Ein Gehöft im Kehdinger Land ist nach der Sturmflut im Januar 1976 von Wassermassen eingeschlossen © dpa /picture alliance Foto: Dieter Klar

Orkan "Capella" wütet im Januar 1976 im Norden

Stand: 03.01.2021 23:00 Uhr

Alle Besatzungsmitglieder der "Capella" sterben in der Nordsee, als der gleichnamige Orkan am 3. Januar 1976 wütet. An der Niederelbe überfluten Wassermassen das Land. In Hamburg steigt das Wasser höher als nie zuvor.

von Irene Altenmüller

In den frühen Morgenstunden an diesem ersten Januar-Sonnabend 1976 erreicht ein schweres Sturmtief die Deutsche Bucht. Mit bis zu 150 Kilometern pro Stunde peitscht Orkan "Capella" das Wasser der Nordsee an die Küsten. Im Zusammenspiel mit einer Springtide entsteht die bis dato höchste Sturmflut an der deutschen Nordseeküste seit Beginn der Messungen. Bis zu 17 Meter hoch schlagen die Wellen. Mit Macht drückt der Wind das Wasser in die Elbmündung: "Das Wasser strömte mit ungeheurer Geschwindigkeit von der Nordsee in die Elbe hinein. Es erreichte fast die Deichkrone. Der Sturm tobte in der Dunkelheit, alles war abgesperrt", erinnert sich Dirk Hempel, der als Zehnjähriger die Flut an der Kugelbake in Cuxhaven beobachtet hat.

In Hamburg steigt das Wasser höher als je zuvor

In weniger als drei Stunden legt die Flutwelle die Strecke von Cuxhaven nach Hamburg zurück und steigt dabei noch einmal um mehr als einen Meter. Als das Wasser Hamburg erreicht, zeigt der Pegel St. Pauli 6,45 Meter - bis heute der höchste je gemessene Stand. Bei der Sturmflut von 1962, die mehr als 300 Menschen das Leben kostete, waren es 5,70 Meter. Doch von einer großen Katastrophe bleibt Hamburg diesmal verschont, die Deiche sind mittlerweile erneuert und erhöht, niemand kommt ums Leben. Der Sachschaden ist allerdings immens: In den ungeschützten, vor den Deichen gelegenen Hafengebieten werden ganze Lagerbestände mit Gütern sowie teure Maschinen zerstört und Betriebe überschwemmt. Auf bis zu eine Milliarde D-Mark wird der Schaden in der Hansestadt beziffert.

VIDEO: Hamburg Damals: Die vergessene Flut von 1976 (4 Min)

Die Deiche brechen - Ganze Landstriche überflutet

Deichbruchstelle an der Niederelbe im Raum Drochtersen nach der Sturmflut am 3. Januar 1976 © dpa/picture alliance
Unter der Gewalt des Wassers brechen die Deiche an der Niederelbe gleich an mehreren Stellen, hier etwa bei Drochtersen.

An der Niederelbe können die Deiche, die teilweise mehr als 100 Jahre alt sind und seither nicht erhöht wurden, der Gewalt des Wassers nicht standhalten. In Drochtersen bei Stade reißt es die Deichkronen weg und strömt weit ins Kehdinger Land hinein. Noch Wochen später sind die tief liegenden, teils moorigen Gebiete überflutet. Auf der nördlichen Elbseite bricht in der Haseldorfer Marsch bei Wedel der Deich an neun Stellen. Das Wasser ergießt sich ins Land, 150 Bauernhöfe werden zerstört. Menschen kommen nicht ums Leben, aber es ertrinken Hunderte Kühe, Schafe, Schweine und Hühner, außerdem zahllose Wildtiere wie Rehe, Hasen und Fasane.

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Evakuierung per Boot und Helikopter

Allein in diesen beiden Regionen werden rund 100.000 Hektar Land überflutet - ein Gebiet so groß wie das damalige West-Berlin. Auch an den Küsten entstehen beträchtliche Schäden: In Christianskoog bei Meldorf bricht der Deich auf einer Länge von 30 Metern, auf Sylt befürchtet man zeitweilig, dass das Wasser die Insel zwischen Rantum und Hörnum teilen würde. Schäden in Höhe von rund 150 Millionen D-Mark entstehen allein in Schleswig-Holstein, in Niedersachsen liegen sie bei rund 50 Millionen D-Mark. Gemessen an der Wucht des Orkans und der Flutwelle hätte es Norddeutschland trotzdem weit schlimmer treffen können. Doch knapp 14 Jahre nach der katastrophalen Sturmflut von 1962 ist man vorbereitet: Katastrophenstäbe werden umgehend eingesetzt, die vom Wasser eingeschlossenen Menschen mit Helikoptern ausgeflogen oder mit Sturmbooten in Sicherheit gebracht. Mehr als 6.000 Helfer sind im Einsatz.

DDR-Motorschiff "Capella" sinkt - Gesamte Besatzung stirbt

Für die elfköpfige Besatzung des DDR-Küstenmotorschiffs "Capella" aus Rostock kommt die Hilfe zu spät: Auf der Nordsee nahe der Ostfriesischen Inseln schlägt das Küstenfrachtschiff bei stürmischem Seegang Leck. Nach einer Notreparatur glaubt die Schiffsleitung, die Insel Borkum noch erreichen zu können und lehnt eine Bergung der Besatzung zunächst ab. Wenig später geht die "Capella" unter. Weder einem Seenotrettungskreuzer noch einem Helikopter gelingt es, die noch auf dem Wasser treibenden Seeleute zu retten. Alle elf Besatzungsmitglieder sterben.

An den tragischen Untergang des Schiffs erinnert heute der Name, den der Orkan vom 3. Januar 1976 seither trägt: "Capella". Insgesamt kommen infolge des Orkans in Deutschland mindestens 16 Menschen ums Leben, in ganz Nordwesteuropa sind es 82.

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Dieses Thema im Programm:

Hallo Niedersachsen | 02.01.2021 | 19:30 Uhr

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