16:10 Uhr  | Archiv

Was tun bei einem Hörsturz?

Frau hält sich gestresst die Ohren zu © Fotolia.com Foto: #CNF
Ein Hörsturz tritt plötzlich auf, verschwindet in den meisten Fällen aber von selbst wieder.

Plötzlich klingt auf einem Ohr alles ganz leise, wie durch Watte, das Ohr scheint ein bisschen taub: Das sind typische Anzeichen eines Hörsturzes. In Deutschland machen rund 200.000 Menschen pro Jahr diese beunruhigende Erfahrung. Eine eindeutige Erklärung für das Phänomen gibt es bislang ebenso wenig wie eine sicher wirksame Therapie. Klar ist nur, dass sich ein Hörsturz im Innenohr abspielt. Hier wandeln feine Sinneshärchen die Klangwelt von außen in elektrische Impulse um. Über den Hörnerv gelangen sie ins Gehirn. Vermutlich ist der Hörsturz eine Funktionsstörung der Sinneshärchen. Er kann einzelne Tonhöhenbereiche betreffen, verschieden stark ausgeprägt sein und sogar bis zur kompletten Ertaubung reichen. Oft macht sich zunächst ein Pfeifton auf dem Ohr bemerkbar, bevor der Hörverlust eintritt. Auch Gleichgewichtsstörungen können zusammen mit einem Hörsturz auftreten. In der Regel ist nur eine Seite betroffen.

Die meisten Hörstürze verschwinden von alleine wieder

Wenn keine weiteren Symptome wie Schwindel, Übelkeit, Seh- oder Sprachstörungen hinzukommen, die auf einen Schlaganfall hindeuten, ist ein Hörsturz kein Notfall. In 80 Prozent der Fälle verschwindet er von ganz allein wieder - und kommt in den meisten Fällen auch nicht wieder.

Für eine genaue Diagnose zum HNO-Arzt gehen

Hält die Hörminderung länger als 24 Stunden an, sollten Betroffene einen Hals-Nasen-Ohren-Arzt (HNO-Arzt) aufsuchen. Bei der Untersuchung überprüft dieser zunächst, ob es sich überhaupt um eine Innenohrschwerhörigkeit handelt oder ob eine andere Ursache für den Hörverlust vorliegt. Das können etwa ein Schmalzpfropf, eine Stauung der Endolymphe, ein Knalltrauma, eine Erkältung, ein viraler Infekt, eine Mittelohrentzündung oder ein Unterdruck nach einer Flugreise sein. Der Arzt prüft, wie stark die Hörminderung ist und welchen Frequenzbereich sie betrifft, ob zum Beispiel vor allem hohe oder tiefe Töne schlechter zu hören sind. Außerdem untersucht er das Trommelfell auf Beschädigungen und Entzündungen.

Kortison kann Heilung nach einem Hörsturz unterstützen

Als Standardbehandlung beim Hörsturz haben sich Kortison-Tabletten durchgesetzt. Sind andere Ursachen ausgeschlossen, verordnen die Ärzte in der Regel Kortison-Tabletten für fünf Tage, um die Spontanheilung zu unterstützen. In klinischen Studien hat sich dieser Therapieansatz als hilfreich erwiesen, wenn die Wirksamkeit von Kortison bisher auch nicht wirklich belegt werden konnte. In sehr schweren Fällen, bei Diabetikern und anderen Patienten, die keine Kortison-Tabletten vertragen, kann der Wirkstoff auch durch das Trommelfell direkt ins Mittelohr gegeben werden. Eine bessere Wirksamkeit von Kortison-Infusionen, die mitunter als Selbstzahler-Leistungen angeboten werden, ist dagegen nicht belegt.

Früher gängige Infusionen sind nicht wirksam

Die früher gebräuchlichen durchblutungsfördernden Infusionen haben sich mittlerweile als nicht wirksam herausgestellt und werden deshalb heute nicht mehr angewendet. Auch alternative Verfahren wie Sauerstoffüberdruck, Homöopathie, Magnettherapie oder die Einnahme von Ginkgo-Präparaten sehen Experten kritisch.

Hörverlust: Cochlea-Implantat kann helfen

Ist bei einem Hörsturz das Hörvermögen komplett verloren gegangen oder kommen noch Gleichgewichtsstörungen hinzu, ist die Aussicht auf eine Spontanheilung sehr gering. In solchen Fällen kann ein sogenanntes Cochlea-Implantat helfen, das in den Schädelknochen eingebaut wird. Über Elektroden in der Hörschnecke reizt das Gerät den Hörnerv direkt.

