Peter Drauschke als junger FDJ-Funktionär im Gespräch. © Peter Drauschke, privat

Freiwillig in die DDR: "Wir sind einer Lüge aufgesessen"

Stand: 09.08.2021 05:00 Uhr

1963 siedelt der Hamburger Peter Drauschke in die DDR über - aus Überzeugung. Nach einigen Jahren ist er vom real existierenden Sozialismus schwer enttäuscht. Ein Fluchtversuch scheitert, er kommt ins Gefängnis.

von Kristin Siebert, Christian von Brockhausen und Irene Altenmüller

An dem Tag, an dem Peter Drauschke Hamburg verlässt, um in der DDR ein neues Leben zu beginnen, versucht sein Vater, ihn ein letztes Mal zum Umkehren zu bewegen. "Er hat mir über den Kopf gestreichelt und gesagt: 'Peter, bleib doch hier'". Drauschke geht - voller Idealismus, ein besseres und gerechteres Deutschland mit aufzubauen.

Wenn Drauschke heute, mehr als ein halbes Jahrhundert später, an diesen Moment zurückdenkt, holen ihn seine Gefühle ein. In dem 18-Jährigen aus dem Jahr 1963 erkennt er sich kaum wieder. "Was ich für ein harter Hund gewesen sein muss. Meine beiden Schwestern standen neben mir, meine Mutter. Und wir haben unseren Zampel genommen und sind abgehauen", erinnert er sich in der ARD-Dokumentation "Wir Kinder der Mauer".

"Ich war ein fanatischer Kommunist"

Kinder in einem DDR-Zeltlager an der Ostsee Ende der 1950er oder Anfang der 1960er-Jahre © Peter Drauschke, privat
In den DDR-Ferienlagern präsentierte man den West-Jugendlichen den Sozialismus von seiner schönsten Seite.

Gemeinsam mit Erwin, seinem besten Freund seit frühen Kindertagen, setzt er sich in einen Zug in Richtung DDR. Die beiden jungen Männer gehen aus politischer Überzeugung, selbst der Mauerbau zwei Jahre zuvor hat sie nicht zum Umdenken gebracht. "Ich war ein fanatischer Kommunist", so beschreibt Drauschke den Jugendlichen von damals. Der Alltag in Westdeutschland, die wachsende Ungleichheit der Lebensverhältnisse hätten ihn abgestoßen: "Auf einen kurzen Nenner gebracht kotzte mich der Kapitalismus an". Seine Hoffnung liegt im Sozialismus. In Hamburg hatte er ehrenamtlich bei der Deutschen Friedens-Union (DFU) gearbeitet, einer linken Kleinpartei. Schon vor seiner Übersiedlung war er regelmäßig in Ostdeutschland, verbrachte die Sommer in DDR-Ferienlagern.

Erster Einreise-Versuch endet in Büchen

Peter Drauschke als Jugendlicher vor der Kulisse des Hamburfger Hafens. © Peter Drauschke, privat
Noch in Hamburg: Erst beim zweiten Versuch gelingt Peter Drauschke die Einreise in die DDR.

Der erste Versuch, in die DDR zu gehen, endet in Büchen, damals die letzte Station vor der innerdeutschen Grenze. Westdeutsche Beamte holen Peter und Erwin aus dem Zug. Darunter ein Verfassungsschutzbeamter aus Kiel. Bei einem Fluchtversuch aus der DDR hatte er einen Arm verloren und will die beiden nun warnen und vor einem großen Fehler bewahren. Der Beamte lässt die beiden von den Eltern abholen. 14 Tage später, beim zweiten Versuch, gelingt Peter und Erwin die Einreise. Diesmal haben die beiden ein Flugzeug nach Berlin genommen.

DDR-Behörden sind Übersiedlern gegenüber misstrauisch

Doch die DDR-Behörden misstrauen den beiden jungen Männern, die am Grenzübergang Berlin-Friedrichsstraße darum bitten, Bürger der DDR zu werden. Die Furcht vor Spionage ist groß - und Übersiedlungen von West- nach Ostdeutschland sind nach dem Mauerbau selten geworden. Doch Peter und Erwin gehören zu den immerhin rund 500.000 Übersiedlern, die zwischen 1949 und 1989 aus der Bundesrepublik in die DDR gehen. Sie kommen in das zentrale Aufnahmeheim in Berlin-Blankenfelde. "Dort hat uns die Stasi eine Woche lang durch den Wolf gedreht", so Drauschke. Mehrere Wochen verbringen sie in verschiedenen Lagern, bis sie sich in Rostock niederlassen dürfen.

Drauschke macht Karriere bei der FDJ

Peter Drauschke als Jugendlicher vor der Kulisse des Hamburfger Hafens. © Peter Drauschke, privat
Schnell arbeitet sich Drauschke nach der Übersiedlung bei der FDJ nach oben.

Dort macht Drauschke zunächst eine Ausbildung zum Textilfachverkäufer, doch die DDR-Funktionäre entdecken schon bald sein Redetalent. Er macht Karriere bei der Jugendorganisation FDJ, ist bei der Bezirksleitung für den Bereich Agitation und Propaganda zuständig. Zu seinen Aufgaben zählt die Organisation großer FDJ-Veranstaltungen. Außerdem propagiert er als FDJ-Sekretär in Schulen den Sozialismus und hält Vorträge in der Kaderschule in Bogensee.

Sein Freund Erwin arbeitet zunächst als Hausmeister. 1964 wird Nikita Chruschtschow, Reformer und Verfechter einer friedlichen Koexistenz mit dem Westen, in der damaligen Sowjetunion von Leonid Breschnew abgelöst. Als Chruschtschow einige Jahre später stirbt, lässt sich Erwin zu einer unbedachten Bemerkung hinreißen: Er äußert den Verdacht, dass man den einstigen KPdSU-Chef womöglich ermordet habe. Das kommt bei den DDR-Behörden nicht gut an. Er wird abgestraft, verliert seine komfortable Anstellung als Hausmeister und die dazugehörige gute Wohnung.

