Olympische Ringe vor dem Olympiastadion in Tokyo © picture alliance/dpa Foto: Michael Kappeler

Skandale bei Olympia in Tokio: "Katastrophal fürs Image"

Stand: 22.07.2021 17:13 Uhr

Über Sport ist in Bezug auf die Olympischen Spiele in Japan nur am Rande die Rede. Es gibt Proteste der Bevölkerung, Sponsoren, die auf Distanz gehen, und Corona-infizierte Athlet*innen. Ein Gespräch mit dem Japan- und Olympia-Experten Christian Tagsold.

Olympische Ringe vor dem Olympiastadion in Tokyo © picture alliance/dpa Foto: Michael Kappeler
Beitrag anhören 8 Min

Herr Tagsold, einen Tag vor der großen Eröffnungsfeier wurde der Kreativdirektor von seinen Aufgaben entbunden, weil ein Video des früheren Komikers aufgetaucht war, in dem er sich über den Holocaust lustig macht. Sein Vorgänger war im März zurückgetreten, nach erniedrigenden Äußerungen über eine japanische Entertainerin. Der Komponist der Veranstaltung wurde vor wenigen Tagen gefeuert, weil er in seiner Schulzeit Kinder mit Behinderung gemobbt haben soll. Was ist da los?

Christian Tagsold: Ehrlich gesagt komme ich auch nicht hinterher, wer inzwischen zurückgetreten ist. Das Organisationskomitee ist ein Abbild der grundlegenden Probleme dieser Spiele und der ganzen Bewerbung. Das war von Anfang an ein Club seltsamer Männer mit seltsamen Ansichten, die seltsame Dinge mit den Spielen erreichen wollten. Das alles wurde ein bisschen dadurch überdeckt, dass es um den Wiederaufbau von Nordjapan ging. Aber jetzt kocht das alles hoch, und das ist katastrophal fürs Image.

Warum ist all das niemandem vorher aufgefallen? War da nicht genug Sensibilisierung vorhanden?

Tagsold: Ich weiß es nicht. Die Vorsitzende des Komitees, Frau Hashimoto, scheint schon zu verstehen, um was es da geht. Aber ich glaube, dass die ganze Corona-Situation und die Frage, ob die Spiele stattfinden oder nicht, dazu geführt haben, dass man sich solchen Dingen nicht mehr gewidmet hat. Das kann ich verstehen, weil die Zeit sehr hektisch war, die Organisation war auf Kante genäht, und dann hat man da vielleicht zu spät geschaut. Aber die entscheidenden problematischen Auswahlkriterien für all diese Leute, das zieht sich schon länger durch die Organisation.

VIDEO: Olympia 2021 in Tokio - die "Corona-Spiele" (8 Min)

Wird über Themen wie zum Beispiel "MeToo" in Japan genauso diskutiert wie in den USA oder in Europa?

Tagsold: Es wird diskutiert, aber es kommt nicht mehr so an die Öffentlichkeit. Es gibt keine großen NGOs, die das in dem Ausmaß unterstützen würden, wie das in Europa oder Nordamerika der Fall ist, weil das Vereinsrecht in Japan ganz anders ist und sich dadurch große Organisationen schwertun sich zu formieren. Das tut natürlich auch einiges dazu, dass diese Dinge zu spät nach oben kommen.

Das Problem fing für Sie schon zu einem viel früheren Zeitpunkt an. Wo liegt denn Ihrer Ansicht nach die Ursache allen Übels?

Tagsold: Eigentlich ging das schon vor zehn, 15 Jahren los, als man sich entschieden hat, für die Olympischen Spiele eine neue Bewerbung zu starten. Verantwortlich war damals der Gouverneur der Präfektur Tokio, Shintarō Ishihara, ein sehr konservativer Politiker, der bei uns schon fast in das Feld der AfD reinfallen würde. Der wollte nach Jahrzehnten des wirtschaftlichen Stillstands der Bevölkerung wieder einen Höhepunkt bieten, worauf sie stolz sein kann. Er hat aber versucht, die Zustimmung der Bevölkerung mit ziemlich zweifelhaften Methoden zu erreichen. In Wahrheit war die Zustimmung der Bevölkerung nie besonders hoch. Und damit, wie das durchgesetzt wurde, waren die Probleme schon vorprogrammiert.

