Günter Guillaume mit seinem etwa drei Jahre alten Sohn Pierre auf dem Arm vor einem Weihnachtsbaum. © Pierre Boom, private Aufnahme

Kindheit mit den DDR-Spionen: "War alles Lüge und Verrat?"

Stand: 10.08.2021 05:00 Uhr

Pierre ist 17, als seine Eltern Günter und Christel Guillaume als DDR-Spione verhaftet werden. Er geht in die DDR, um sie bald wiederzusehen - und um Antworten zu bekommen. Als es 1981 soweit ist, ist die Familie zerbrochen.

von Kristin Siebert, Christian von Brockhausen und Irene Altenmüller

Am frühen Morgen des 24. April 1974 wacht Pierre Guillaume, der seinen Namen Jahre später in Pierre Boom ändern lassen wird, durch fremde Stimmen im Flur auf. Der Schein eines Blaulichts reflektiert an den Zimmerwänden, vor dem Haus stehen Polizeibeamte mit Maschinenpistolen. Dann öffnet sich die Tür zum Zimmer des 17-Jährigen: "Sie dürfen sich jetzt von ihren Eltern verabschieden."

Günter Guillaume nickt seinem Sohn Pierre zu und nimmt ihn in den Arm, die Mutter redet noch davon, dass ein Irrtum vorliege. "Mach dir keine Sorgen, es wird alles gut", sagt sie. So beschreibt Boom den Morgen, als seine Eltern, das Ehepaar Günter und Christel Guillaume, wegen Spionage verhaftet werden, in seinen Erinnerungen "Der fremde Vater".

Eltern Guillaume werden als DDR-Spione verhaftet

Porträt-Aufnahme von Pierre Boom im Alter von 17 Jahren. © Pierre Boom, private Aufnahme
Pierre Bohm kurz vor der Verhaftung seiner Eltern. Nie hätte er geahnt, dass seine Eltern DDR-Spione sind.

Auch die Oma Erna Boom, die ebenfalls in der Wohnung in Bonn-Bad Godesberg lebt und für Pierre wegen der berufstätigen Eltern die Rolle der Ersatzmutter eingenommen hat, wird abgeführt. Dann beginnt die Hausdurchsuchung. Die Beamten durchwühlen die Wäsche, montieren Schränke ab, drücken sogar die Zahnpasta aus der Tube und zerteilen die Seife mit einem Messer. Ein Beamter fordert Pierre auf, für seine Eltern "das Nötigste" einzupacken, da sie in Haft bleiben müssten.

Erst auf der Autofahrt zu der BKA-Außenstelle, in der Günter und Christel Guillaume verhört werden, erfährt Pierre, was den Eltern vorgeworfen wird. Sein Vater habe sich bereits selbst belastet und noch in der heimischen Küche als "Offizier der DDR" bezeichnet.

"Für mich waren die Vorwürfe total unglaubhaft"

Christel und Günter Guillaume 1956 als verdeckte Spione in der Bundesrepublik. © Pierre Boom, private Aufnahme
Offiziell aus der DDR geflüchtet, kamen Christel und Günter Guillaume 1956 als verdeckte Spione in den Westen.

"Die Vorwürfe gegen meine Eltern konnte ich in der Anfangszeit einfach nicht glauben", erinnert sich Boom in der ARD-Dokumentation "Wir Kinder der Mauer". "Dass ausgerechnet mein Vater, der sich als rechter Sozialdemokrat und 'Kommunistenfresser' gegeben hat, DDR-Agent gewesen sein sollte, war für mich total unglaubhaft." Er selbst war in dem Glauben aufgewachsen, seine Eltern seien Mitte der 50er-Jahre aus der DDR geflohen.

Vorwürfe scheinen mit Brandt-Rücktritt berechtigt

Günter Guillaume ist für die Stasi über Jahre einer der wichtigsten Männer in der Bundesrepublik. Und auch Christel Guillaume spioniert - gar erfolgreicher als Günter, wie viele sagen. Als ihr Mann als persönlicher Referent des Bundeskanzlers Willy Brandts ins Zentrum der politischen Macht vordringt, hat sie als Sekretärin und Büroleiterin des hessischen Staatssekretärs längst Einblick in geheime NATO-Unterlagen und vertrauliche Strategiepapiere der SPD.