Bruch mit dem DDR-Regime

Erwins neue Arbeit auf der Warnowwerft ist hart und lässt den "real existierenden Sozialismus" in einem anderen Licht erscheinen. Täglich erlebt er die Verachtung der Arbeiter für das sogenannte Arbeiter- und Bauernparadies. "Und da hat er mit dem DDR-System gebrochen", so Drauschke. Die beiden Freunde diskutieren viel, und auch Peter beginnt, die DDR kritisch zu sehen. Der tatsächliche Umgang mit Arbeitern, der in Kontrast zur Propaganda des Regimes steht, macht ihm die "Verlogenheit" des Staates klar. Gleichzeitig zu sehen, was die Arbeiterklasse tatsächlich über "ihren" Staat denkt, öffnet ihm ebenfalls die Augen. Beide erwägen eine Rückkehr in die Bundesrepublik.

1972: Flucht und Verhaftung in Bulgarien

Doch der Weg zurück in den Westen ist versperrt - es bleibt nur die Flucht. Gemeinsam mit Peters Verlobter Beate wagen sie es. Peters Schwester Ruth hilft, besorgt gefälschte West-Pässe. 1972 treffen sie sich in Bulgarien am Flughafen, um - getarnt als westdeutsche Touristen - in die Bundesrepublik auszureisen. Doch die Behörden sind informiert, die Flucht endet noch am Flughafen-Gebäude, alle Beteiligten kommen in Haft. Die damals erst 18-Jährige Ruth wird in Bulgarien für mehrere Monate eingesperrt - in einem Land hinter dem "eisernen Vorhang", dessen Sprache und System sie nicht versteht. "Danach war ich mit der Welt fertig. Du hast einfach nur Angst", erinnert sie sich heute.

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Verurteilt zu viereinhalb Jahren Haft

Peter Drauschke, seine Verlobte Beate und Erwin werden in die DDR überstellt. Dort erfährt Peter Drauschke die Härte des DDR-Regimes. Er kommt zunächst ins Berliner Untersuchungsgefängnis Hohenschönhausen, dann ins Gefängnis der Staatsicherheit in Rostock. Drauschke wird wegen Republikflucht zu viereinhalb Jahren Haft verurteilt. Er ist nun einer von den nach heutigen Schätzungen insgesamt 200.000 bis 300.000 politisch Inhaftierten in der DDR.

Psychoterror im Rostocker Stasi-Gefängnis

Einschüchterung und Demütigung sind in den Gefängnissen an der Tagesordnung. "Zersetzung", wie es im Stasi-Fachjargon heißt, zählt zu den gängigen Methoden der Staatssicherheit gegenüber politisch Abtrünnigen. Dabei werden gezielt das Selbstwertgefühl der Opfer untergraben und Angstzustände erzeugt. Drauschke etwa muss sich in seiner Zelle nackt ausziehen, alle Körperöffnungen werden genauestens inspiziert. Dann muss er auf den Gang treten, den Lauf einer Kalaschnikow im Rücken. Er wird in einen Raum gestoßen, in dem er nichts sehen kann, weil alles voller Dampfschwaden ist. Drauschke verspürt Todesangst. Dass er nicht getötet wird, sondern sich in einem Duschraum befindet, wird ihm erst danach klar.

Amnestie und Ausreise in die Bundesrepublik

Peter Drauschke auf einer Wiese in den 1970er-Jahren © Peter Drauschke, privat
Erst nach dem Ende der DDR erfährt Drauschke aus seiner Stasi-Akte, dass er unter Spionage-Verdacht stand.

Wegen einer Amnestie kommt Drauschke nach 14 Monaten Haft - drei Monate in Bulgarien und 11 in der DDR - vorzeitig frei. Ein Jahr später darf er in die Bundesrepublik ausreisen. Doch das Trauma der DDR-Haft verfolgt ihn bis heute.

Was ihm schlimmstenfalls hätte widerfahren können, erfährt Drauschke viele Jahre später aus seiner umfangreichen Stasi-Akte. Die Behörden hatten geprüft, ob er als Spion für die Bundesrepublik tätig war. Eine Straftat, auf die in der DDR lebenslängliche Haft und sogar die Todesstrafe steht. Noch 1981 fand in der DDR eine Hinrichtung statt - ebenfalls wegen Spionage.

"Diese Verbrecher haben mich lebensunfähig gemacht"

Peter Drauschke in seiner Küche. © ECO Media TV
Drauschke in seiner Hamburger Wohnung. Die Erinnerungen an die Stasi-Haft lassen ihn bis heute nicht los.

Heute geht Drauschke wieder an Schulen und hält dort Vorträge - wie damals, als er noch ein junger, überzeugter FDJ-Funktionär war. Doch jetzt sind es die Erfahrungen mit dem DDR-Regime, von denen er berichtet. Wie er als Jugendlicher an den Kommunismus glaubte. Wie er erst enttäuscht und dann seelisch gebrochen wurde. "Wir sind einer Lüge aufgesessen", sagt er heute. Die DDR habe ihn psychisch erkranken lassen. "Diese Verbrecher haben mich lebensunfähig gemacht", sagt er heute.

Sein Freund hat sein Leiden unter dem DDR-Regime nicht überwinden können. Er hat sich von seinem Trauma nicht mehr erholt und nahm sich später, nach seiner Rückkehr nach Hamburg, das Leben.

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Dieses Thema im Programm:

Das Erste | Reportage & Dokumentation | 07.08.2021 | 21:50 Uhr

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