Weitere Informationen
Symbolbild mit den Olympischen Ringen und der japanischen Flagge. © picture alliance/Morio Taga/Jiji Press Photo/dpa Foto: Morio Taga

Olympische Spiele 2021 in Tokio - Livestreams, Zeitplan, Ergebnisse, News

Die besten Athleten der Welt treten 2021 bei den Olympischen Spielen in Tokio an. Anschließend finden in der japanischen Hauptstadt die Paralympics statt. Die Olympia-Homepage der ARD mit Livestreams, Ergebnissen und News. mehr

Der Widerstand der Bevölkerung erstarkt immer weiter, oder?

Tagsold: 2011 ist die Stimmung gekippt, und es hieß: Wer jetzt nicht für die Olympischen Spiele ist, ist unpatriotisch. Es wurde dann eine ziemlich große Kampagne gefahren, und alle, die dagegen waren, waren zumindest ruhig. Dann kamen die Skandale: Es ging los mit dem Hauptstadion der Olympischen Spiele, was viel zu teuer war, nicht mehr ins Konzept passte und wo man den Architekten noch geändert hatte. Die Medien haben dann immer mehr Skandale aufgedeckt. Das Logo der Olympischen Spiele war zunächst ein dreistes Plagiat. Damit war die Stimmung schon vor zwei, drei, vier Jahren nicht mehr die beste. Und mit Corona und jetzt auch noch mit diesen Dingen ist die Stimmung endgültig gekippt. Leider hat es auch der IOC-Präsident Bach nicht vermocht, das zu ändern. Im Gegenteil, er hat es noch schlimmer gemacht.

Durch diese Negativschlagzeilen gehen immer mehr Sponsoren auf Abstand. Wie wirkt sich all das auf das internationale Ansehen Japans aus?

Tagsold: Das ist schwer zu beurteilen. Toyota wird keine Vertreter mit zur Eröffnungsveranstaltung schicken, der größte Wirtschaftsverband hat sich eine Woche vorher zurückgezogen. Das sagt schon einiges aus, wenn man befürchtet, durch Vertreter bei der Eröffnungsveranstaltung in schlechte Kreise zu geraten. Ich bin mir nicht sicher, ob das nur das Image Japans beschädigen würde. Ich glaube, dass es auch für das Internationale Olympische Komitee ein ziemlich Reinfall ist und dass sich am Ende beide die Verantwortung in den Medien teilen werden müssen. Man hört, dass die Spiele gegen den Willen der Bevölkerung Japan aufgezwungen werden, weil das IOC Reibach machen will. Das wird auch eine Rolle spielen. In der Hinsicht wird Japan vielleicht gerade so mit einem blauen Auge davonkommen, weil das IOC sowieso schon der perfekte Bösewicht ist.

Gibt es aus Ihrer Sicht irgendwelche positiven Aspekte an dieser Olympiade?

Tagsold: Wenn sich in Japan Widerstand lautstark formt, ist das doch auch irgendwie positiv. Das hat es in Japan schon immer gegeben, das ist aber in den letzten Jahrzehnten immer mal wieder zu kurz gekommen. Aber wenn sich die Bürger bewusst werden, was sie wollen und was nicht, dann finde ich das schon positiv. Es kann auch mal positiv sein, wenn etwas schiefgeht. Dann ist es halt anhand dieser Olympischen Spiele so gelaufen. Wobei man immer noch fragen muss, wie es wird, wenn es tatsächlich losgeht. Vielleicht kommt ja dann doch noch ein bisschen Stimmung auf, auch ohne Zuschauer. Ich wäre schon damit zufrieden, wenn die Stimmen jetzt nicht mehr so schnell verstummen.

Das Gespräch führte Alexandra Friedrich

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 22.07.2021 | 18:00 Uhr

Übersicht

Drucker bei der Arbeit © dpa

Journal

Was gibt es Neues auf dem Buchmarkt? Wo laufen besondere Inszenierungen und spannende Ausstellungen? Welche Kinofilme sind sehenswert? Das Journal verrät es. mehr