Weitere Informationen
Günter Guillaume sitzt hinter Willy Brandt im Jahr 1974 © Imago Foto: Rust

DDR-Spion Günter Guillaume bringt Willy Brandt zu Fall

Im April 1974 wird Günter Guillaume als DDR-Spion verhaftet. Der folgenden Medienkampagne ist der Kanzler nicht gewachsen und tritt zurück. mehr

Die Enttarnung des "Spions im Kanzleramt" und seiner Co-Spionin sind in der Konsequenz schließlich auch für Brandt dramatisch: Am 6. Mai 1974 tritt er wegen der Guillaume-Affäre als Regierungschef zurück.

Mit dem Rücktritt wird Pierre klar, dass die Vorwürfe gegen seine Eltern berechtigt sein könnten. Er leidet darunter, nicht persönlich mit ihnen darüber reden zu dürfen. "Ich konnte sie nicht direkt fragen: Stimmt es, was man euch vorwirft? Habt ihr das wirklich gemacht?" Zugleich macht ihm zu schaffen, dass seine Mutter und sein Vater ihm womöglich sein ganzes Leben lang etwas vorgespielt haben: "War das alles Trug und Schein? Alles Lüge und Verrat?"

Agententreffs als Familienausflüge getarnt

Günter und Christel Guillaume mit ihrem etwa 4-jährigen Sohn Sohn Pierre. © Pierre Boom, private Aufnahme
Familie Guillaume Anfang der 60er.

Ein emotionaler Abgrund tut sich vor dem 17-Jährigen auf. Die sonntäglichen Abstecher zum Brötchen holen am Flughafen Köln/Bonn, die Wochenendausflüge nach Maastricht: Ausgerechnet diese Momente, an denen sich der Sohn seinem Vater nahe fühlte, waren in Wirklichkeit Agententreffs. Der Vater nutzte sie, um brisante Informationen weiterzugeben. Und auch die Schimpftiraden des Vaters auf die DDR beim Packen der alljährlichen Weihnachtspakete für die Ost-Verwandtschaft - alles nur vorgespielt?

Das bisherige Leben endet schlagartig

Doch nicht nur, was die bisherige Beziehung zu seine Eltern betrifft, lösen sich für Pierre alle Gewissheiten von heute auf morgen auf. Sein behütetes Bonner Leben hat schlagartig ein Ende gefunden. Die Konten der Eltern sind eingefroren, die Autos beschlagnahmt. Die Miete verdoppelt sich, da die Wohnung nur für Bundesbedienstete gedacht ist - und Pierre hat als Schüler kein eigenes Einkommen. Mit seiner schnell wieder freigelassenen Großmutter lebt er zunächst weiter in Bad Godesberg.

"Betreuer" von der Stasi kümmern sich um Pierre

Günter Guillaumes Sohn Pierre im Jahr 1976. © Pierre Boom, private Aufnahme
Vor und nach seiner Übersiedlung kümmern sich sogenannte Betreuer intensiv um Pierre.

In dieser Situation treten die sogenannten Betreuer in sein Leben. Sie werden von der erst kurz zuvor eröffneten Ständigen Vertretung der DDR geschickt und kümmern sich sowohl um die inhaftierten Eltern, die ja Staatsbürger der DDR sind, als auch um deren Angehörige. "Das waren alles Stasi-Mitarbeiter", weiß Boom heute. Sie laden den Jugendlichen damals ein, "das Land seiner Eltern kennenzulernen." Und Pierre ist neugierig auf das Land, für das eine Eltern spioniert haben, möchte ihre Beweggründe besser verstehen.

Zugleich bauen die "Betreuer" subtil Druck auf den Jugendlichen auf. Wenn er in die DDR gehe, könne der Staat für ihn sorgen. Wenn er aber in der Bundesrepublik bleibe, müsse er wohl das Gymnasium verlassen, weil er sich die Schule nicht leisten könne. Und im sozialistischen Deutschland könne er schon bald seine Eltern wiedersehen, diese würden vermutlich schon bald in die DDR ausgetauscht werden.

