Bildmontage: Adventsgesteck vor Kirchenfenster © Fotolia.com Foto: corabelli, vansteenwinckel

Der Advent in Zeiten der Pandemie

Stand: 27.11.2021 04:00 Uhr

Ist der Advent nicht längst ausgehöhlt durch Ökonomisierung, Marketing und Spektakel? Nicht unbedingt, meint der Autor Gunther Hirschfelder, Kulturwissenschaftler an der Universität Regensburg, in seinem Essay.

Große rot-weisse Weihnachtskugeln auf weissem Holzuntergrund. © panthermedia Foto: Sabino Parente
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von Gunther Hirschfelder

Endlich Advent - das Warten hat sich gelohnt! Viele hoffen auf Besinnung. Doch es sind besondere Zeiten. Die vierte Welle der Corona-Pandemie soll jetzt im Advent gebrochen werden. Mit Besinnlichkeit ist es deshalb so eine Sache - oder vielleicht gerade deswegen? Der Advent 2021 ist einmalig. Und der Wunsch nach Konsum ist auch in der vierten Corona-Welle ungebrochen. Deutlich zeigt das der Blick in den Werbeprospekt und ins Fernsehen.

Die ständigen Aufforderungen zur gesunden Ernährung haben einem Versprechen Platz gemacht: Luxus für alle, Schlemmen gegen den Frust, Gänsekeule, Lebkuchen, argentinische Rotgarnelen. Wir bereiten uns eben auf das Fest der Feste vor, das ist doch normal, oder? Und endlich wieder Dekoration - nicht so grell und bunt. Irgendwie hält dieses Jahr das Alte wieder Einzug: Holz, Tannengrün, Tradition auf den Weihnachtsmärkten; obwohl die ja gerade vielerorts wieder auf der Kippe stehen. Aber wo aufgebaut wird, da ist wieder mehr Lametta, mehr Glühwein statt Karibik-Cocktail.

Wird der Advent stärker oder schwächer?

Dieser Adventstrubel - ist das nicht alles Schwindel? Advent hat doch mit Kirche zu tun, und die wird schwächer. Warum soll Advent da stärker werden? Früher, bis zum 18. Jahrhundert, gab es praktisch keine Zweifel an der Existenz Gottes, und alle gehörten einer Glaubensgemeinschaft an, waren mehrheitlich katholisch oder evangelisch und manche auch jüdisch. Die Säkularisierung der Gesellschaft setzte im 19. Jahrhundert ein. Der Glaube bröckelte mehr und mehr, und nach dem Zweiten Weltkrieg auch die Bekenntnisse zur Kirche - erst allmählich, dann rasant. Ein Erdrutsch. Heute ist nur noch die Hälfte der Deutschen in einer Kirche, Tendenz abnehmend. Und auch in einer Kirche zu sein, muss ja nichts heißen. Der Glaube ist vielen irgendwie wichtig, aber dass man den Gottesdienst besucht und dazu noch an Jesus Christus glaubt oder an die Auferstehung - das ist ja alles andere als selbstverständlich.

Advent ist natürlich nicht nur Schlemmen und Gemütlichkeit - sondern viel mehr und ziemlich alt, mit einer langen Tradition von Handeln und Glauben. Vielleicht ist der Advent deshalb heute auch so stark, weil zwar vieles vergessen, aber vieles auch gewissermaßen im Gedächtnis eingraviert ist. Und wie so einiges in der Kirche ist auch der Advent kompliziert.

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Weihnachtsbescherung durch den als Weihnachtsmann verkleideten Familienvater. Kupferstich von 1799 von J.H.Lips nach J.M.Usteri. © picture-alliance / akg-images

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Das Warten auf Weihnachten

Gehen wir der Sache auf den Grund - nicht um den modernen Advent zu legitimieren, sondern um zu zeigen, dass man den Advent kaum verstehen kann, wenn man nur auf die äußere Form schaut. Wie bei jeder Kulturanalyse ist ein Blick auf die handelnden Menschen und die Funktionen ihres Tuns viel interessanter. Auf den Grund gehen heißt auf Strukturen und Genese schauen.

Zur Struktur: Der Advent ist eine Vorbereitungszeit, und zwar auf Weihnachten. Die Weihnachtszeit beginnt ja erst mit dem Heiligen Abend und dauert bis zum Sonntag nach dem Dreikönigstag. "Advent" kommt vom lateinischen "adventus", "Ankunft". Diese Ankunft hat eine zweifache Bedeutung: Man wartet auf den Gedächtnistag, der an das erste Kommen Christi erinnert, also Weihnachten, und dann auf die zweite Ankunft Christi, den Tag des Jüngsten Gerichts.

Das frühe Christentum kannte eine solche Wartezeit noch nicht, man dachte ja, dass der gekreuzigte, auferstandene und in den Himmel aufgefahrene Jesus ganz bald wiederkommen würde. Irgendwann wurde aber klar, dass das noch dauert. Als sich die Kirche dann in der Spätantike formierte, bildete sich das Kirchenjahr heraus: Die Hochfeste Weihnachten, Ostern und Pfingsten wurden zentral. Im fünften Jahrhundert taucht dann auch der Advent auf - als Zeit des Wartens auf Weihnachten. Und wie wartete man? Mit Hausschmuck und Lebkuchen? Natürlich nicht. Die Frage, was nach dem Tod kommt, ob man weiterlebt, ob man verdammt oder erlöst wird, war für die vormodernen Menschen jeden Tag zentral, und damit natürlich auch die Erlöserfigur Jesus. Somit war die Wartezeit auf sein Geburtsfest keine Zeit zu Scherzen, sondern eine Zeit von Einkehr und Buße. Deshalb wurde dem Weihnachtsfest auch eine 40-tägige Fastenzeit vorgeschaltet, wie vor Ostern.

Der Advent: Früher eine ernste Angelegenheit

Die Reformation des 16. Jahrhunderts lehnte das Fasten strikt ab, aber Luther rief auch nicht gerade zum Prassen auf. Besinnung und Einkehr, vor allem aber Gesang als Form der Frömmigkeit wurden in den reformierten Gebieten stilbildend. Der Advent wurde mit reichem Liedgut eingeübt, nicht nur in der Kirche, sondern auch im Privaten. Damit wurde der Advent zum Stimmungsbooster - gerade in der Frühneuzeit. Der Glaube wurde zum Leitnarrativ der Epoche, und egal, ob die barocke Frömmigkeit der Katholiken oder die pietistische Kargheit der Protestanten - der Advent war eine ernste Angelegenheit.

Die Aufklärung und später die Industrialisierung ließen das alles dann altbacken erscheinen, die Fastenvorschriften wurden abgeschwächt, sie waren dann nach 1917 auch nicht mehr verbindlich. So ist das eben in der Kultur: Was man nicht braucht, wird über Bord geworfen.

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NDR Kultur | Gedanken zur Zeit | 27.11.2021 | 13:00 Uhr

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