Mit dieser relativ neuen Technik können die Ärzte bei einer kompletten einseitigen Ertaubung das Hörvermögen recht gut wiederherstellen, sodass der Patient wieder einen räumlichen Höreindruck hat und auch Sprache in lauter Umgebung wieder besser verstehen kann. Allerdings funktioniert das Hören mit dem Implantat anders als gewohnt und muss durch tägliches Training neu erlernt werden.

Weitere Informationen
Frau benutzt ein Wattestäbchen zur Ohrreinigung. © fotolia Foto: Ralf Geithe

Ohren säubern: Vorsicht vor Wattestäbchen

Ohrenschmalz ist kein Schmutz, sondern ein natürlicher Schutz des Gehörgangs und des Trommelfells. Viele Hilfsmittel zur Reinigung der Ohren schaden mehr, als dass sie nutzen. mehr

Eine Frau sieht sehr angestrengt aus und hält sich die Ohren zu. © fotolia.com Foto: olly

Ohrstöpsel - Lärm richtig ausschalten

Straßenlärm, laute Musik, nervtötendes Schnarchen: Typische Geräusche, die jede Menge Nerven kosten können. Ohrstöpsel können helfen. Doch welche schützen richtig? mehr

Experten zum Thema

Priv.-Doz. Dr. med. Dr. rer. nat. Alexander Meyer
Oberarzt Klinik für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde
Universitätsmedizin Göttingen
Robert-Koch-Straße 40, 37075 Göttingen
www.hno.med.uni-goettingen.de

Prof. Dr. Tobias Moser
Oberarzt, Leiter Audiologie
Klinik für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde
Universitätsmedizin Göttingen
Robert-Koch-Straße 40, 37075 Göttingen
(0551) 39-228 03
www.auditory-neuroscience.uni-goettingen.de

Dr. Darjusch Nadjmi                                                                     
HNO Praxis Eppendorf
Eppendorfer Landstraße 77, 20249 Hamburg
(040) 468 818 01
www.hno-eppendorf.de

Weitere Informationen
Deutsche Tinnitus-Liga e. V. (DTL)
Am Lohsiepen 18, 42369 Wuppertal
(0202) 24 65 20, Fax 0202/246 52 20
www.tinnitus-liga.de

Informationsbroschüren zum Thema Tinnitus und Hörsturz:
www.tinnitus-liga.de/pages/sonstiges/broschuere-kostenlos.php

Ratgeber
Rato-Garrit Klomsdorff:
Hörsturz - und danach? Entstehung, Nachsorge, Vorbeugung.
120 S.; Asanger (6. Auflage; 2014); 15 Euro

Dieses Thema im Programm:

Visite | 09.07.2019 | 20:15 Uhr

Mehr Gesundheitsthemen

Grafische Darstellung eines Coronavirus © COLOURBOX Foto: Volodymyr Horbovyy

Corona-Pandemie: Wie ist die aktuelle Lage?

Bisher gibt es keinen deutlichen Rückgang bei der Zahl der Neuinfektionen, die Zahl der Intensivpatienten steigt. mehr

Hanfpflanzen © Colourbox Foto: Mykola Mazuryk

Hanf: Vielseitige Nutzpflanze für die gesunde Küche

Die Nutzpflanze wird zur Herstellung ganz unterschiedlicher Produkte genutzt. Vor allem die Samen gelten als äußerst gesund. mehr

Ein Frau hält sich vor Schmerzen das Handgelenk. © Colourbox Foto: Motortion

Rheuma: Organbeteiligung wird häufig übersehen

Bei entzündlich-rheumatischen Erkrankungen ist das Immunsystem fehlgesteuert. Abwehrstoffe richten sich gegen körpereigenes Gewebe. mehr

Eine Person mit blauen Schutzhandschuhen hält eine Pipette in der Hand © Colourbox

Antikörper-Therapie gegen Corona: Wie weit ist die Forschung?

Die klinischen Erfahrungen mit der Übertragung von Blutplasma sind vielversprechend. Große Studien fehlen allerdings. mehr

Der Virologe Prof. Christian Drosten und die Virologin Prof. Sandra Ciesek (Montage) © picture alliance/dpa, Universitätsklinikum Frankfurt Foto: Christophe Gateau,

Coronavirus-Update: Podcast mit Christian Drosten & Sandra Ciesek

Hier finden Sie alle bisher gesendeten Folgen zum Nachlesen und Nachhören sowie ein wissenschaftliches Glossar und vieles mehr. mehr