Konrad Adenauer spricht im Parlamentarischen Rat und verkündet am 23. Mai 1949 offiziell das Grundgesetz. © picture-alliance / AKG

Wir werden Demokraten: Die junge Bundesrepublik

Stand: 11.06.2021 09:25 Uhr

Als im Westen Deutschlands unter Alliierten-Aufsicht die parlamentarische Demokratie entsteht, wird CDU-Politiker Konrad Adenauer zur prägenden Figur der neuen Bundesrepublik. Er setzt auf das westliche Staatenbündnis.

von Ulrike Bosse

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wächst im Westen Deutschlands unter Aufsicht der Alliierten eine parlamentarische Demokratie. Schon vor der Gründung der Bundesrepublik können die Menschen ihre Vertretungen in den Gemeinden und Ländern wählen. Der Meinungsstreit wird oft emotional ausgetragen - aber mit der Bereitschaft zum Kompromiss. Im Parlamentarischen Rat formulieren 61 Männer und vier Frauen das Grundgesetz: "Heute, am 23. Mai, beginnt ein neuer Abschnitt in der wechselvollen Geschichte unseres Volkes." Mit diesen Worten verkündet der CDU-Politiker Konrad Adenauer als dessen Vorsitzender in Bonn 1949 die deutsche Verfassung - und damit gleichzeitig die Gründung der Bundesrepublik Deutschland.

Was eint, ist die Ablehnung des Nationalsozialismus

Otto Wulff als Kind in den 1930er-Jahren © Otto Wulff / privat
Otto Wulff erlebte als Kind, wie sein Vater von den Nazis verschleppt wurde.

Die meisten Menschen interessieren sich damals allerdings mehr für die Frage, woher sie etwas zu essen bekommen, wie sie eine Wohnung oder Arbeit finden, erinnert sich Zeitzeuge Otto Wulf, der damals 16 Jahre alt ist. Dabei kommt er aus einer politischen Familie. Als Kind musste er miterleben, wie die Nazis seinen Vater in Gefangenschaft nahmen und misshandelten. Nach dem Kriegsende gründet sein Vater den CDU-Gemeindeverband im nordrhein-westfälischen Hennen mit. "Da kamen die in der Küche meiner Mutter zusammen: ein Stellmacher, ein Friseur, ein Versicherungsvertreter, zwei Bauern, ein Kaufmann, ein Schmied war dabei. Und die einte eins: Es waren alles Gegner der Nationalsozialisten gewesen, starke Anhänger der evangelischen und katholischen Kirche."

Otto Wulff mit Konrad Adenauer Mitte der 1950er-Jahre © Otto Wulff / privat
AUDIO: Wir werden Demokraten (3/12) (27 Min)

CDU, SPD, FDP: Das neue Parteiensystem etabliert sich

Trotz existenzieller Alltagsnöte etabliert sich in der Nachkriegszeit ein neues Parteiensystem - mit CDU, SPD und FDP als bleibenden Kräften. Die Parteien können zunächst allerdings nur mit Genehmigung der Besatzungsmächte arbeiten. Die CDU ist eine Partei-Neugründung im bürgerlichen Lager, wie auch die bayerische Schwesterpartei CSU. Als liberale Partei neu gegründet wird die FDP, in der sich anfangs sehr unterschiedliche Landesverbände von nationalistisch bis linksliberal zusammenfinden. Die SPD kann anknüpfen an ihre Tradition vor der NS-Zeit. Die in der KPD organisierten Kommunisten, die Vertriebenenpartei BHE und einige rechte Gruppierungen spielen nur in der Anfangsphase der Bundesrepublik eine gewisse Rolle.

NS-Gegner gestalten die neue Politik

Auch wenn in der Bundesrepublik nach einer Phase der Entnazifizierung später wieder ehemalige Nazis zu Amt und Würden kommen: Sie können die Zukunft des neuen deutschen Staates nicht mehr entscheidend beeinflussen. Und am Anfang sind es tatsächlich Gegner des Nationalsozialismus, die die Politik gestalten. Vorsitzender der SPD wird der ehemalige Reichstagsabgeordnete Kurt Schumacher, der rund zehn Jahre als Gefangener in verschiedenen Konzentrationslagern verbracht hatte. Konrad Adenauer, die prägende Persönlichkeit der CDU - und als erster Bundeskanzler auch der Republik - war ursprünglich ein Zentrumspolitiker, den die Nationalsozialisten als Oberbürgermeister von Köln aus dem Amt gejagt hatten.

"Man tat was Gutes. So viel hatte ich verstanden"

Otto Wulff vor alten Erinnerungsfotos in seinem Wohnzimmer © NDR Foto: Katharina Kaufmann
Bereits als Jugendlicher half Otto Wulff beim Hängen von Wahlkampfplakaten mit und verfolgte die erste Bundestagsdebatte gebannt am Radio.

