Neuer Plasma-Luftfilter: Gewitterblitze gegen Corona-Viren

Stand: 17.12.2020 21:23 Uhr

Ein Luftfilter, der nachweislich 99 Prozent der Corona-Viren aus der Raumluft eliminieren kann? Gibt es. Eine Firma aus dem Raum Göttingen hat einen neuartigen Plasma-Umluftfilter entwickelt.

von Marco Schulze

Von außen sehen sie wie gewöhnliche Raumlüfter aus, doch innen versteckt sich eine vielversprechende Technik. Die Geräte, die Bernd Deutschs Firma aus Adelebsen (Landkreis Göttingen) gemeinsam mit der Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst (HAWK) in Göttingen entwickelt hat, sind anders konzipiert als die meisten Umluftfilter. Sie haben keine sogenannten Schwebstofffilter integriert, sondern zwei Plasma-Elektroden. Diese versetzen die Luft in den vierten Aggregatzustand Plasma. "Innerhalb des Gerätes haben wir dann eine Art kleines Gewitter, was die Luft reinigt, also quasi Gewitterblitze, die dann schlussendlich die Viren und Bakterien abtöten", so Deutsch. Dabei werden die Viren also nicht wie bei anderen Geräten erst getrocknet oder gefiltert, sondern direkt abgetötet. Und das mit wenig Energieaufwand. Im Normalmodus seien laut Deutsch gerade einmal 50 Watt sind nötig.

99 Prozent der Viren werden abgetötet

Noch entscheidender sei aber, dass es das erste Gerät dieser Art ist, dass umfassend unter Realbedingungen getestet wurde, so Wolfgang Viöl, Plasmaforscher an der HAWK. Das Fraunhofer Institut für Bauphysik hat den Plasmafilter in den vergangenen Wochen geprüft. Das Ergebnis: Nach 45 Minuten wurden bereits 72 Prozent der Viren abgetötet, nach etwa zwei Stunden sogar 99 Prozent. Diese Wirkungsstudien fehlen laut Viöl bei nahezu allen anderen Raumluftfiltern. Damit erfüllt das Gerät aus Südniedersachsen auch die Vorgaben des Umweltbundesamtes. Die Behörde hatte erst kürzlich alle Schulen darauf hingewiesen, Raumfilter ohne entsprechenden Wirkungsnachweis nicht anzuschaffen.

Rund 100 Gewitter-Filter sind bereits bestellt

Zwei Männer bringen einen Plasmafilter an der Decke eines Fitnesscenters an. © NDR Foto: Marco Schulze
Andreas Vogelsang hat einen Plasmafilter in seinem Fitnessstudio montiert. Rund 2.500 Euro hat er für die Anlage bezahlt.

Die Plasma-Umluftfilter sind mittlerweile marktreif. Rund 100 Geräte wurden bereits bestellt - von Schulen, Büros und Fitnesscentern in ganz Deutschland. Andreas Vogelsang war einer der ersten Kunden. Er ist Betreiber eines Fitnesscenters in Adelebsen bei Göttingen. Ihm geht es wie seinen Kollegen - seit Anfang November darf er keine Gäste mehr an die Geräte lassen. Doch die neue Plasmatechnik macht ihm Hoffnung. Er hat ein Konzept zur Wiedereröffnung erarbeitet, dass er nun an Gesundheitsamt und Landkreis schicken will. Dabei spielt der Plasmafilter die zentrale Rolle. Er will schnellstmöglich nachweisen, dass die Filter auch in seinem Fitnesscenter wirken. Es soll aus wissenschaftlicher Sicht keinen Grund mehr geben, sein Sportstudio geschlossen zu halten. Sieben Filter-Geräte hat Vogelsang daher gekauft. Die ersten hängen schon an der Decke.

Ein Lösungsansatz für Schulen?

Auch in der Grundschule in Adelebsen werden die Plasmafilter bald in den Klassenräumen hängen. Die Gemeinde hat 25 Geräte für die Schule erworben. Wenn alles gut läuft, müssen die Schüler nach dem harten Lockdown schon im Januar nicht mehr im 20-Minuten-Takt lüften. "Während des Unterrichts würden unsere Geräte die Virenlast soweit senken, dass keine Infektion oder Ansteckung erfolgen kann", sagt Bernd Deutsch. Damit wäre jedenfalls an dieser Schule nur noch normales Lüften nötig, so wie vor der Pandemie. Denn Kohlenstoffdioxid filtert auch der Plasmafilter nicht aus der Luft. Auch die Mindestabstände müssten weiterhin eingehalten werden, weil der Lüfter nur Viren in der Raumluft abtötet, nicht jedoch die an der Oberfläche.

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NDR Info | 18.12.2020 | 16:00 Uhr

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