In einem Klassenzimmer ohne Schüler steht "CORONA FREI" auf der Tafel. © Picture Alliance/Geisler-Fotopress Foto: Christoph Hardt

Welche Spuren hat die Pandemie bei Kindern hinterlassen?

Stand: 01.09.2022 12:00 Uhr

von Korinna Hennig

Lange Zeit waren die Belange der Kinder in der Coronazeit im Windschatten der öffentlichen Aufmerksamkeit. Als die Forschung die psychischen Folgen der Pandemie analysieren konnte, rückten sie mehr in den Fokus. Doch nicht alles wurde dadurch besser. Denn die Diskussion über ihre Bedürfnisse wird seitdem hoch emotional und ideologisch geführt.

Julian Schmitz © Julian Schmitz
Etliche Kinder, die ihre Therapie eigentlich abgeschlossen hatten, seien in der Pandemie zurückgekehrt, berichtet der Leipziger Kinderpsychologe Julian Schmitz.

"Was ich persönlich sehr bedauere, ist, dass das immer wieder sehr polarisiert dargestellt wird", sagt der Leipziger Kinderpsychologe Julian Schmitz. "Schule auf versus Schule zu, Infektionsmaßnahmen schädlich versus nicht schädlich: Das wird aus meiner Sicht der Komplexität, wie psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in der Pandemie beeinflusst wird, nicht gerecht. Auch wenn wir uns empirische Daten dazu anschauen."

Kinder psychisch stark beeinträchtigt

Dabei ist der Befund klar: Die Coronakrise hat Spuren hinterlassen, die bei vielen lange nachwirken. Der Anteil der Kinder, die psychisch belastet sind, hat sich während der Pandemie gegenüber der Zeit davor verdoppelt, von 15 Prozent auf 30 Prozent. Dies hat die COPSY-Studie des Hamburger UKE ergeben, die die Auswirkungen der Coronazeit auf die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland untersucht.

In der letzten Erhebungswelle deutete sich zwar in manchen Bereichen wieder eine leichte Verbesserung an, nicht aber in allen. Die Hamburger Kinderärztin Claudia Haupt etwa berichtet von einer Häufung psychosomatischer Symptome in der Praxis: "Chronische Bauchschmerzen und chronische Kopfschmerzen, Schlafstörungen, Essstörungen: Das hat alles wahnsinnig zugenommen in der Pandemie. Das ist auch immer noch da", sagt Haupt.

Ein komplexes Bild

Doch wer die richtigen Schlüsse aus den Forschungsdaten ziehen will, muss die Zahlen differenziert betrachten. Denn nicht alle, die psychisch belastet sind, entwickeln auch langfristig eine psychische Erkrankung. Und: 70 Prozent der Kinder waren - im Umkehrschluss - nicht belastet, betont Psychologe Julian Schmitz.

Als besonders gefährdet allerdings hat sich vor allem eine Gruppe von Kindern und Jugendlichen erwiesen, die auch in ihrer Bildungslaufbahn das dickste Päckchen aus der Pandemie mitschleppt: die aus sozioökonomisch benachteiligten Familien. "Das sind Kinder aus Familien, die weniger finanzielle Ressourcen haben, die auch einen Migrationshintergrund haben können. Und vor allen Dingen, die auf beengtem Raum leben", sagt Ulrike Ravens-Sieberer, die Leiterin der COPSY-Studie.

Psychotherapeutisch unterversorgt

Das größte Risiko tragen Kinder und Jugendliche, die auch vor Corona schon psychisch erkrankt waren. Etliche, die ihre Therapie eigentlich abgeschlossen hatten, seien in der Pandemie zurückgekehrt, berichtet Julian Schmitz: "Weil sie immer noch vulnerabel waren."

Viele werden mit ihrer Erkrankung jetzt allerdings erst mal allein gelassen. Denn die Wartezeit auf einen Platz in der Psychotherapie hat sich Forschungsdaten zufolge verdoppelt. "Im Bundesdurchschnitt sind es sechs Monate, und in ländlichen Gebieten geht es oft über ein Jahr oder noch länger hinaus", sagt Julian Schmitz. Er kennt viele Fälle aus der Praxis, weil er die Hochschulambulanz an der Universität Leipzig leitet. Außerdem war er an einer Studie beteiligt, die über eine Befragung niedergelassener Psychotherapeuten die größten Belastungen der jungen Patienten und Patientinnen ermittelt hat.

