Schutz der Moore: Warum geht es nur so langsam voran?

Stand: 03.01.2022 07:16 Uhr

Worauf Experten schon lange hinweisen, sickert erst seit einigen Jahren ins Bewusstsein von Politikern und Öffentlichkeit ein: Moore zu schützen, ist aktiver Klimaschutz.

von Rüdiger Strauch

Denn aus trockenen Mooren und solchen, in denen Torf abgebaut wird, entweichen jährlich Millionen Tonnen CO2. Vor allem auch in Niedersachsen, denn hier liegen 38 Prozent aller Moore in Deutschland. Mit dem Schutz der Moore geht es allerdings nur langsam voran.

"Mit dem Hinhalten muss jetzt mal Schluss sein"

Reinhard Löhmer steht am Rand eines Moores bei Rehburg im Landkreis Nienburg. Der ehemalige Biologe und Ehrenamtliche des BUND hat schon viele Minuten wortreich erklärt, was ihn so sehr auf die Palme bringt. Er hat gesagt, dass jetzt Schluss ist damit, die Beine still zu halten, jetzt will er mal so richtig anprangern, was alles nicht gut läuft beim Moorschutz. Und dann sagt Löhmer, Mitte Siebzig, graue Haare und Outdoor-Klamotten, etwas, was ihm mithin am wichtigsten ist: "An sich bin ich ja wirklich sehr liberal", sagt Löhmer und hebt den Zeigefinger, er wolle nicht dastehen als der, der über die Interesse der anderen hinweggeht, "aber mit dem Hinhalten muss jetzt mal Schluss sein."

Viele Grundstückseigentümer kooperieren nicht

Löhmer will von vielen Eigentümern von Grundstücken in Niedersachsens Mooren nicht mehr hingehalten werden. Er steht am Rehburger Moor, wo alles so gut lief. Wichtige Moor-Grundstücke wurden schon in den Siebzigerjahren aufgekauft, es wurden Dämme errichtet, Wasser wurde gestaut, das Moor wiedervernässt. Aber die Gedanken an die nördlich von Hannover gelegene Hannoversche Moorgeest machen Löhmer wütend. Denn dort verweigern auch nach vielen Jahren, in denen sich Behörden um Tauschflächen und Geldangebote mühten, noch immer viele Grundstückseigentümer jede Kooperation. Sie ignorieren Behördenpost, antworten nie, mancher prozessiert sogar.

Idee: CO2-Rechnung für Verweigerer

"Dabei sind viele der Grundstücke doch kaum zu gebrauchen, so gut wie gar nicht für Landwirtschaft, Holzeinschlag ist ganz schwierig", weiß Löhmer. Vielfach wüssten die Eigentümer, bei denen es sich häufig um Erbengemeinschaften handelt, doch kaum, in welchem Zustand die Grundstücke seien, was da überhaupt wachse. Und da hat Löhmer eine Idee: Denen, die sich verweigern, würde er gern eine CO2-Rechnung schicken. Die Eigentümer könnten jetzt schon leicht nachrechnen, was auf sie zukäme. Und zwar jährlich. Denn aus einem Hektar trockenen Moores in schlechtem Zustand entweichen im Jahr etwa 20 Tonnen CO2. Ein realistischer CO2-Preis, sagt Löhmer, seien 100 Euro. Da kämen schnell große Rechnungssummen zusammen. Dann würden bestimmt viele einknicken, ist sich Löhmer sicher. Und eben da ist es um dem liberalen Reinhard Löhmer längst geschehen.

300 Millionen bis 2025 für den Moorschutz

Dazu, dass solche Rechnungen verschickt werden, wird es absehbar nicht kommen. Umweltminister Olaf Lies (SPD) weiß, dass es bei vielen Moorschutz-Projekten im Land kaum vorangeht. Aber CO2-Rechnungen lehnt er ab. Er will lieber Anreize schaffen, die Nutzung der Moorgrundstücke abzutreten oder sie anders zu bewirtschaften. "Der Landwirt, der auf einer nasseren Fläche wirtschaftet, bekommt die CO2-Emissionen, die er einspart, ausgezahlt und ist dann Landwirt, Naturwirt und Klimawirt", sagt Lies. Mehr als 300 Millionen Euro stellt der Bund bis 2025 für den Moorschutz zur Verfügung. Niedersachsen mit 38 Prozent aller Moorflächen in Deutschland hat das Geld bitter nötig - auch dafür, finanzielle Anreize zu schaffen und Moorflächen aufkaufen zu können. Aber der Umweltminister weiß auch, dass Versprechen und das Werben der Naturschutzbehörden für den Schutz der Moore allzu oft völlig wirkungslos bleiben.

