Stand: 21.07.2019 10:36 Uhr

Heinrich Schliemann - Auf den Spuren Trojas

von Stefanie Grossmann, NDR.de

Heinrich Schliemanns Name ist eng verbunden mit der Suche nach Troja, der sagenumwobenen Stadt in Homers Geschichte von der Ilias. Der Schlüssel zu der Verbindung findet sich bereits in Heinrichs Kindheit - als der Siebenjährige zu Weihnachten Georg Ludwig Jerrers "Weltgeschichte für Kinder" bekommt und darin eine Abbildung des brennenden Troja entdeckt. Der junge Heinrich kann nicht glauben, dass von den Mauern der Stadt nichts mehr übrig sein soll und kommt mit seinem Vater überein, "dass ich Troja ausgraben sollte".

Eine Bronze-Büste des Troja-Entdeckers Heinrich Schliemann steht in Schwerin am Pfaffenteich. © Landeshauptstadt Schwerin Foto: Michaela Christen

Schliemann: Vom Klassenfeind zum Vorbild

Nordmagazin -

Zu DDR-Zeiten wurde Heinrich Schliemann von der Staatsführung erst verachtet, dann bejubelt. Heute erinnern Museen in Ankershagen und Neubukow an den Entdecker Trojas.

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Düstere Kindheit

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Vom Lande bricht Heinrich Schliemann schon in jungen Jahren in die weite Welt auf.

Diese Vision zieht sich wie ein roter Faden durch Schliemanns Leben - auf dem vor allem in der Kindheit ein Schatten liegt. Heinrich kommt am 6. Januar 1822 im mecklenburgischen Neubukow zur Welt. 1823 zieht die Familie nach Ankershagen, wo sein Vater Ernst Schliemann, Lehrer und Theologe, eine gut bezahlte Pfarrstelle annimmt. Obwohl gebildet, hat das Familienoberhaupt einen schlechten Ruf. Er ist als Lehrer in Hamburg gescheitert und hoch verschuldet. Zudem gilt er als liederlich, verschwenderisch und gewalttätig. Ganz anders die Mutter: Luise Therese Sophie Bürger ist zart, einfühlend und musikalisch. Sie bekommt neun Kinder, nach der letzten Geburt stirbt sie im Kindbett. Heinrich schreibt später in einer seiner Biografie: "Es war dies ein unersetzlicher Verlust und wohl das größte Unglück, das mich und meine Geschwister treffen konnte."

Sein Verhältnis zum Vater bleibt stets ambivalent. Schliemann will auf keinen Fall wie sein Vater werden. Obwohl er ihn verabscheut, idealisiert er seine eigene Kindheit und unterstützt ihn, auch finanziell.

Ankershagen - ein mythischer Ort?

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Die Dorfkirche in Ankershagen wurde 1266 eingeweiht.

Weitere Schicksalsschläge folgen: Der Vater verliert die Pfarrstelle, auch wegen eines Verhältnisses zum Dienstmädchen, Heinrich kommt zu seinem Onkel Friedrich Schliemann in Kalkhorst bei Grevesmühlen. Nach kurzem Gymnasialbesuch geht Heinrich auf die Realschule und macht anschließend eine fünfjährige Ausbildung in einem Kramerladen in Fürstenberg, einem damaligen Markt- und Handelsplatz an der Havel. Troja liegt damals noch weit weg, aber es ist in Erzählungen stets präsent. Und: Ankershagen an der Müritz kann mit dem historischen Schauplatz durchaus mithalten. Es ist ein Dorf mit vielen verwunschenen Plätzen wie Gräbern, Hügeln, kleinen Seen, riesigen Bäumen und unterirdischen Gängen. Im Dorf steht auf einem Hügel eine der größten und ältesten Kirchen Mecklenburgs. Der Feldsteinbau stammt aus dem späten 13. Jahrhundert, einer Epoche zwischen Romantik und Gotik. Vom Glockenturm aus schweift der Blick weit über die Landschaft hinaus.

Amsterdam statt Amerika

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Mit seiner russischen Firma verdient Schliemann an die zehn Millionen Goldmark.