Die Alliierten der Westzonen organisieren die politischen Strukturen von unten nach oben. 1946 lassen sie Kommunalwahlen abhalten, 1947 dann Landtagswahlen. Otto Wulff entdeckt dabei als gerade einmal 13-Jähriger seine Leidenschaft für die Politik: "Man tat was Gutes. So viel hatte ich verstanden, dass da jetzt bessere Menschen wären, die Politik machen."

Otto Wulff erinnert sich daran, wie die Menschen in Deutschland - vor allem auf kommunaler Ebene - lernten, die Demokratie zu schätzen. Als dann das Wirtschaftswunder einsetzte, sei es für die Westdeutschen auch leicht gewesen, sich mit diesem neuen Staat, der Bundesrepublik, zu identifizieren. Aber die Mehrheit der Deutschen habe nach dem Krieg von Politik doch erst mal die Nase voll gehabt. Sie seien froh gewesen, wenn sie jemanden wählen konnten, von dem sie das Gefühl hatten, dass er die Sache im Griff hat - und dem sie getrost alles weitere überlassen konnten. In Konrad Adenauer hätten sie so jemanden gefunden.

Adenauer privat: "Da war er sehr menschlich"

Otto Wulff mit Konrad Adenauer Mitte der 1950er-Jahre © Otto Wulff / privat
Otto Wulff ist in den 50ern oft bei den Adenauers zu Hause - und erlebt einen sehr zugewandten CDU-Politiker.

Otto Wulff lernt den ersten Bundeskanzler persönlich kennen, weil er mit Adenauers Sohn Georg Jura studiert und damals häufig bei den Adenauers zu Hause ist. Dort erlebt er nicht den Adenauer, wie ihn die Öffentlichkeit wahrnimmt, nicht den Politiker, der am liebsten ohne lange Diskussionen eigene Entscheidungen trifft: "Er war immer interessiert, was man machte. Der war immer neugierig, der Adenauer. Er brachte sich auch sofort ins Gespräch ein. Da war er sehr menschlich."

VIDEO: "Sie fühlten sich im Gespräch mit Adenauer geborgen" (2 Min)

Doch nicht die persönliche Bekanntschaft mit Adenauer macht Otto Wulff jedoch zu einem überzeugten CDU-Mitglied, sondern dessen Politik der West-Bindung: Adenauer setzt auf die Integration des Landes ins westliche Staatenbündnis. "Ich habe mich immer von der FDP und der SPD abgesetzt, weil ich ein starker Anhänger der NATO war und auch der europäischen Gemeinschaft", sagt Wulff.

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Deutschland an der Frontline des Ost-West-Konflikts

Die Westalliierten hatten zusammen mit der Sowjetunion das nationalsozialistische Deutschland besiegt - aber schon gegen Ende des Krieges zeigen sich Risse im Bündnis. Als nordkoreanische Truppen 1950 mit Unterstützung der Sowjetunion und Chinas in Südkorea einmarschieren, wird das in den USA als Beweis für eine aggressive Expansionspolitik der Sowjetunion gewertet. Umgekehrt fühlt sich Moskau von den westlichen Staaten bedroht. Und an der Frontlinie dieses Konflikts liegt Deutschland - von dem keine Seite will, dass es in den Machtbereich des anderen fällt. Deshalb treiben die Amerikaner den Aufbau des westdeutschen Staates und seine Integration in die NATO voran.

Schumacher strebt Wiedervereinigung ganz Deutschlands an

Die westdeutsche SPD hegt ebenfalls keine Sympathien für die Sowjetunion. Unter ihrem Vorsitzenden Kurt Schumacher sind die Sozialdemokraten strikt anti-kommunistisch. Aber Schumacher ist nicht bereit, das Ziel der Wiedervereinigung - eben nicht nur der drei Westzonen, sondern ganz Deutschlands - so schnell aufzugeben wie der Rheinländer Konrad Adenauer. "Das Ziel jeder deutschen Politik muss sein, das ganze Deutschland in den Kreis der freien Völker einzugliedern", formuliert Schumacher sein Anliegen 1951 im Bundestag.

West-Bündnis: "Wir können uns nur zu einer Seite bekennen"

Otto Wulff ist damals wie vieler seiner CDU-Parteifreunde der Meinung, dass es zu riskant sei, dieses Ziel zu verfolgen: "Was die CDU anbelangt war die Sorge, wir könnten uns irgendwie aus dem Westen lösen in eine Neutralität hinein. Und da habe ich gesagt: Das nie wieder. Wir können uns nur zu einer Seite bekennen, wenn wir auf Dauer was erreichen wollen - und das kann nur die westliche Seite sein."

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