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Was kommt nach dem "Prinzip Freiwilligkeit"?  

Es könne, sagt Lies, allerdings nicht dauerhaft beim "Prinzip Freiwilligkeit" und der Hoffnung auf die Einsicht der Eigentümer bleiben. "Wenn der Verhandlungsprozess nicht gelingt, muss es andere Möglichkeiten geben. Wenn wir völlig frei von Druckmitteln bleiben, dann werden wir immer Einzelne haben, die sich weigern. Und dann kommen wir beim Klimaschutz nicht voran." Das Wort "Enteignung" spricht Lies vermutlich ganz bewusst nicht aus. Es klingt zu sehr nach "Wir nehmen weg, Ihr müsst damit klarkommen." Dabei geht mit einer Enteignung immer auch eine Entschädigung einher, eine Ausgleichsfläche, Geldangebote. 

"Dimension ähnlich wie der Kohleausstieg"

Dinge, mit denen die Behörden bei vielen nicht weiterkämen, wenn es um so etwas Hochemotionales wie den Moorschutz geht, sagt Landvolk-Präsident Holger Hennies. Da hätten Großväter oder Urgroßväter das Land mit Mühe und Not dem Moor abgerungen, jetzt aber solle alles aus der landwirtschaftlichen Nutzung genommen werden. Das sähen viele Landwirte nicht ein, deren manchmal durchaus wichtige Grünlandflächen vor allem im Nordwesten Niedersachsens häufig in Moorgebieten lägen. Landesweit geht es um 200.000 Hektar Moorfläche. Der Schutz der Moore, findet Hennies, habe deswegen für Niedersachsen eine Dimension ähnlich wie der Kohleausstieg für ganz Deutschland, das Projekt "Moorschutz"“ werde sich über etliche Jahrzehnte hinziehen.

"Der Klimawandel wartet nicht"

Zeit, die niemand verstreichen lassen könne, sagt Christian Meyer. Der stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Grünen im Landtag sagt es klipp und klar: "Der Klimawandel wartet nicht." Deswegen dürfe das Land, dürfe der Umweltminister jetzt auch mit Grundstückseigentümern nicht allzu zimperlich umgehen. Und Meyer meint eben das: Das Land sei bisher zu zimperlich mit denen umgegangen, die sich jedweder Zusammenarbeit mit den Naturschutzbehörden widersetzten. Wenn Autobahnen gebaut würden, dann seien Enteignungen gegen Entschädigung oder Flächentausch doch auch kein Tabu. Jährlich trügen trockene Moore in schlechtem Zustand zu elf Prozent aller CO2-Emissionen in Niedersachsen bei. Das müsse doch jedem bewusst machen, sagt Meyer, dass die Politik schnell handeln müsse.

Jahrelanger Kampf für mehr Moorschutz

Aber rund ums Projekt "Hannoversche Moorgeest" planen die Naturschutzbehörden schon bald zehn Jahre, den so wichtigen Damm zum Wiedervernässen der Moorflächen gibt es immer noch nicht. In diesem Jahr soll jetzt so richtig losgelegt werden, davor hat die Auseinandersetzung mit Grundstückseigentümern viel Zeit in Anspruch genommen. Jahre, in denen Reinhard Löhmer häufig gebeten wurde, nicht allzu lautstark zu wettern. Den Naturschutzbehörden war und ist daran gelegen, den Gesprächsfaden mit den Eigentümern nicht abreißen zu lassen. Ein allzu wütender und wetternder BUND-Vertreter wäre da nicht dienlich. Jetzt allerdings will Reinhard Löhmer nicht mehr schweigen, denn er findet, der Menschheit rinne beim Klimaschutz die Zeit durch einfach nur so durch die Finger. Und nach jahrelangem Kampf für mehr Moorschutz in Niedersachsen ist es mit Löhmers an sich liberalen Ansichten sowieso nicht mehr weit her.

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Dieses Thema im Programm:

Hallo Niedersachsen | 03.01.2022 | 19:30 Uhr

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