Nach einem kurzen, wenig erfolgreichen Intermezzo in Hamburg bekommt Schliemann eine Stelle in Kolumbien angeboten. Da er schon immer vom Reisen träumt, nimmt er an. Das Schiff strandet allerdings im Dezember 1841 vor der niederländischen Küste. Schliemann wird gerettet, kehrt aber nicht nach Hamburg zurück, sondern entscheidet sich für Amsterdam, dem Hauptumschlagplatz für den Farbstoff Indigo. Dort fängt er mit etwas geliehenem Geld eine neue Existenz an. In sechs Jahren lernt er Buchhaltung, Kalligrafie und 15 Sprachen, darunter russisch. Anfang 1846 kommt Schliemann nach St. Petersburg, wo sein unaufhaltsamer Aufstieg als Geschäftsmann mit dem blauen Farbstoff beginnt: "Schon im ersten Jahr meines Aufenthalts war ich bei meinen Geschäften so vom Glück begünstigt, dass ich mich bereits zu Anfang des Jahres 1847 in die Gilde der Großhändler einschreiben ließ". Er ist inzwischen russischer Staatsbürger und handelt neben Indigo auch mit Tee, Kaffee und Hölzern.

Profiteur vom Goldrausch

Zu seiner Leidenschaft für Sprachen kommt die fürs Reisen und Schreiben. Als Handlungsreisender bricht Schliemann 1850 zum ersten Mal nach Amerika auf. Bei seinem zweiten Besuch lässt er sich 1851 in der Goldgräberstadt Sacramento nieder und gründet die Bank "Henry Schliemann". Er handelt mit Goldstaub und Wechseln. Aus ständiger Angst vor Überfällen verkauft er im April 1852 seine Bank und kehrt als gemachter Mann nach St. Petersburg zurück - in sechs Monaten handelt er mit Gold im Wert von 1.350.000 Dollar. Jetzt glaubt Schliemann auch sein privates Glück gefunden zu haben: Am 12. Oktober heiratet er Katharina Lyshina - "eine russische Dame mit allen Vorzügen des Körpers und des Geistes".

Reich, aber unglücklich

Geschäftlich geht es weiter aufwärts. Im Krimkrieg zwischen 1853 und 1856 liefert Schliemann ein Drittel des russischen Schießpulvers und weitere wichtige Kriegsmittel. Den privaten Ehekrieg verliert Schliemann. Aus seiner Unzufriedenheit heraus schmiedet er neue Pläne. An den Vater schreibt er: "Ich glaube, man kann auch ohne Geschäfte leben". Schliemann träumt vom Aufbruch in die Welt, möchte Homers Heimatland kennenlernen. Er beschäftigt sich mit dem Dichter, außerdem sind "Wissenschaften und Sprachstudium zur wilden Leidenschaft geworden". Besonders Erstere seien eine unversiegbare Quelle seines Glücks, so Schliemann.

Aufbruch ins "zweite Leben"

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1419 gegründet, gehört die Universität Rostock zu den ältesten im Ostseeraum.

Ein rastloses Leben beginnt: Schliemann bereist Europa und Ägypten. Über mehrere Jahre versucht er sein Unternehmen in Russland zu liquidieren, was ihm 1864 endlich gelingt. Er transferiert all sein Vermögen nach Westeuropa. Zu diesem Zeitpunkt gehört Heinrich Schliemann zu den reichsten Männern Europas. Nach einer fast zweijährigen Reise kehrt der Weltenbummler 1866 nach Paris zurück, wo sein neuer Lebensmittelpunkt liegt. Dort veröffentlicht er 1867 sein erstes Buch auf Französisch. Er beginnt ein Studium an der Sorbonne. In der Folge erhält Schliemann 1869 auf der Grundlage seiner bisher erschienen Bücher an der Uni Rostock einen Doktortitel in Philologie.

Die Suche nach Troja

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1880 sind Heinrich Schliemanns Funde im Londoner South-Kensington-Museum zu sehen.

