Stand: 16.10.2018 10:17 Uhr

Blutvergiftung: Sepsis erkennen und behandeln

Pro Jahr erkranken in Deutschland mehr als 150.000 Menschen an den Folgen einer Blutvergiftung (Sepsis), fast 60.000 sterben. Damit ist sie hierzulande die dritthäufigste Todesursache. Ein vereiterter Zahn, ein Infekt mit Husten oder eine Wunde an der Hand genügen: Gelangen Bakterien in den Blutkreislauf, kann sich binnen weniger Stunden eine lebensgefährliche Blutvergiftung entwickeln. Da die Symptome einer Sepsis zunächst unspezifisch sind, sind sie nicht nur für Laien schwer einzustufen, sondern werden auch von medizinischem Fachpersonal häufig verkannt.

Einer Frau wird mit einem Stäbchen Speichel entnommen.

Blutvergiftung: Sepsis erkennen und behandeln

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Auslöser können eine eitrige Wunde oder eine Infektion irgendwo im Körper sein: Wenn Bakterien in den Blutkreislauf gelangen, kann sich eine gefährliche Blutvergiftung entwickeln.

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Symptome sind unspezifisch

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Bei einer Blutvergiftung sind die Entzündungswerte im Blut erhöht.

Schnelle Atmung, schneller Puls, Fieberschübe, erhöhte Entzündungswerte im Blut - das sind Zeichen einer Sepsis. Trotz ihrer Gefährlichkeit wird eine Sepsis oft nicht oder zu spät erkannt, denn die Symptome können auch durch andere Erkrankungen, zum Beispiel eine Grippe, verursacht sein. In einigen Fällen (circa zwölf Prozent) treten die typischen Symptome auch gar nicht auf. Vor allem bei älteren Menschen werden Anzeichen wie Verwirrtheit, Fieber und Störungen der Organfunktion zudem häufig zunächst übersehen oder fehlgedeutet. So vergeht wertvolle Zeit und die Überlebenschancen der Betroffenen sinken.

Plötzliche Verwirrtheit ist ein Alarmzeichen

Klagt ein Betroffener über ein schwerstes Krankheitsgefühl, entwickelt er Fieber, atmet er schnell und macht er dabei einen verwirrten Eindruck, sind das eindeutige Alarmzeichen für eine Sepsis. Entscheidend ist die plötzliche Verwirrtheit, die bei anderen schweren Infektionen wie einer Grippe nicht auftritt. In diesem Fall ist keine Zeit zu verlieren, denn es droht ein Organversagen und der Betroffene muss schnellstmöglich intensivmedizinisch behandelt werden: Sofort den Notarzt rufen (Rettungsleitstelle 112)!

Dass man eine Blutvergiftung an einem blauen oder roten Strich von einer Wunde zum Herzen erkennen könne, ist übrigens ein Irrglaube. Ein solcher Strich ist vielmehr ein Symptom einer entzündeten Lymphbahn. Unbehandelt kann sich daraus allerdings auch eine Blutvergiftung entwickeln, da die Lymphbahnen letztlich in einer Vene münden.

Was passiert bei einer Sepsis?

Eine Sepsis beginnt immer mit einer Infektion, zum Beispiel einer eitrigen Wunde, einer Zahnwurzel-, Harnwegs-, Nasennebenhöhlen-, Gallenblasen- oder Lungenentzündung. Auch nach Operationen und anderen medizinischen Eingriffen kann es zu einer Sepsis kommen, wenn dabei Erreger in die Blutbahn gelangen. In der Regel gelingt es dem Immunsystem, die Erreger erfolgreich zu bekämpfen. Bei einer Sepsis aber gerät die Lage außer Kontrolle: Die Krankheitserreger und von ihnen produzierte Giftstoffe verteilen sich über die Blutbahn und das Immunsystem reagiert darauf mit einer heftigen Entzündung im ganzen Körper. Die weißen Blutkörperchen setzen Gifte und Botenstoffe frei, die die Erreger bekämpfen, aber auch kleine Blutgefäße schädigen und regelrecht durchlöchern. Große Mengen Flüssigkeit gelangen so ins Gewebe, die Blutgerinnung gerät außer Kontrolle und immer mehr winzige Blutgerinnsel verstopfen die Gefäße im ganzen Körper. Im weiteren Verlauf kommt es durch den resultierenden Sauerstoffmangel oft zu lebensbedrohlichen Störungen der Organfunktionen - bis hin zum sogenannten septischen Schock.

