Ein Kind zeigt einen Corona-Selbsttest. © dpa-bildfunk Foto: Julian Stratenschulte

Wie viele Kinder sind von Corona-Langzeitfolgen betroffen?

Stand: 30.08.2022 13:06 Uhr

Post- und Long-Covid kommen bei Kindern vor, aber sie sind selten. Um herauszufinden, wie viele unter 18-Jährige in Deutschland betroffen sind, muss aber bekannt sein, wie viele Kinder und Jugendliche bereits infiziert waren. Diese Zahlen zu ermitteln birgt einige Schwierigkeiten.

von Nele Rößler

Seit Pandemie-Beginn haben sich in Deutschland rund 32 Millionen Menschen nachweislich mit dem Coronavirus infiziert. Vermutlich ist allerdings auch diese Zahl zu niedrig angesetzt, weil viele Infektionen nicht mehr gemeldet werden. Die genaue Zahl bereits genesener Kinder und Jugendlicher zu ermitteln ist noch schwieriger. Das hat unterschiedliche Gründe.

Viele Kinder sind symptomlos infiziert. Das heißt, ihre Erkrankung wird häufig gar nicht bemerkt. Das gilt seit dem Ende der Testpflicht in der Schule natürlich umso mehr.

Schnelltests bei Kindern sind weniger aussagekräftig

Außerdem waren bei Kindern Schnelltests eine Zeitlang womöglich nicht so aussagekräftig wie bei Erwachsenen. Ein Grund: Tests sind bei Kindern schwieriger durchzuführen. Wie gut die Probenentnahme klappt, hat aber Einfluss auf das Testergebnis. Die Kinderärztin Folke Brinkmann vom Katholischen Klinikum in Bochum hat außerdem die Erfahrung gemacht, dass eine hohe Viruskonzentration in den Atemwegen der Kinder vor allem in den vergangenen Pandemiewellen oft nur relativ kurz anhielt. Das heißt, Antigentests schlugen während eines kürzeren Zeitraums an. Bei der Omikron-Variante sei das wieder anders - die Viruslast bleibt offenbar länger hoch.

Serologische Daten bei Kindern seltener

Dazu kommt: Viele Studien nutzen Blut aus Blutbanken, also von Menschen, die Blut spenden. Weil Menschen unter 18 Jahren das in Deutschland nicht dürfen, fließen also weniger Daten von Kindern und Jugendlichen in Studien zur Anzahl an Infizierten ein. Eine weitere Einschränkung ist das Set-Up vieler Studien. Probandinnen und Probanden bekommen häufig Testkits nach Hause geschickt, bei denen sie sich selbst Blut abnehmen müssen. Das möchten Eltern ihren Kindern häufig ersparen. Auch deshalb gibt es weniger Daten zur Infektionstätigkeit bei Minderjährigen.

Stiko-Empfehlung auf wackliger Grundlage?

Trotz dieser Unsicherheiten gibt es eine Berechnung des Robert Koch-Instituts. Demnach könnten bereits bis zu ungefähr 80 Prozent der Kinder in Deutschland infiziert gewesen sein. Allerdings beruht auch diese Berechnung nicht auf einer umfangreichen Datenerhebung, sondern es handelt sich um eine Modellierung, also um eine Simulation mit Hilfe mathematischer Modelle.

Die Autoren verweisen selbst auf große Unsicherheiten bei unter 18-Jährigen. Ihrer Einschätzung nach liegt die Spannbreite der bereits infizierten Kinder und Jugendlichen zwischen 60 und 100 Prozent. Dennoch hat die Ständige Impfkommission mit dieser Modellierung ihre Empfehlung begründet, gesunde Kinder zwischen fünf und elf Jahren mit nur einer Dosis gegen Covid-19 zu impfen. Denn medizinisch gesehen geht man mittlerweile davon aus, dass eine Infektion für das Immunsystem gleichwertig mit einer Impfdosis ist.

Eine oder zwei Impfdosen für Kinder?

Allerdings: Je älter die Kinder bzw. Jugendliche sind, umso eher treten auch die eigentlich seltenen schweren Verläufe auf. Wie gut der Schutz vor allem langfristig nach nur einer Impfdosis ist, lässt sich aus der Forschung nicht eindeutig beantworten, weil Antikörper zum einen nach einigen Wochen nachlassen und sich andererseits die Immunantwort normalerweise mit mehrfachem Viruskontakt - ob aus Impfung oder Infektion - verbreitert. Für Erwachsene konnte eine Studie aus München zeigen, dass erst ein dreimaliger Kontakt einen guten Schutz hervorruft. Einige Kinderärzte verimpfen deshalb trotz der Stiko-Empfehlung, wenn die Eltern es wünschen, zwei Dosen, das Impfschema, mit dem der Impfstoff zugelassen wurde.