Übersiedlung in die DDR 1975

Erna Boom in Ostberlin. © Pierre Boom, private Aufnahme
Pierres Großmutter Erna Boom geht ebenfalls in die DDR, nachdem ihre Tochter Christel und Günter Guillaume in der Bundesrepublik aufgeflogen sind.

Wäre er in Westdeutschland geblieben, hätte es in der damaligen politischen Situation keinen Kontakt zwischen den Eltern in der DDR und dem Sohn geben können. Doch der Jugendliche ist noch nicht bereit, sich vollständig von seinen Eltern zu lösen, hofft zudem, von ihnen Antworten auf seine Fragen zu bekommen. Pierre entscheidet sich im Sommer 1975 dafür, in die DDR überzusiedeln - großzügig unterstützt vom Regime. Seine Großmutter begleitet ihn. Doch der Alltag in der DDR ist desillusionierend. In der Schule offen seine Meinung zu äußern und zu diskutieren, so wie Pierre es aus seinem Gymnasium in Bonn kennt, ist unerwünscht. Auch sonst verspürt er die Verlogenheit und die Enge des DDR-Systems.

Pendler zwischen zwei Welten

Pierre Guillaume, heute Boom, als Fotoreporter mit Kamera Anfang der 1980er-Jahre. © Pierre Boom, private Aufnahme
In Ost-Berlin arbeitet Pierre bei der Wochenzeitung "Neue Berliner Illustrierte".

Regelmäßig darf er in den Westen fahren, um seine Eltern im Gefängnis zu besuchen. Seinen Pass muss er bei der Rückkehr immer wieder abgeben. Die Fahrten sind ein Spagat zwischen zwei Welten. Er trifft sich mit seinen alten Freunden, empfindet Bonn immer noch als sein Zuhause. Zurück in der DDR fühlt er sich orientierungslos. Er beginnt, die Schule zu schwänzen, bricht sie schließlich ab und jobbt zunächst als Hilfsarbeiter. Später kann er sich fangen, beginnt eine Ausbildung zum Fotolaboranten und arbeitet sich zum Fotoreporter bei der "Neuen Berliner Illustrierten" hoch.


Christel und Günter Guillaume kommen erst 1981 frei

Markus Wolf, Christel Guillaume und Pierre Guillaume mit Großmutter Erna Boom 1981 nach der Überstellung der Eltern Guillaume in die DDR (v. l. n. r.). © Pierre Boom, private Aufnahme
Zurück in der DDR: Christel Guillaume (2. v. l.) 1981 neben Pierre und Oma Erna. Mit am Tisch: die Stasi, hier in persona des HVA-Chefs Markus Wolf.

Erst 1981, viel später als erhofft, kehren die Eltern im Rahmen eines Agentenaustauschs in die DDR zurück. Da ist Pierre bereits Mitte 20. Die Ehe seiner Eltern ist zerrüttet, die Mutter reicht kurz nach der Rückkehr die Scheidung ein. Pierres Verhältnis zur Mutter war wegen ihrer häufigen Abwesenheit nie besonders innig, als Mensch bleibt sie ihm ein Rätsel. Auch die Beziehung zum Vater bleibt distanziert: Die erhofften Antworten kann und will er seinem Sohn Pierre nicht geben. Er bleibt der "fremde Vater."

Pierre stellt Ausreiseantrag

Und auch die DDR wird Pierre wieder fremd. 1987 stellt er einen Ausreiseantrag für sich, seine Frau und die beiden Kinder. Die Gründe, der DDR wieder den Rücken zu kehren, sind vielfach. "Es war das System der Staatssicherheit, dem man nicht entkommen konnte, es war die Enttäuschung über das politische System, es war mein älterer Sohn. Nach meiner eigenen Erfahrung mit der DDR-Schule wollte ich ihm das ersparen."

Den Enkel dem Stasi-Einfluss entziehen

Pierre Boom mit seiner Familie im Jahr 1988 in Bonn. © Pierre Boom, private Aufnahme
1988 darf Pierre mit seiner Frau und den beiden Söhnen ausreisen. Die Familie lässt sich in Bonn nieder.