Interview
04:06
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Blutvergiftung: Alarmzeichen erkennen

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Wie erkennt man eine Blutvergiftung und wie gefährlich ist sie? Interview mit dem Hamburger Intensivmediziner Dr. Axel Nierhaus. Video (04:06 min)

Jeder dritte Betroffene überlebt nicht

Auch wenn Intensivmediziner durch Beatmung, Blutwäsche, Kreislaufunterstützung, Gerinnungstherapie und künstliches Koma viele Organfunktionen vorübergehend ersetzen oder unterstützen können, ist die Sepsis eine sehr schwere Erkrankung, die jeder dritte Betroffene trotz maximaler Therapie nicht überlebt. Bei einem septischen Schock stirbt sogar jeder Zweite. Da die Überlebenschance vor allem davon abhängt, wie frühzeitig die richtige Therapie eingeleitet wird, sollte eine Sepsis niemals verschleppt werden. Treten im Verlauf einer Infektionskrankheit plötzlich Symptome wie Kurzatmigkeit, Herzrasen, Wahrnehmungs- oder Gedächtnisstörungen auf, ist das ein dringender Notfall, der im Krankenhaus abgeklärt werden muss.

Behandlung mit Antibiotika

Um den Krankheitserreger zu identifizieren, nehmen Ärzte vor Therapiebeginn Blut ab und versuchen, die Keime im Brutschrank zu vermehren. Dann lässt sich besser bestimmen, um welchen Erreger es sich genau handelt und wie er am besten zu behandeln ist. Aber nur in 30 bis 40 Prozent der Fälle lässt sich der Erreger überhaupt genau ermitteln. Bisher stehen nur wenige Medikamente zur Verfügung, die das Fortschreiten der Sepsis so lange aufhalten, bis die Keime identifiziert werden und die passenden Antibiotika gegeben werden können. Schon bevor die Ergebnisse vorliegen, wird deshalb meist auf Verdacht mit Antibiotika behandelt, die gegen viele verschiedene Keime wirken. Denn je früher die Therapie beginnt, desto höher ist die Überlebenschance. In der ersten Stunde beträgt sie noch 80 Prozent.

Überlebende leiden oft an Spätfolgen einer Sepsis

Viele Betroffene, die eine Sepsis überstanden haben, brauchen lange, um sich zu erholen. Für jeden Tag Intensivtherapie rechnen Experten eine Woche Erholung. Und: Viele Betroffene leiden auch noch nach Jahren unter den Spätfolgen: chronische Erschöpfung, Appetitlosigkeit, posttraumatische Belastungsstörung, Bewegungseinschränkungen und kognitive Defizite sind typisch.

Montage aus Erste-Hilfe-Koffer und Radio © fotolia.com Foto: frank peters, Artem Shcherbakov

Auch bei einer Blutvergiftung zählt die Zeit

NDR Info - Radio-Visite -

Hinter einer Sepsis, einer Blutvergiftung, steckt meist eine bakterielle Infektion. Sie kann tödlich enden. Das Tückische: Erste Symptome ähneln denen einer Grippe.

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Ziel der Mediziner: Blutvergiftung früher erkennen

Um die Überlebenschancen der Betroffenen zu steigen, fordern Experten regelmäßige Schulungen für Ärzte und Pflegepersonal, damit diese die einzuleitenden Schritte immer wieder trainieren. Wichtig ist dabei auch die fachübergreifende Zusammenarbeit von Anästhesisten, Chirurgen, Apothekern, Radiologen und Intensivpflegekräften.

Schnelltest in der Entwicklung

In Jena forschen Ärzte und Naturwissenschaftler zudem an innovativen optischen Methoden, die innerhalb weniger Stunden den für die Sepsis verantwortlichen Keim entlarven und sogar zeigen, ob dieser gegen bestimmte Antibiotika resistent ist oder nicht. Mit den bisherigen Laborverfahren liegen diese Informationen erst nach 24 oder 48 Stunden vor. Der damit erreichbare Zeitgewinn würde die Überlebenschance der Betroffenen deutlich erhöhen.

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Experten zum Thema

Dr. Axel Nierhaus, Geschäftsführender Oberarzt
Klinik für Intensivmedizin
Zentrum für Anästhesiologie und Intensivmedizin
Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf
Martinistraße 52
20246 Hamburg
www.uke.de/

Prof. Dr. Michael Bauer, Chefarzt
Klinik für Anästhesiologie und Intensivmedizin
Sprecher des Integrierten Forschungs- und Behandlungszentrums Sepsis und Sepsisfolgen (CSCC)
Universitätsklinikum Jena
Am Klinikum 1
07747 Jena
www.kai.uniklinikum-jena.de
www.uniklinikum-jena.de/cscc

Prof. Dr. Ute Neugebauer, Physikalische Chemie
Integriertes Forschungs- und Behandlungszentrum Sepsis und Sepsisfolgen (CSCC)
Universitätsklinikum Jena
Am Klinikum 1
07747 Jena

Weitere Informationen
Deutsche Sepsis-Hilfe e.V.
Am Klinikum 1
07747 Jena
www.sepsis-hilfe.org

Deutsche Sepsis-Gesellschaft e.V.
c/o Universitätsklinikum Jena
Am Klinikum 1
07747 Jena
www.sepsis-gesellschaft.de/DSG/Deutsch

Dieses Thema im Programm:

Visite | 16.10.2018 | 20:15 Uhr

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