Stand: 14.12.2013 11:12 Uhr  - NDR Info

Spion Günter Guillaume bringt Willy Brandt zu Fall

von Dirk Hempel, NDR.de
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Der Mann an seiner Seite ist ein Spion - eine bittere Erkenntnis für den Kanzler.

Als Willy Brandt am Mittag des 24. April 1974 von einem Staatsbesuch in Kairo zurückkehrt, erwartet ihn Innenminister Hans-Dietrich Genscher bereits am Flughafen. Kanzlerreferent Günter Guillaume ist als Spion verhaftet worden. Um 6.32 Uhr sind Beamte des Bundeskriminalamts in dessen Haus in Bad Godesberg eingedrungen, mit vorgehaltenen Maschinenpistolen. Bei seiner Festnahme hat Guillaume feierlich erklärt: "Ich bin Offizier der Nationalen Volksarmee der DDR und Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit. Ich bitte, meine Offiziersehre zu respektieren."

Der bedeutendste Spionageskandal der Bundesrepublik nimmt seinen Lauf. Willy Brandt erkennt die Dimensionen zu spät. Zwei Wochen später wird er als Bundeskanzler zurücktreten.

Die Stasi schickt Günter Guillaume in den Westen

Günter Guillaume, ehemaliger Redakteur des Verlags "Volk und Wissen", und seine Frau Christel kommen im Mai 1956 nach Westdeutschland. Als Flüchtlinge, wie sie behaupten. Tatsächlich aber hat sie die Hauptverwaltung Aufklärung des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) geschickt. Nach einer Zwischenstation im Notaufnahmelager Gießen lassen sie sich in Frankfurt am Main nieder. Das SED-Mitglied Guillaume eröffnet ein Schreib- und Kopierbüro, dann auf Befehl des MfS eine Kaffeestube. Er soll die SPD ausspähen, sucht Kontakt zu Genossen und liefert schon bald Berichte, die für die DDR-Sicherheitspolitik ergiebig sind.

Guillaume macht Karriere in der SPD

Er tritt in die SPD ein, macht in Frankfurt eine kleine Parteikarriere, steigt vom stellvertretenden Ortsvereinsvorsitzenden zum Unterbezirkssekretär auf, wird Geschäftsführer der Frankfurter SPD-Stadtratsfraktion. Seine Frau arbeitet als Sekretärin im Parteibüro Hessen-Süd.

Dann ernennt ihn Georg Leber, SPD-Bundesverkehrsminister im Kabinett der Großen Koalition, zum Wahlkampfmanager. Dessen Berichte aus der Kiesinger/Brandt-Regierung meldet Guillaume nach Ost-Berlin, über Funk und tote Briefkästen. Für die Stasi ist er bald unentbehrlich. Spionagechef Markus Wolf gibt ihm dem Rat: "Niemanden drängen, alles auf sich zukommen lassen."

Spion im Kanzleramt

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1970 gelingt Guillaume (r.) der Schritt ins Zentrum der Macht. Er wird Referent im Kanzleramt.

Und die Gelegenheit kommt. Nach Brandts Wahlsieg 1969 und der Bildung einer sozial-liberalen Koalition mit der FDP empfiehlt ihn ein Parteifreund dem Personalchef des Kanzleramts. Der sucht angesichts zahlreicher konservativer Mitarbeiter im Palais Schaumburg, nach 20 Jahren CDU-Regierung, loyale Mitstreiter für den neuen Kanzler. Der 42-jährige Guillaume wird als Referent in der Abteilung für Wirtschaftspolitik angestellt. Die DDR hat nun einen Spion im Zentrum der Macht.

Brandt und sein engster Mitarbeiter Egon Bahr gelten zwar als Garanten einer neuen Ost- und Deutschlandpolitik. Sie setzen gegenüber den Staaten des Warschauer Pakts auf Entspannung, auf "Wandel durch Annäherung". Tatsächlich werden sie in den kommenden Jahren auch Transit- und Verkehrsabkommen mit der DDR aushandeln, einen Grundlagenvertrag schließen, der die Beziehungen der beiden deutschen Staaten regeln soll.

Auch wird die DDR im April 1972 das konstruktive Misstrauensvotum gegen Brandt durch Stimmenkauf verhindern. Dennoch bleibt Brandt ein Regierungschef des "imperialistischen Auslands", wie der Staatsratsvorsitzende Erich Honecker die Bundesrepublik nennt. Und während die DDR mit der SPD-Regierung verhandelt, bekämpft sie Reformforderungen im Land als  "Sozialdemokratismus". Ein Spion im Kanzleramt kommt der Stasi da gerade recht.

