Stand: 11.03.2019 18:00 Uhr

Wenn die Kniescheibe schmerzt

Die Kniescheibe (lat. Patella) ist zwar nur ein kleiner, dafür aber sehr wichtiger Teil des Kniegelenks. Sie bildet mit ihm die Verbindung von Ober- und Unterschenkel. Der flache, dreieckige Knochen schützt dabei das Knie im Frontbereich und verbessert zugleich die Hebelwirkung der anliegenden Muskulatur. Verrutscht die Kniescheibe nach außen, ohne die führende Gelenkrinne zu verlassen, spricht man von einer Fehlstellung oder Subluxation. Die Fehlstellung bewirkt einen erhöhten Druck auf Teile der Kniescheibe, was zu Schmerzen und einer vorzeitigen Abnutzung des Kniescheibenknorpels führen kann.

Dr. Helge Riepenhof zeigt Jörg R. eine Kräftigungsübung. © nonfictonplanet Foto: Oliver Zydek

Muskelbedingte Knieschmerzen wegtrainieren

Die Bewegungs-Docs -

Jörg R. wurde vom Arzt ein bald nötiger Gelenkersatz prophezeit - dabei ist sein Problem in Wahrheit eine falsch geführte Kniescheibe. Er muss die Oberschenkelmuskeln trainieren.

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Aufbau des Knies

Die Kniescheibe ist vorn gewölbt geformt. Auf der Rückseite wird sie von einem vertikalen Grat in zwei leicht konkave Flächen geteilt; so kann sie normalerweise optimal in der vom Kniegelenk gebildeten Führungsrinne gleiten. Die Knorpelschicht, die die Rückseite überzieht, ist mit gut sechs Millimetern Stärke die dickste aller menschlichen Gelenke. Eingefasst ist die Kniescheibe von Bändern: Oben setzt vom Oberschenkelmuskel her die Quadrizeps-Sehne an, die vorn in das Kniescheibenband übergeht und unterhalb der Kniescheibe als Patellarband weiter zum Schienbein läuft. Seitliche Bänder (Retinaculi), Verlängerungen der innen- und außenseitigen Oberschenkelmuskulatur, stabilisieren die Kniescheibe mittig.

Was bei einer Kniescheibenfehlstellung passiert

Ursachen für Probleme mit der Kniescheibe

Patella-Probleme sind bei vielen Betroffenen erblich bedingt. Oft beginnen sie bei einem Wachstumsschub in der Jugend. Verstärkt werden sie durch eine schwach ausgeprägte Muskulatur - meist ist der innere Oberschenkelmuskel Vastus medialis nicht stark genug, um die Kniescheibe zu kontrollieren. Kniescheibenbeschwerden werden begünstigt durch

  • X-Beine
  • eine zu flache (hypo- oder dysplastische) Kniescheibenrückfläche oder Gelenkfläche des Oberschenkels
  • Bindegewebsschwäche.

Übergewicht, ständiges Laufen auf hartem Untergrund, Schuhe mit hohen Absätzen oder harten Sohlen, aber auch Sportarten mit ruckartigen seitlichen Bewegungen wirken sich negativ aus.

Typische Beschwerden bei Kniescheibenproblemen

Knieschmerzen beim Treppensteigen sind ein typisches Zeichen dafür, dass etwas mit der Kniescheibe nicht in Ordnung ist. Die Betroffenen können nicht gut in die Hocke gehen, nicht joggen und haben oft schon nach einem Spaziergang Schmerzen. Diese Schmerzen fühlen sich oft auch eher so an, als wären sie hinter der Kniescheibe und nicht tief im Gelenk.

Diagnose per Tastuntersuchung

Grundlegend sind die ausführliche Anamnese und eine sorgfältige klinische Untersuchung. Bei der Untersuchung des Kniegelenks spürt der Arzt ein leichtes Reiben auf der Außenseite, wenn das Knie bewegt wird, möglicherweise auch ein Reiben hinter der Kniescheibe, ein Knirschen und ein Schnappgeräusch. Reagiert die Kniescheibeempfindlich auf Druck und spürt man leichtes Knirschen oder Knacken, spricht das für einen Verschleiß hinter der Kniescheibe. Röntgenaufnahmen oder eine Kernspintomografie (MRT) geben Aufschluss über Stellung der Kniescheibe und eventuelle Knorpelschädigungen.

Mit dem Isokineten, einem Kraftmessgerät, kann der Orthopäde die Stärke von Strecker und Beuger testen. Die Werte der vorderen und hinteren Muskulatur des Oberschenkels werden im Verhältnis zueinander bewertet. Wünschenswert wäre ein Verhältnis von 60 Prozent zu 40 Prozent: Die Strecker sollen also stärker sein als die Beuger.

Behandlung: Manuelle Therapie und gezielte Übungen

Ein instabiles Knie muss behandelt werden. Denn auf Dauer zerstört eine Kniescheibe, die ständig an der Seite gegen die Wand der Gleitrinne läuft, die Knorpelschicht - so entsteht dort eine Arthrose (Retropatellararthrose).

  • Ein gezieltes Aufbautraining sollte als Erstes versucht werden, also eine konservative Therapie. Eine Kräftigung der Muskeln am Knie kann die Kniescheibe in die richtige Bahn ziehen und so den vorzeitigen Verschleiß des Gelenks stoppen. Bewegung beseitigt zwar nicht einen möglicherweise schon eingetretenen Verschleiß, lindert aber die Beschwerden und macht das Gelenk wieder belastbar. Dabei ist besonders auf die Zentrierung der Kniescheibe zu achten. Gleichgewichtsübungen und Wahrnehmungstraining (Propriozeptionstraining) sind dabei besonders wichtig für die Stabilisierung im Kniegelenk.

  • Zusätzlich kann eine manuelle Therapie der Patella und dem Gelenk mehr Platz verschaffen. Das entspannt und lindert die Schmerzen.

Operation ersetzt nicht Training

Kommt die Bewegungstherapie an ihre Grenzen, gibt es verschiedene Ansätze, das Knie durch eine Operation zu stabilisieren. Beispielsweise lassen sich die Bänder so versetzen, dass die Patella besser zentriert wird, eventuell kombiniert mit der Durchtrennung von seitlichen Kapselfasern. Oder der Operateur raspelt die Kniescheiben in eine Form, die besser in der Gleitrinne laufen kann. Ein anderer Ansatz ist die Teilprothese: Dabei werden nur die Kniescheibe und die Rinne durch eine Prothese ersetzt.

Selbst wenn operiert werden muss, hängt die Nachhaltigkeit des Ergebnisses aber maßgeblich von der Stärke der Beinmuskulatur ab. Deshalb sollte sie vor und nach dem Eingriff so gut wie möglich trainiert werden.

Weitere Informationen

Bewegungstherapie bei Kniescheibenfehlstellung

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Dieses Thema im Programm:

Die Bewegungs-Docs | 11.03.2019 | 21:00 Uhr

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