Zudem will er das Kind dem Einfluss des Großvaters entziehen, der seine Wünsche und Erwartungen auf das Kind projiziert: "Das ging so weit, dass er sich nichts sehnlicher gewünscht hätte, als dass sein Enkel mal Offizier der Staatssicherheit wird. Das konnte und wollte ich nicht zulassen", sagt Boom rückblickend.

1988 darf die Familie in die Bundesrepublik ausreisen. Pierre nimmt den Mädchennamen seiner Mutter an, die nach ihrer Scheidung von Günter Guillaume Anfang der 80er-Jahre ebenfalls wieder ihren früheren Namen Boom trägt.

Vater Guillaume nimmt die Antworten mit ins Grab

Pierre Boom © ECO Media TV
Nach dem Mauerfall zieht Pierre Boom von Bonn zurück nach Berlin. Heute lebt er auf Sylt.

Das Verhältnis zum Vater bleibt auch nach dem Mauerfall und bis zu dessen Tod angespannt. Dass Günter Guillaume nach der Wende herausfindet, dass auch er selbst von der Stasi bespitzelt worden war und daher tief enttäuscht ist von den früheren Kollegen, erfährt Boom nicht vom Vater persönlich, sondern von einem befreundeten Journalisten. Zur Beerdigung Guillaumes im April 1995 sind weder Pierre noch seine Mutter eingeladen. Sie stirbt neun Jahre später in Berlin.

Heute lebt Pierre Boom als Autor und Journalist auf Sylt. Die Wunden durch den Verrat seiner Eltern sind verheilt - aber eine Narbe ist geblieben, die ihn immer wieder dazu treibt, sich mit dem Vergangenen auseinanderzusetzen.

Weitere Informationen
Westberliner stehen auf Leitern und Stühlen und versuchen, über die die Sperrmauer an der Bernauerstraße hinweg Kontakt zu Verwandten und Freunden auf der Ostberliner Seite aufzunehmen, aufgenommen am 30. Okotber 1961. © picture-alliance/ dpa | dpa

60 Jahre Mauerbau: Packende Historie in der ARD-Mediathek

Mit dem Mauerbau besiegelte die DDR die deutsche Teilung. Das Erste widmet dem Ereignis einen Themenabend - zu sehen schon jetzt in der ARD-Mediathek. mehr

Peter Drauschke als Jugendlicher vor der Kulisse des Hamburfger Hafens. © Peter Drauschke, privat

Freiwillig in die DDR: "Wir sind einer Lüge aufgesessen"

Aus Überzeugung geht Peter Drauschke 1963 von Hamburg in die DDR. Vom Regime enttäuscht, versucht er zu fliehen. Und scheitert. mehr

Am Berliner Wedding in der Bernauer Strasse stehen Volkspolizisten am 13. August 1961 mit Gewehren im Anschlag hinter einer Strassensperre aus Stacheldraht. © picture alliance / Konrad Giehr Foto: Konrad Giehr

Erst Stacheldraht, dann Beton: Der Bau der Mauer

Die DDR beginnt am 13. August 1961 mit der Abriegelung der Grenzen innerhalb Berlins. Die Mauer besiegelt die Teilung. mehr

Von bewaffneten Volkspolizisten bewachte Bauarbeiter errichten die Mauer zwischen Potsdamer Platz und Lindenstraße. © picture-alliance / AKG Foto: AKG Berlin

Dossier: Ein Volk wird eingesperrt

13. August 1961: Das DDR-Regime beginnt mit dem Bau der Berliner Mauer. 28 Jahre teilt sie die Stadt in zwei Teile. Ein Dossier. mehr

Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Reportage & Dokumentation | 07.08.2021 | 21:50 Uhr

Mehr Geschichte

Ein Luftbild des verunglückten Transrapids im Emsland im September 2006. © picture-alliance/ dpa | Polizei-Handout Foto: Polizei-Handout

Transrapid-Unglück: Bei Testfahrt sterben 23 Menschen

Am 22. September 2006 prallt der Zug auf der Versuchsstrecke im Emsland mit Tempo 170 auf einen Wartungswagen. mehr

Norddeutsche Geschichte