Auf der Reise zu den türkischen Dardanellen findet am 15. August 1868 eine schicksalhafte Begegnung zweier Autodidakten statt: Nur weil Schliemann sein Schiff verpasst, trifft er auf Frank Calvert. Der Brite beschäftigt sich schon lange mit Troja und ist sich sicher, dass der Ort nur auf dem Hügel von Hisarlik liegen kann. Deshalb hat er dort Land erworben, für umfangreiche Ausgrabungen fehlt ihm allerdings das Geld. Heinrich Schliemann weiß zu dem Zeitpunkt nur wenig über Troja, verfügt aber über die finanziellen Mittel. Am 26. Dezember 1868 schreibt Schliemann aus Paris an Calvert: "Ich bin nun entschlossen, den ganzen künstlichen Hügel von Hisarlik abzutragen." Das zeugt nicht gerade von erfahrener Archäologie. Calvert bremst den vorpreschenden Schliemann und mahnt ihn zu gründlichen Vorbereitungen und einer Grabungserlaubnis.

Schliemann weilt unterdessen in den USA. Dort nimmt er die amerikanische Staatsbürgerschaft an und lässt sich scheiden. Kurz darauf ordnet er sein Privatleben neu: 1896 lässt er sich in Athen nieder und heiratet die Griechin Sophia Engastroménos. Doch auch diese Ehe verläuft nicht besonders glücklich, die beiden passen nicht zusammen - er ist 48, sie 18. Seine Frau sollte den Platz einer imaginären Heldin einnehmen, wie im Theater. Schliemann spricht am liebsten altgriechisch mit ihr - in homerischen Versen. Sophia ist überfordert, weil ihr Mann alles bestimmte, "alles nach seinen sonderbaren Ideen ging". Erst nach einigen Jahren findet das Ehepaar zusammen und Sophia unterstützt Schliemann in dessen archäologischen Bestreben.

Schliemann findet einen Schatz

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Mit der Entdeckung des Goldschatzes wird Heinrich Schliemann zu einer bekannten Persönlichkeit.

Nach einer zehntägigen unerlaubten Grabung 1870 beginnen im Oktober 1871 die ersten offiziellen Arbeiten auf dem Hügel in Hisarlik. In den folgenden Jahren legt Schliemann mit Helfern Mauern frei und findet unter anderem einen Goldschatz, den er "Schatz des Priamos" nennt. "Meine Hoffnungen sind übertroffen, meine Mission ist erfüllt", schreibt Schliemann 1873. Ein Verhängnis ist, dass er nicht auf Calvert hört, der ihn auf einen Irrtum bei der Datierung der Funde hinweist, die aus einer früheren Epoche stammen - etwa 1.300 Jahre vor dem Trojanischen Krieg. Der Schatz kann also nicht von dem legendären König Priamos stammen. Dennoch sind die Funde Schliemanns, die mehr als 30.000 Exponate umfassen, archäologisch bedeutend. Er vermacht sie zu Lebzeiten dem Deutschen Staat. Heute ist ein Teil davon im Neuen Museum in Berlin zu sehen.

Eine umstrittene Persönlichkeit

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In diesem Raum im Neuen Museum in Berlin sind Teile des Schatzes des Priamos zu sehen. Einige sind Repliken.

Bis heute spaltet Heinrich Schliemann Archäologen und Philologen, denn er ist ein Held zweier Welten, der realen und der imaginären. Dieses Wandern zwischen den Welten tritt auch immer wieder in seinen Büchern und Briefen zu tage. Hier verquicken sich nur allzu oft Wahrheit und Fälschung, Anekdoten werden hinzugefügt oder umgedichtet, Erlebtes überhöht. Er lebt sein Leben wie ein Roman, den er gleichsam entwirft. Den Mythos Troja überführt er in die Wirklichkeit. Dafür erntet Schliemann den Ruhm und die Anerkennung, nach der er sich sein Leben lang gesehnt hat.

Am 26. Dezember 1890 stirbt Heinrich Schliemann in Neapel.

Weitere Informationen

Ein Museum für den großen Schatzsucher

Heinrich Schliemann wurde als Archäologe berühmt und als der Mann, der Troja entdecken wollte. Ein Museum in seinem Heimatsort Ankershagen erinnert an den Schatzsucher. mehr

Dieses Thema im Programm:

Nordmagazin | 21.07.2019 | 19:30 Uhr

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