Stand: 05.11.2019 10:24 Uhr

Hermann Bahlsen: Mit Keksen auf den Weltmarkt

Rechteckig, goldgelb gebacken, 52 Zähne: Ob Jung oder Alt - den "Leibniz-Butterkeks" von Bahlsen kennt in Deutschland wohl fast jeder. Im Jahr 1889 begann die Erfolgsgeschichte des Volksgebäcks. Die Firma, die mit wenigen Mitarbeitern begann, hat sich bis heute zu einem weltweit agierenden Keks-Imperium entwickelt. Vor 100 Jahren, am 6. November 1919, starb Gründer Hermann Bahlsen in Hannover.

Dort hat auch alles begonnen: 1889 kehrt Hermann Bahlsen, nachdem er als Zuckerimporteur in London gearbeitet hat, in seine Heimatstadt zurück. Die Stadt ist im Aufbruch: Immer mehr Menschen kommen vom Land in die Stadt und suchen Arbeit in den Fabriken. Der 30 Jahre alte Bahlsen entscheidet sich, sein Gründerglück in Niedersachsen zu versuchen: Ein Fabrikgeschäft für englisches Gebäck steckt in Schwierigkeiten, Bahlsen übernimmt die Bäckerei mit zehn Angestellten. Er nennt seine Firma "Hannoversche Cakesfabrik H. Bahlsen" - eine deutsche Bezeichnung für "cakes" gibt es damals noch nicht. Ahnung vom Backen hat Bahlsen kaum, aber aus London kennt er Teegebäck.

Bahlsen: Die Geschichte einer Keksdynastie

Keksrezept von Bahlsen bleibt geheim

Wie die Konkurrenz verkauft Bahlsen das lose Gebäck anfangs aus der Tonne. Die Geschäfte laufen gut. "Er hat in England Rezepte gekauft und sich Mitarbeiter gesucht, die ihm Produkte entwickelt haben", erklärt Werner Michael Bahlsen, der heutige Firmen-Chef, den Erfolg seines Großvaters. Bis heute ist das Rezept für den berühmten Leibniz-Keks ein Geheimnis und noch immer wird auf Grundlage des Originals gebacken.

Für den legendären Butterkeks stand der berühmte Hannoveraner Gottfried Wilhelm Leibniz Pate. Der deutsche Philosoph, Wissenschaftler und Mathematiker starb 1716 in Hannover. Hermann Bahlsen wollte besondere Namen für seine Produkte. Er sagte selbst einmal: "Meine Buttercakes sollen einen Namen, eine Persönlichkeit haben." Neben dem Leibniz-Keks kommen also auch der "Duve-Keks" und der "Albert-Keks" auf den Markt, ebenfalls in Anlehnung an deutsche Philosophen.

Goldmedaille für den Leibniz Butterkeks

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Fließbänder hat Bahlsen in seiner Fabrik noch vor dem amerikanischen Automobilbauer Henry Ford.

1893 baut Bahlsen eine Fabrik, in der 100 Arbeiter für ihn tätig sind. Der Leibniz-Keks mit seinen 52 Zähnen wird zu einem Markenprodukt in Deutschland. Bei der Weltausstellung in Chicago erhält Bahlsen für seinen Keks die Goldmedaille. "Leibniz Cakes wird in ähnlicher Form von der Konkurrenz unter anderem Namen nachgemacht; der feine Butter-Geschmack ist indes nur diesem Fabrikate eigen", heißt es in der Begründung der Jury.

Hermann Bahlsen hat es als Unternehmer geschafft, doch er ist stets bemüht, sein Unternehmen weiter zu verbessern. So geht er auf Europa-Tour und knüpft Kontakte zu Biskuit-Fabrikanten in England und Frankreich. Und er lässt am Potsdamer Platz in Berlin eine der ersten Leuchtreklamen in der kaiserlichen Hauptstadt anbringen: Auf dem Dach der Bellevue-Apotheke macht Bahlsen Reklame für den "Leibniz-Cake".

Der Keks wird mobil

Aus Amerika übernimmt er die Idee der luftdichten Verpackung. So macht er seine Kekse lange haltbar. Die Kleinpackungen werden unter anderem am Bahnhof verkauft - mit dem Slogan "Was isst die Menschheit unterwegs? - Na selbstverständlich Leibniz-Keks." Die schnelle Mahlzeit für unterwegs ist geboren.

Aus Cakes wird Keks

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Von Beginn an wird die Werbung bei Bahlsen großgeschrieben.

Als 1911 um seine Fabrik herum ein Wohnviertel gebaut wird, errichtet Bahlsen ein Verwaltungsgebäude, das im Foyer einen modernen Musterladen beherbergt. Die Besucher kommen in Scharen, kosten und kaufen. Der Clou ist ein Schaufenster zur Bäckerei. In dieser Zeit entsteht der Begriff "Keks". Weil die Konsumenten "Cakes" nicht englisch, sondern deutsch aussprechen, entscheidet sich Bahlsen, den Begriff "Cakes" einzudeutschen. Das Wort "Keks" ist geboren. Wenige Jahre später wird es sogar offiziell vom Duden aufgenommen.

Zum Leibniz-Keks gesellen sich weitere Kreationen - darunter "ABC Russisch Brot" oder "Noch Eine". Im Jahre 1912 beschäftigt der Keks-Fabrikant 1.700 Angestellte. Die Hannoveraner nennen die Fabrik "Knusperhaus", sie ist die modernste Europas. Fließbänder hat Bahlsen noch vor dem amerikanischen Automobilbauer Henry Ford. Gesehen hat er diese in den Schlachthäusern von Chicago. "Mein Großvater hatte den schönen Slogan: Immer eine Pferdelänge voraus sein, Trends setzen und gezielt auch mal riskante Dinge machen", erinnert sich Firmenchef Werner Michael Bahlsen.

