Ein Kleinkind spielt an einem Laptop in der Küche © IMAGO / photothek

Kultureller Wandel durch die Corona-Pandemie?

Stand: 10.06.2021 12:20 Uhr

Was bedeutet eine Pandemie für Gesellschaft und Kultur? Historiker geben darauf Antworten: Denn die Seuche als Motor für den Wandel, das lässt sich auch für andere Pandemien erzählen.

Ein Kleinkind spielt an einem Laptop in der Küche © IMAGO / photothek
Beitrag anhören 3 Min

von Stefanie Wittgenstein

Alle Glocken Hamburgs läuten, die Schiffe im Hafen sind festlich beflaggt, und feuern Freudensalven ab - hurra, die Pest ist überstanden! Im März 1714 atmen die Hamburgerinnen und Hamburger auf - auch wenn die Verluste groß sind. Fast 11.000 sind dem schwarzen Tod erlegen, ungefähr jeder 7. Einwohner.

In den Wellen davor, die seit 1350 Europa immer wieder überzogen haben, waren die Zahlen sogar noch erschreckender, sagt Historiker Christoph Dartmann, Professor für Mittelalterliche Geschichte von der Universität Hamburg: "In der mittelalterlichen Pest haben wir in Städten wahrscheinlich mit etwa 40 Prozent Menschen zu rechnen, die innerhalb von wenigen Monaten gestorben sind. Das hat natürlich Folgen für die Bevölkerung, für den Arbeitsmarkt, für die Verteilung von Reichtum in der Gesellschaft, das hat auch unmittelbare Folgen für das Verhalten von Menschen."

Weitere Informationen
Pestarzt Dr. Chicogneau , 1720 /Kupferst. vor dem Nikolaifleet (Montage) © picture-alliance / akg-images Foto: akg-images, Oliver Dietrich

Enge Gassen, tote Ratten, goldene Pestmedaillen

1712 bricht in Hamburg eine furchtbare Pestepidemie aus. Die Menschen beten, dass es rasch vorbei ist. Die wahren Ursachen der Seuche kennen die Menschen damals nicht. Bildergalerie

 Technischer Fortschritt dank Pandemie?

Arbeitskräfte sind nach der Pest Mangelware und die verbliebenen Arbeiter können natürlich mehr fordern. "Das kann man direkt zeigen," erklärt Dartmann. "Es gibt Klagen von Landbesitzern, die sagen, die Bauern, die auf unseren Betrieben als Pächter sind, werden so unverschämt, und wollen auf einmal so gute Bedingungen haben - die haben sie ja früher auch nicht gehabt. Und das sind halt Folgen davon, dass sich der Arbeitsmarkt verändert hat."

Auch der technische Fortschritt wird begünstigt: zum Beispiel der Buchdruck. Ganz einfach weil Menschen fehlen, um Bücher per Hand abzuschreiben. "Und der Buchdruck produziert dann einfach wesentlich mehr beschriftetes Papier oder Pergament in wesentlich kürzerer Zeit," beschreibt Dartmann. Und das habe langfristige Auswirkungen gehabt, sagt auch der Berliner Historiker Robert Kluth: "Der Buchdruck ist ja dann die Voraussetzung für die Reformation, also dafür, dass man Informationen schnell an den Mann oder an die Frau kriegt. Und das ist ja wiederum 100 Jahre später. Das ist dann der Grund, warum, wenn man das heute so will, warum das Mittelalter endet, so sagen das die Historiker, weil der Buchdruck die Reformation ermöglicht."

Weitere Informationen
Stephan Füssel: "Die Gutenberg-Bibel" (Cover) © Taschen Verlag

Großartiger Buchdruck: "Die Gutenberg-Bibel"

Ein Prachtstück des Buchdrucks zeigt die zweibändige Gutenberg-Bibel von 1454. Das Begleitheft liefert Hintergrundinformationen zu Geschichte, Herstellung und Text-Eigenheiten. mehr

Keine Prognosen für die Zukunft

Eine technische Neuerung also, die sich durch eine Pandemie schneller durchgesetzt hat, sorgt langfristig für Wandel. An was müssen wir da sofort denken? Klar, an unsere ganze Videokonferenzen heute. Möglich wären sie schon seit Jahren gewesen. "Aber das hat ja kaum einer gemacht," sagt Kluth. "Warum sollte man das auch tun? Und jetzt plötzlich sitzen alle Menschen vor den Computern und benutzen das. Vielleicht kann man da einen Vergleich anstellen, wenn man möchte. Da setzt sich was durch, was schon da ist - und die Seuche ist wie so ein Motor."

Seuche als Motor, das lässt sich auch für andere Pandemien erzählen: Die Cholera hat Ende des 19. Jahrhunderts für mehr Hygiene und sauberes Wasser in Hamburg gesorgt. Was Corona anschieben wird und wie Historiker in Zukunft über unsere heutige Zeit urteilen werden, dass möchte Christoph Dartmann von der Uni Hamburg nicht vorhersagen: "Wie Historiker in 50 Jahren auf diese Zeit zurückschauen, das hängt davon ab, in welcher Welt sie in 50 Jahren leben, und das wissen wir nicht."

Weitere Informationen
Blick in das Kehrwiederviertel mit Brooksbrücke vor dem Bau der Speicherstadt um 1883 © Archiv Speicherstadtmuseum

Hamburger Geschichte - eine Chronologie

Die Entwicklung des Hafens, der Bau der ersten U-Bahn, der Feuersturm oder die Sturmflut: Ausschnitte aus Hamburgs bewegter Geschichte bis zurück zu ihren Anfängen. mehr

Nachcolorierter Kupferstich nach Lodovico Ottavio Burnacini von 1679 des Pest-Lazaretts in der Wiener Währinger Straße © picture alliance / akg-images Foto: akg-images

Pest, Cholera, Corona: Quarantäne im Wandel der Zeit

Seit Jahrhunderten ist Isolation das Mittel der Wahl, um grassierende Krankheiten und Seuchen einzudämmen. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Matinee | 09.06.2021 | 10:20 Uhr