Monika Maron © picture alliance/picture alliance / dpa Foto: Klaus-Dietmar Gabbert

"Traurige Entwicklung": Verlag trennt sich von Monika Maron

Stand: 20.10.2020 18:43 Uhr

Nach fast 40-jähriger Zusammenarbeit hat der S. Fischer Verlag signalisiert, die Bücher von Monika Maron nicht länger veröffentlichen zu wollen. Ein Gespräch mit Ulrich Kühn, Leiter der Literaturredaktion von NDR Kultur.

Herr Kühn, was hat zu diesem Zerwürfnis geführt?

Ulrich Kühn: Von außen betrachtet könnte man denken, dass das ein längerer Weg gewesen ist, der dorthin geführt hat. Monika Maron hat in den vergangenen Jahren immer wieder mit kritischen Stellungnahmen ihrerseits Kritik auf sich gezogen: Sie hat die Flüchtlingspolitik der Merkel-Regierung sehr scharf angegriffen; sie hat ihrer Angst vor dem "Machtanspruch" des Islam Ausdruck verliehen, den sie eine "unaufgeklärte Religion" genannt hat; sie hat sich gegen das Sprachgendern gewandt und vieles andere mehr. Da waren also Positionen, die sie im politischen Diskurs nach rechts zu verorten schienen. Zuletzt sind zwei Romane erschinen, die auch als Thesenromane gelesen worden sind: "Munin oder Chaos im Kopf" und "Artur Lanz", dem man teilweise vorgeworfen hat, er wirke so, als wolle sie förmlich provozieren, dass sich der Widerspruch wieder äußert, der sie in ihrer These bestätigt, dass sie an den Rand nach rechts gedrückt werde.

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Aber zuletzt ist etwas passiert, das, glaube ich, den Ausschlag gegeben hat: Monika Maron hat in der Edition Buchhaus Loschwitz, einem kleinen Verlag, den die Dresdener Buchhändlerin Susanne Dagen betreibt, ein Essayband veröffentlicht. Dieser Essayband ist in der Reihe Exil erschienen, die wiederum von Götz Kubitschek, dem Verleger des Antaios-Verlags, vertrieben wird. Und da hat der Verlag S. Fischer nun gesagt, das nicht länger dulden zu können. Ihre Positionen seien in Ordnung gewesen - aber dass dieser Essayband dort erscheine, das passe nicht zusammen, wenn man gleichzeitig im Verlag S. Fischer publizieren möchte.

Der "Süddeutschen Zeitung" hat Maron in einer Mail geschrieben: "Man hat mir ausrichten lassen, ich sei politisch zu unberechenbar, passe nicht mehr in die Zeit und sei damit ein Risiko für den Verlag." Ist Monika Maron Opfer ihrer zuletzt zunehmend rechteren Position geworden?

Kühn: Es ist vielleicht eine Frage der Perspektive. Aus Monika Marons Sicht muss das wohl so wirken - wir waren nicht dabei und wissen nicht, was ihr tatsächlich gesagt worden ist. Ihr Lektor habe ihr diese Botschaft überbracht, hat sie in einem Interview mit der "Welt am Sonntag" geäußert. Es muss für sie so wirken, dass sie, weil sie bei ihrer Meinung geblieben ist, nun einen Preis dafür zu bezahlen habe. Die politischen Positionierungen, die als rechts identifiziert worden sind, ob nun zutreffenderweise oder nicht, haben demnach nicht die entscheidende Rolle gespielt, sondern dass dieser Essayband in der Edition des Buchhauses Loschwitz von Susanne Dagen erschienen ist.

Siv Bublitz, Verlagsleiterin der S. Fischer Verlage, hat sich sehr dagegen verwahrt, dass da eine Art Zensur stattfinden würde: "Autorinnen und Autoren dürfen und müssen auch provozierend und unberechenbar sein." Aber ist dieses rigorose Vorgehen dann nachvollziehbar?

Monika Maron © picture alliance/picture alliance / dpa Foto: Klaus-Dietmar Gabbert

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Kühn: Es ist auf jeden Fall eine bittere, eine traurige Entwicklung. Man hätte vielleicht versuchen können, das abzuwenden - und das ist auch laut Siv Bublitz versucht worden. Man hat das Gespräch mit der Autorin gesucht, aber das sei gescheitert. Ich glaube, dass Monika Maron relativ früh in ihrer Schriftstellerinnenkarriere eine mutige Entscheidung für sich getroffen hat: Sie wird das, was sie für wahr hält, auch öffentlich aussprechen. Ihr Roman "Flugasche", der in der DDR nicht erscheinen konnte, machte die Umweltproblematik dort zum Thema: Bitterfeld als die schmutzigste Stadt Europas. S. Fischer hat dann diesen Roman 1981 herausgebracht - das ist die tragische Komponente in dieser Geschichte.

Dieses Vorgehen wirkt jetzt sehr rigoros, und es ist auch insofern kritikwürdig, als der Fischer Verlag dem Meinungskampf, der im Moment tobt, überhaupt nicht entkommt. Er wird sich automatisch zu rechtfertigen haben.

Welche Rolle spielen da die Dresdener Buchhändlerin Susanne Dagen oder der Verleger Götz Kubitschek vom Antaios-Verlag?

Kühn: Susanne Dagen wird von Monika Maron als Freundin bezeichnet, zudem als eine Oppositionelle, die sich beispielsweise mit offenen Sinnen für Pegida-Positionen interessiert hat. Das hat Monika Maron auch getan: Sie hat das aus nächster Nähe beobachten mögen, zusammen mit dem Schriftsteller Peter Schneider, der eine 68er-Biografie hat. Monika Maron sagt nun, sie wolle die Freundschaft nicht kündigen, auch wenn sie nicht in allem übereingehe, was Susanne Dagen politisch denke.

Dass Götz Kubitschek diese Edition vertreibe, das sei ihr gar nicht bewusst gewesen. Welcher Autor interessiere sich schon dafür, wie seine Bücher vertrieben würden, sagt sie. Und im Übrigen stehe sie ihm auch politisch nicht nahe.

Es ist befremdlich, was Monika Maron in den letzten Jahren geäußert hat - es ist aber auch befremdlich, was da gerade passiert. Was sagt das über unsere Diskussionskultur?

Kühn: Dass diese Diskussionskultur vergiftet ist, möglicherweise schon so vergiftet, dass man sich Sorgen machen muss. Man kann längst in den sozialen Netzwerken oder in den Kommentarspalten unter den Zeitungsartikeln, die zu dem Thema erschienen sind, beobachten, dass sich die Lager aufs Neue sortieren. Das schriftstellerische Wirken dieser wirklich bedeutenden Autorin spielt dabei gar keine Rolle, sondern es geht darum, wer welche Positionen in welcher Situation vertreten hat, ob das nun Cancel Culture sei, ob Cancel Culture überhaupt existiere, oder ob das nicht vielmehr ein rechter Kampfbegriff sei. Ob man eine missliebige Autorin habe loswerden wollen, ob das vielleicht zu Recht geschehen sei und dergleichen mehr. Diese Diskussion wird sehr hitzig geführt, und ich glaube, das tut uns allen nicht gut, dass es in dieser Tonlage sein muss.

Das Interview führte Jürgen Deppe.

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NDR Kultur | Journal | 20.10.2020 | 18:00 Uhr