Nicht nur die Maßnahmen sind schuld

Daraus lassen sich wichtige Erkenntnisse für die Zukunft gewinnen. Denn anders, als das in der überhitzten Diskussion um Corona-Maßnahmen oft suggeriert wird, waren es diesen Daten zufolge nicht allein die Infektionsschutzmaßnahmen, die Kinder belastet und beeinträchtigt haben, sondern auch das Infektionsgeschehen selbst. Dieser Befund deckt sich mit internationalen Forschungsergebnissen. Demzufolge fiel - trotz harter Kontaktbeschränkungen - die psychische Belastung im Vergleich in den Ländern etwas niedriger aus, deren Ziel zeitweise eine Eliminierung des Virus war, weil der zweite Belastungsfaktor - die vielen Ansteckungen und schweren Verläufe - weniger ins Gewicht fiel.

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Sekundäreffekte in den Schulen

Pädagogen, Kinderärzte und Psychologen plädieren deshalb dafür, die soziale Teilhabe von Kindern und Jugendlichen mit Infektionsschutzmaßnahmen zusammen zu denken - und fordern eine klare Strategie für die Familien, die im Herbst oder Winter erneut von Quarantäne und Isolation betroffen sein könnten. Und für Risikopatienten und Schattenfamilien.

Julian Schmitz vermisst diese Strategie noch in der Gesundheitspolitik. Und: Der Preis, den man für einen Wegfall von Maßnahmen in den Schulen zahlt, müsse klar benannt werden, meint er. Denn Daten aus England etwa zeigen, dass der Unterrichtsausfall in dieser Phase des "Laufenlassens" deutlich zugenommen hat. Wenn sich wieder mehr Lehrer infizieren, schließen sich manchmal Klassen oder ganze Jahrgänge vorübergehend sozusagen selbst.

In Mecklenburg-Vorpommern etwa machen manche Familien zum Schulstart nach den Sommerferien gerade erst diese Erfahrung. "Und das gehört zur ehrlichen Betrachtung mit dazu, dass wir schauen sollten, wenn wir jetzt Maßnahmen aufheben, welche sekundären Effekte haben wir davon, welche Nebenwirkungen hat das auf Kinder und Jugendliche: Um dann ehrlich zu beantworten, wie wir damit umgehen wollen."

Mehr Ehrlichkeit bei Ländervergleichen

Das erscheint umso wichtiger, als schulischer Druck und Lernrückstände offenbar einer der Hauptbelastungsfaktoren für Kinder und Jugendliche in der Pandemie waren. Und Bildungsrückstände sind schwer wieder aufzuholen - ein Teufelskreis. Wer mit einer Strategie für den Fall der Fälle vorsorgt, kann dagegen flexibel reagieren, ohne die Vulnerablen erneut über die Maßen zu gefährden, wie das Beispiel Dänemark zeigt.

Wegen des hohen Infektionsgeschehens zu Beginn der Omikron-Welle wurden die Schulen dort Mitte Dezember 2021 bis nach Weihnachten geschlossen. Wie viel besser allein die digitalen Voraussetzungen dort für Fernunterricht im Vergleich mit Deutschland waren, ist spätestens seit der Corona-Pandemie bekannt. Julian Schmitz wünscht sich deshalb mehr Ehrlichkeit bei solchen Ländervergleichen.

Masken auch für psychische Entwicklung unbedenklich

Den vor dem Hintergrund des Infektionsschutzgesetzes vor allem in sozialen Medien geführten Streit um eine mögliche erneute Maskenpflicht in den Schulen im Winter beantwortet die Forschung in einem Punkt jedenfalls relativ eindeutig: Ein negativer Einfluss auf die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen lasse sich nicht belegen, sagt der Psychologe und Psychotherapeut Schmitz. Selbst der Bundesverband der Kinder- und Jugendärzte, der Masken für Kinder mittlerweile politisch ablehnt, hatte dieser Maßnahme noch im ersten Pandemie-Jahr medizinische Unbedenklichkeit bescheinigt, auch mit Blick auf die psychische Gesundheit.

Ulrike Ravens-Sieberer hat aus den Befragungen der COPSY-Studie die Erkenntnis gewonnen, dass Masken von viele Kindern bei hohem Infektionsdruck positiv bewertet wurden, als Zeichen für Selbstwirksamkeit, weil sie ihnen "ein Stück Kontrolle zurückgegeben" hätten. Wie das in der jetzigen Phase der Pandemie sein würde, lässt sich allerdings noch nicht absehen. "Natürlich haben es Kinder mit Sprachentwicklungsstörungen möglicherweise bei einer Maskenpflicht im Unterricht auch schwerer, ihr Defizit wieder aufzuholen", räumt Julian Schmitz ein. Allerdings könnten Sprachtherapeuten und Lehrkräfte dann womöglich auf Masken mit einem transparenten Teil über der Mundpartie zurückgreifen.

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NDR Info | 01.09.2022 | 09:08 Uhr

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