Eine Erhebung aus verschiedenen Krankenhäusern in Deutschland scheint jetzt aber die Zahlen der RKI-Modellierung, dass bereits ein Großteil der Kinder in Deutschland infiziert war, zu bestätigen. Genaue Daten, wie viele Kinder und Jugendliche in Deutschland erkrankt waren, sind auch wichtig, um einschätzen zu können, wie hoch bei Kindern das Risiko für Folgeerscheinungen wie Long-Covid ist.

Langzeitfolgen auch nach leichten Verläufen

Auch wenn ein schwerer Covid-Verlauf zum Beispiel mit länger anhaltenden Atemproblemen einhergehen kann, akute Krankheitsschwere und Langzeitfolgen bedingen einander nicht. Long-Covid oder Post-Covid können auch auftreten, wenn der Infizierte nur einen sehr leichten Verlauf hatte.

Der 13-Jährige Jonas aus Niedersachsen, der eigentlich anders heißt, bemerkte seine Infektion nicht einmal. Wann genau er infiziert war, ist unklar. Er hatte keine Symptome, die Tests in der Schule waren negativ. Eine Vermutung ist, dass er während der Ferien erkrankte, als die Familie sich nicht so häufig testete.

Die Kinderärztin Claudia Haupt findet genau das so tückisch. "Man kann nach ganz leichten Verläufen auch einen Long-Covid-Verlauf bekommen."

Antikörpertests zeigen zurückliegende Infektion

"Ich war von einer Minute auf die andere sehr müde. So, dass ich um 17 Uhr gesagt habe, ich muss jetzt ins Bett", berichtet Jonas. Daraufhin ging er mit seiner Mutter zum Arzt. Dort wurde mit Hilfe eines Antikörpertests festgestellt, dass er eine Corona-Infektion hinter sich hatte. Jonas war zu dem Zeitpunkt zwar bereits einmal geimpft. Aber die Tests können unterscheiden, ob die entdeckten Antikörper von der Impfung oder der Infektion stammen, denn nach der Impfung werden nur Antikörper gegen das so genannte S-Protein, das Spike-Protein, gebildet. Nach einer Infektion bildet der Körper auch Antikörper gegen das Nukleokapsid des Virus.

Ältere Kinder sind eher betroffen

Die Forschung weiß mittlerweile, dass eher ältere als jüngere Kinder von Long Covid betroffen sind. Mediziner wie der Kinderarzt Daniel Vilser beobachten das Syndrom aber auch bei Kindern unter zwölf Jahren. Er leitet am Uniklinikum Jena die Post Covid-Ambulanz. "Dass es das bei jüngeren Kindern nicht gibt, ist Quatsch", sagt Vilser.

Wie häufig Long-Covid ist, wird in verschiedenen internationalen Studien unterschiedlich eingeordnet. Das liegt zum einen daran, dass die Bandbreite der Symptome sehr groß ist. Sie reicht von Atemproblemen über Kurzatmigkeit hin zu Schlafstörungen und Müdigkeit. Längst nicht alle Kinder sind so stark beeinträchtigt wie der 13-jährige Jonas.

Solide Datengrundlage fehlt auch bei Long-Covid

Das Problem für die Forschung ist die Datengrundlage, denn die Symptome werden in der Regel selbst berichtet, was bei jüngeren Kindern schwierig ist, und nicht immer werden Patienten mit einer gesunden Kontrollgruppe verglichen. Dadurch schwanken die Studienergebnisse stark. So kam eine Studie aus Dresden zu dem Ergebnis, dass 30 Prozent der Kinder und Jugendliche unter Langzeitfolgen leiden könnten - die Studienautoren betonen aber selbst die Schwierigkeit, dies für Kinder und Jugendliche zu berechnen. Spezialisierte Kinderärzte vermuten aber, dass die Zahlen niedriger sind. Daniel Vilser etwa geht davon aus, dass womöglich eins von 100 infizierten Kindern betroffen ist.

Diagnose Post Covid

Die Kinderärztin Claudia Haupt aus Hamburg beobachtet in ihrer Praxis, dass die meisten dieser Langzeitfolgen nach einigen Wochen wieder verschwinden.

Wenn das nicht der Fall ist und die Symptome länger als zwölf Wochen bleiben oder sogar neue auftreten, spricht man von Post Covid. Diese Diagnose bekam auch der 13-jährige Jonas. Zwar gibt es mittlerweile Hinweise, dass die Impfung auch vor Langzeitfolgen schützt, aber Jonas kann auch drei Monate nach Symptombeginn nur einige Stunden am Tag die Schule besuchen. Er ist aber positiv gestimmt, denn es werde langsam besser. Auch wenn die Ärzte ihm gesagt haben, dass Post Covid-Symptome wie Abgeschlagenheit bis zu einem Jahr andauern können.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Wissen | 29.08.2022 | 06:55 Uhr

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