Ein Afrikaner blickt am Tag nach den ausländerfeindlichen Übergriffen in Hoyerswerda (Sachsen) im September 1991 verängstigt durch die eingeworfene Scheibe eines Wohnheims. © picture alliance / dpa Foto: Rainer Weisflog

30 Jahre nach den rassistischen Übergriffen in Hoyerswerda

Stand: 16.09.2021 14:47 Uhr

Vor 30 Jahren fanden mehrere rassistisch motivierte Übergriffe in Hoyerswerda statt. Die Regisseurin und Autorin Grit Lemke hat das Buch "Kinder von Hoy" darüber geschrieben.

Ein Afrikaner blickt am Tag nach den ausländerfeindlichen Übergriffen in Hoyerswerda (Sachsen) im September 1991 verängstigt durch die eingeworfene Scheibe eines Wohnheims. © picture alliance / dpa Foto: Rainer Weisflog
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Am 17. September 1991 griff in Hoyerswerda eine Gruppe Rechtsradikaler zunächst ein Wohnheim für Vertragsarbeiter aus Mosambik und Vietnam an, später eine Flüchtlingsunterkunft. Tagelang belagerten sie die Häuser, die Bewohner verschanzten sich. Hass, Wut und Gewalt eskalierten. Anwohner klatschten Beifall. Polizei und Politik waren hilflos und überfordert. Hoyerswerda war nach dem Mauerfall der Anfang einer Serie fremdenfeindlicher Ausschreitungen: 1992 Rostock-Lichtenhagen, Mordanschläge in Mölln und Solingen.

Frau Lemke, Sie sind in Hoyerswerda aufgewachsen, waren 1991 Mitte 20. Wie sah die Stadt damals aus? Wie lebte es sich in Hoyerswerda?

Grit Lemke: Tatsächlich lebte es sich in Hoyerswerda, zumindest bis 1989, ziemlich gut. Es gab eine kleine Altstadt, und die Neustadt ist ab 1955 als Wohnstadt für die Arbeiterschaft des Gaskombinats Schwarze Pumpe gebaut worden. Ab Mitte der 50er-Jahre, und dann verstärkt in den 60ern, bis in die 70er sind Arbeitskräfte, junge Leute aus dem ganzen Land gekommen, die meisten nur auf der Suche nach Wohnraum. Sie haben sich dort niedergelassen und aus dem Nichts eine Stadt gestampft. Das war eine ganz besondere Atmosphäre, wenn man da groß wurde, weil das eine Stadt voll junger Leute war. Unsere Eltern sind alle ungefähr im gleichen Alter dorthin gekommen, und binnen kürzester Zeit war Hoyerswerda die kinderreichste Stadt der DDR. Man ist in so einem großen Kollektiv groß geworden, und die Stadt lebte komplett im Rhythmus des Werks. Da fuhren die Schichtbusse, es gab die erste, die zweite und die dritte Welle, und das war der Herzschlag. Und der hatte 1991 eigentlich schon ausgesetzt, weil schon diverse Betriebsteile geschlossen hatten und viele Leute entlassen waren. Man wusste, dass es hier keine Zukunft gibt - das war zu dem Zeitpunkt schon klar.

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Sie haben sich mit den Ausschreitungen intensiv beschäftigt. Wie würden Sie die Vorfälle einordnen? Wie konnte das passieren? Warum waren zum Beispiel die Einsatzkräfte und die Polizei so hilflos?

Lemke: Das sind Dinge, die erst jetzt so richtig aufgearbeitet wurden. Die waren komplett allein gelassen, die Polizeistrukturen waren gerade im Aufbau. Es gab ein paar völlig überforderte Polizisten in Hoyerswerda, bei denen sich niemand hat blicken lassen von einer übergeordneten Stelle. Dann hat man irgendwann Polizisten aus Leipzig geschickt. Das Problem war aber, dass die Einsatzleitung und die Leute in Hoyerswerda auf verschiedenen Frequenzen gefunkt haben, weil die einen noch alte Ost-Geräte hatten und die anderen schon West-Technik. Es gab nicht einmal so eine Art von Abstimmung, sondern die waren komplett alleingelassen. Das Erstaunliche war aber, als es eine Woche später eine große linke Gegendemo gab, dass auf einmal Wasserwerfer da waren. Die Wasserwerfer sind erst gekommen, als alle Ausländer weg waren. Man hatte die aus der Stadt gebracht. Das war eine verhängnisvolle Entscheidung.