Die Sicherheitsdienste versagen

Aber Guillaume schafft es nur an die Spitze, weil die westdeutschen Sicherheitsdienste versagt haben. Weder dem Sicherheitsreferenten des Kanzleramts noch den Verfassungsschutzbeamten, die Guillaumes Einstellungspapiere prüfen, fallen die Ungereimtheiten in seiner Fluchtgeschichte auf. Erst als Bundeskriminalamt (BKA) und Bundesnachrichtendienst (BND) Verdachtsmomente gegen Guillaume finden, die vage auf eine frühere Agententätigkeit deuten, lässt der Sicherheitsreferent das Einstellungsverfahren vorläufig anhalten und informiert den Kanzleramtsminister Horst Ehmke.

Gespräch bei Horst Ehmke

Anfang Januar 1970 bestellt er Guillaume zum Gespräch. Als dieser die Vorwürfe abstreitet, reicht Ehmke die Einstellungspapiere an den Verfassungsschutz weiter. Dort versäumt man allerdings, die Abteilung für Spionageabwehr einzuschalten. So erfahren die prüfenden Beamten nicht, was die Abwehr schon seit Jahren weiß: Guillaumes einstiger DDR-Arbeitgeber, der Verlag "Volk und Wissen", gilt als Anwerbestelle für Agenten. Und seit Ende der 50er-Jahre fahndet die Abwehr nach einem Spion "G", der in der Bundesrepublik die SPD ausspäht.

Einblicke in Guillaumes Privatleben

So kommen die Verfassungsschützer zu dem abschließenden Urteil, es gebe keine Erkenntnisse, die gegen eine Einstellung und gegen den Umgang mit Geheimakten sprächen. Nachdem auch Georg Leber für seinen ehemaligen Wahlkampforganisator "die Hand ins Feuer" legt, wird Guillaume Ende Januar eingestellt. Er hat Verbindungen zu Unternehmerverbänden und Gewerkschaften zu halten, später Kontakte zu Parlament, Parteien, Kirchen und Verbänden. Er macht auch hier Karriere, wird im Dezember 1972, nach Brandts gewonnener Wiederwahl, dessen Referent für Parteifragen. Arbeitet jetzt eng mit dem Kanzler zusammen, unterstützt ihn bei Gesprächen im Amt, auf Sitzungen des SPD-Vorstandes, der Fraktion. Und erhält Einblicke in Brandts Privatleben.

Nixonbrief im Norwegenurlaub

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Als Brandt im Sommer 1973 Urlaub in Norwegen macht, weiß er bereits von dem Verdacht gegen Guillaume.

Im Sommer 1973 begleitet er die Familie des Kanzlers in den vierwöchigen Norwegenurlaub. Das Blockhaus liegt mitten im Wald. Brandt angelt, sammelt Pilze. Die Fernschreibzentrale ist in einiger Entfernung in einer Jugendherberge untergebracht, von wo Guillaume die entschlüsselten Meldungen abholt und dem Kanzler bringt. Kopien verbirgt er in seinem Wäscheschrank. Hier bekommt er das wohl bedeutendste Geheimdokument seiner Agententätigkeit in die Hände, ein Schreiben des US-Präsidenten Richard Nixon an den Kanzler.

Dem Verdacht folgt die Enttarnung Guillaumes

Ausgerechnet die in der Fernschreibzentrale beschäftigten BND-Beamten händigen es ihm aus, loben hinterher in einem Bericht die gute Zusammenarbeit mit dem Parteireferenten. Sie wissen nichts von Guillaumes Doppelleben. Aber der Kanzler ahnt es längst. Sein angeblich so loyaler Referent steht vermutlich im Sold der Staatssicherheit der DDR. Durch einen Zufall ist er einige Monate zuvor unter Verdacht geraten. Im März 1973 ist sein Name mehrfach in Zusammenhang mit verhafteten DDR-Spionen aufgetaucht. Vielleicht ist Guillaume doch "ein krummer Hund", wie ein aufmerksamer Verfassungsschützer nun mutmaßt, gar der seit Jahren gesuchte "G", der auf die SPD angesetzt ist?

Den aufkeimenden Verdacht bestätigt die Stasi selbst, durch eine Unvorsichtigkeit: Jahre zuvor hat sie jeweils am 1. Februar verschlüsselte Geburtstagsglückwünsche an "G." geschickt. Was die Agenten nicht ahnen: Die westdeutsche Spionageabwehr hat den Zahlencode geknackt und die Nachrichten archiviert. Als die Verfassungsschützer die Akte Guillaume nun noch einmal prüfen, fällt ihr Blick als erstes auf das Geburtsdatum: Es ist der 1. Februar 1927. Nach weiteren Ermittlungen scheint im Mai 1973 festzustehen: "Guillaume ist ein Agent."

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NDR Info | Das Feature | 15.12.2013 | 11:05 Uhr

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