Leere Sitze in einem Theater © picture alliance / Geisler-Fotopress

Corona-Lockdown: "Theater sind sichere Orte"

Stand: 28.10.2020 19:08 Uhr

Corona-bedingt schließen ab 2. November erneut Konzerthäuser, Kinos, Theater und Opernhäuser. Was bedeutet das für die Akteure? Ein Gespräch mit Theaterintendantin Amelie Deuflhard.

"Lockdown light", so hieß es im Vorfeld - das klingt fast ein bisschen verklärend. Wie "light" sind die neuen Beschränkungen für Sie, Frau Deuflhard?

Amelie Deuflhard: Für uns sind die Beschränkungen natürlich nicht "light", weil sie uns im Kern unseres Geschäftes betreffen. Die Theater werden ja alle geschlossen. "Light" ist der Lockdown insofern, als jetzt nicht das gesamte öffentliche Leben lahmgelegt wird. Man hat eher das Gefühl, das kommerzielle Leben, der Handel läuft weiter, während das kulturelle Leben und auch die Freizeitaktivitäten für die nächsten vier Wochen abgeschafft werden. Und da stellen sich mir ein paar Fragezeichen.

Zum Beispiel?

Amelie Deuflhard, Intendantin der Kulturfabrik Kampnagel, aufgenommen am Rande einer Pressekonferenz © Picture Alliance/dpa Foto: Daniel Reinhardt
Amelie Deuflhard ist künstlerische Leiterin von Kampnagel in Hamburg.

Deuflhard: Eigentlich haben wir in den Theatern und Opernhäusern in den letzten Monaten nachgewiesen, dass wir sicher und ohne jegliche Corona-Vorfälle oder Corona-Hotspots spielen können, mit großen Abständen und ausgiebigen Hygienekonzepten. Es gab nirgendwo in Deutschland Corona-Fälle an Theatern, während auf vielen privaten Feiern und in dichtgedrängten Einkaufszentren die meisten Corona-Verbreitungen entstehen. Es ist für uns sehr schade, dass wir schon wieder massenhaft Absagen verschicken müssen, obwohl wir nachgewiesen haben, dass es mit großen Abständen zwischen den Zuschauerinnen und Zuschauern geht. Wir haben das Glück gesehen von Künstlerinnen und Künstlern, die endlich wieder auftreten durften. Beim Zuschauer hatten wir wieder das Vertrauen erweckt, dass er zu uns kommen kann, und jetzt wird die Sicherheit der Theater wieder in Frage gestellt. Ich persönlich glaube, dass man in Zeiten der Krise diese sozialen Orte braucht. Und wenn sie jetzt alle weggeschnitten werden, dann hoffe ich, dass die Menschen ihre soziale Aktivitäten nicht ungeschützt zu Hause veranstalten werden, sonst wird sich die Katastrophe eher noch vergrößern.

In der Sendung Kontrovers sagte Kulturstaatsministerin Monika Grütters, es gäbe "bisher keinen Beleg, dass es in einem dieser Häuser Ansteckungen gegeben hätte". Das Veranstaltungsverbot kommt dennoch. Das sieht ein bisschen nach Symbolpolitik aus, oder?

Deuflhard: Das sehe ich leider genauso. Natürlich würde es mehr Sinn machen, volle Einkaufszentren zu schließen oder die ganze Stadt für zwei oder drei Wochen herunterzufahren. Ich habe zwei Theorien: Die eine ist, es ist Symbolpolitik - das wäre sehr schade. Ich glaube, dass sich gerade in Hamburg unser Kultursenator und möglicherweise auch unser Bürgermeister sehr stark dafür eingesetzt haben, die Theater und die Veranstaltungsorte offen zu halten. Die zweite Theorie ist, dass man das gesamte Nachtleben abschneiden möchte und damit hofft, dass ab 20 Uhr die Menschen allein zu Haus sitzen. Das wäre auch schade, weil auch viele Restaurants sich extrem erfolgreich um Sicherheitskonzepte bemüht haben. Für uns ist es hart, aber man kann nur an die Menschen appellieren, dass sie sich nicht anderswo treffen, weil wir diese Krise wegbekommen müssen - je schneller, desto besser.

Wie existenziell sind die Maßnahmen aus Ihrer Sicht, gerade für den Kulturbetrieb?

Deuflhard: Wir haben - und das hat es noch nie vorher gegeben - eine sehr große Unterstützung, sowohl vonseiten des Bundes als auch vonseiten des Landes Hamburg. Aber das gilt nicht für alle Bundesländer. In anderen Bundesländern gibt es bereits jetzt große Kürzungen für die Kultur. Das ist in Hamburg nicht der Fall, und es gibt Zusicherungen, dass die öffentliche Hand weiterhin unterstützen wird - sowohl die Kleinen, die freischaffenden Künstlerinnen und Künstler, die kleinen Orte, als auch die Staatstheater, die Elbphilharmonie, Kampnagel und so weiter. Ich hoffe, dass es keine existenziellen Gefährdungen gibt.

Aber es gibt noch ein anderes Problem: Wenn wir immer wieder unser Publikum einladen und dann wieder ausladen müssen, dann kann man nur hoffen, dass die auch weiterhin bei der Stange bleiben. Und ich hoffe, dass die Politik auch weiter dabei bleiben wird. Dieses Zumachen produziert das Gefühl, dass Theater doch gefährlich sind, und wir müssen aufpassen, dass wir unser Publikum nicht mittelfristig vertreiben. Wir hatten dieses Paradox vorher auch schon: Angela Merkel hat gesagt: "Bleibt zuhause" - wir Theaterschaffenden haben gesagt: "Kommt zu uns, wir haben eine tolle Vorstellung." Jetzt sagen wir, dass wir sicher sind und werden trotzdem zugemacht, und man denkt, dass Theater unsicher sind. Ich hoffe, dass wir trotzdem unserem Publikum dann wieder vermitteln können, dass wir sichere Orte sind. Viel geschützter als mit den Hygienekonzepten, die von öffentlichen Veranstaltungsorten im Moment verlangt werden, kann man keine Veranstaltung machen.

Das Interview führte Andrea Schwyzer.

Leere Sitze in einem Theater © picture alliance / Geisler-Fotopress

AUDIO: Corona-Lockdown: "Theater sind sichere Orte" (7 Min)

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 28.10.2020 | 18:00 Uhr