Man hat sie zu Flughäfen transportiert, um sie dann in die Herkunftsländer zurückzufliegen, richtig?

Lemke: Zumindest die Vertragsarbeiter. Es begann ja beim Vertragsarbeiterwohnheim. Die hat man praktisch über Nacht in einen Bus gesetzt, nach Frankfurt gefahren, ins Flugzeug gesetzt und in Maputo, mitten im Bürgerkrieg, wieder rausgesetzt, wo viele gleich gestorben sind. Die anderen fristen bis heute ein Leben in absolut prekären Verhältnissen und haben bis heute keine Entschädigung, kein Arbeitslosengeld, keine Rente erhalten - was ihnen eigentlich zugestanden hätte. Für die interessiert sich 30 Jahre später niemand mehr. Die Asylbewerber sind auf andere Standorte verteilt worden, und was aus denen geworden ist, das ist auch schwer nachzuvollziehen.

Buch-Info

"Kinder von Hoy. Freiheit, Glück und Terror"
von Grit Lemke
Suhrkamp Verlag
978-3-518-47172-2
255 Seiten
16,00 Euro

Sie gehen in Ihrem Buch in die Analyse und schreiben in der Wir-Form. Viele Interviews haben Sie mit Freunden geführt. Warum sind Ihnen die vielen Stimmen so wichtig?

Lemke: Ich glaube, das hat damit zu tun, dass das mit dem Aufwachsen in diesem großen Kollektiv zusammenhängt, dass das eine kollektive Geschichte ist und ein kollektives Gedächtnis, aus dem allerdings einzelne Figuren hervortreten. Ich habe irgendwann angefangen, die Interviews zu machen, aus dem Impuls heraus, weil ich noch mehr Erinnerungen brauchte und weil ich auch meine eigene Erinnerung überprüfen wollte. Es sind natürlich auch traumatische Sachen hochgekommen, weil nach den Übergriffen auf die Ausländer die gesamte Kulturszene in Hoyerswerda, die ganz außergewöhnlich war, brutal zerschlagen wurde. Im Freundeskreis ist nie darüber gesprochen worden, das kam alles erst jetzt zur Sprache. Das war ein interessanter Prozess.

Sie leben heute in Hoyerswerda. Wie geht es der Stadt? Wie geht sie in die Zukunft?

Lemke: Die Stadt befand sich über fast drei Jahrzehnte in einer ziemlich schlimmen Lethargie. Es ist mehr als die Hälfte der Bevölkerung weggegangen. Wir waren zur Wende 70.000 Einwohner - jetzt sind es noch etwa 32.000. Das war ein Exodus, es fehlt mindestens eine ganze Generation. Aber in den letzten Jahren ist hier so etwas wie Aufschwung spürbar - zumindest ich empfinde das ganz deutlich so. Es gibt einen Strukturwandel, zumindest Bemühungen, es gibt ganz viel Bewegung in der Stadt. Es gibt - das hat man jetzt gemerkt, als wir diese Gedenkwoche vorbereitet haben - ein breites Bündnis von unterschiedlichen Leuten, die bereit sind, sich dem zu stellen und sich damit auseinanderzusetzen. Und es gibt auch wieder eine lebendige Kultur. Wir haben hier eine Kulturfabrik, wo man abends hingehen kann. Da sind wieder Leute auf der Straße, da herrscht Leben. Es gibt auch wieder so ein zartes Gefühl von Urbanität. Das sind Dinge, die hat es 30 Jahre fast nicht gegeben, und die kommen jetzt wieder.

Das Gespräch führte Claudia Christophersen.

 

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NDR Kultur | Journal | 16.09.2021 | 18:00 Uhr