Alles sauber? Pflicht-Baden während der Arbeitszeit

Doch die Fabrik ist nicht nur funktional, die Beschäftigten sollen sich auch wohlfühlen. Die Wände sind mit Kacheln bestückt, die Künstler bemalt haben. "Es ist nicht einerlei, in welcher Umgebung man arbeitet", sagte Hermann Bahlsen einmal. Der Patriarch beschwört die Gemeinschaft und bietet seinen Angestellten Vorträge, Kurse, Bibliothek und einen Zahnarzt.

Die sogenannten Leibniz-Blätter sind die erste deutsche Betriebszeitung. Außerdem sollen seine Mitarbeiter sauber sein und so gibt es feste Badezeiten. Einmal in der Woche, während der Arbeitszeit, ist Baden Pflicht. Bahlsens Standpunkt ist einfach: "Der Kern muss der äußeren Schale entsprechen. Dazu gehört die Sorge um das Wohl der Angestellten."

Die TET-Stadt - ein unvollendeter Plan

1914 beginnt der Erste Weltkrieg. 560 Bahlsen-Mitarbeiter müssen an die Front und die Rohstoffe werden knapp. Als wollte er gegen trübe Stimmung ankämpfen, vergibt Bahlsen Aufträge an Künstler. Sie sollen Dosen und Verpackungen für seine Kekse entwerfen. Viele Dosen sind heute Sammlerstücke und auf dem Kunstmarkt begehrt.

Bahlsen ist ein bedeutender Förderer der zeitgenössischen Kunst. Zusammen mit Fritz Beindorff und August Sprengel gründet er 1916 die Kestner-Gesellschaft. Er öffnet die Fabrik für Ausstellungen und Dichterlesungen und pflegt enge Kontakte zur Worpsweder Künstlerszene um Heinrich Vogeler, Paula Modersohn-Becker und Bernhard Hoetger.

Das TET-Zeichen

1903 löste das TET-Zeichen das Pferd als Markenzeichen der Firma Bahlsen ab. Die altägyptische Hieroglyphe ("dschet" gesprochen) bedeutet "ewig dauernd". Bis heute ist das Label in roter Schrift auf den Verpackungen des Keksherstellers zu finden und seit 2018 Teil des neuen "The Bahlsen Family"-Logos.

Und auch in der Kriegszeit plant er Neues: die TET-Stadt - Fabrik und Wohnstadt mit Schule, Theater, Kirche. Der Bildhauer Bernhard Hoetger entwirft das Utopia im Stil altägyptischer Tempel. Bahlsen geht fest davon aus, dass Deutschland den Krieg gewinnt. Doch mit der Niederlage begräbt er sein Projekt: "Es war ein schöner Traum, unser TET-Projekt. Ich begrabe es in dieser Nacht, einen anderen Vorschlag kann ich Ihnen nicht machen", schreibt er 1919 an Hoetger. Noch im gleichen Jahr stirbt Hermann Bahlsen.

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Alleinerziehender Vater: Hermann Bahlsen mit seinen Söhnen.

Er hinterlässt vier Söhne: Hans, Werner, Gerhard und Klaus. Als ihr Vater stirbt, sind sie zwischen elf und 17 Jahre alt. Aufgewachsen sind sie bis dahin ausschließlich beim Vater. Bahlsens Ehefrau Gertrud war nach der Geburt des jüngsten Sohnes krank geworden und verbrachte die meiste Zeit in einem Sanatorium. Kinderfrau Martha Hohmeyer kümmerte sich deshalb um die Jungs.

Englischer Biskuit-Fabrikant rettet Bahlsen

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Die Brezelmänner mit goldenem Leibniz-Keks sind das Wahrzeichen am Stammhaus in Hannover.

Hohmeyer ist es auch, die gemeinsam mit ihrer Freundin Anna Dora Thieme die entscheidende Idee für die Rettung des Unternehmens nach dem Krieg hat. Als der Absatz 1920 einbricht und keine Bank einen Kredit gewährt, erinnert sich Hohmeyer an den Freund ihres verstorbenen Chefs: Sir Grant aus England. Sie schreibt dem Biskuit-Fabrikanten und bittet um Hilfe.

Der Engländer gewährt einen Kredit in Höhe von 500.000 Reichsmark - die Rettung für Bahlsen. Die einen verlieren in dieser chaotischen Zeit ihre Ersparnisse, andere spekulieren sich reich: Im Januar 1923 kostet eine Packung Leibniz 300 Mark, im Mai schon über 1.000 und vier Milliarden im November. Beim Einkauf der Rohstoffe werden die Scheine gewogen, nicht gezählt. Die Firma - inzwischen eine Aktiengesellschaft - gibt eigenes Notgeld aus und übersteht die Inflation.

Expressdose - die Idee in Krisenzeiten

Nach Hans Bahlsen steigen auch die Gründersöhne Werner und Klaus bis 1930 in die Firma ein. Gerhard entscheidet sich dagegen und studiert Kunstgeschichte und Philosophie. Jetzt bremst die Wirtschaftskrise den Aufschwung. Leibniz-Kekse sind noch immer sehr beliebt, aber für viele zu teuer. Bahlsen muss immer mehr Mitarbeiter entlassen. Eine neue Idee ist in Krisenzeiten gefragt - und die Bahlsen-Brüder haben sie: die Expressdose. Eine Dose mit einem Pfund Keksen für eine Mark. Das neue Produkt wird zum Verkaufsschlager: 25.000 Dosen werden 1933 pro Schicht im "Knusperhaus" produziert. Wieder hat das Unternehmen eine Krise erfolgreich überstanden. 1939 feiert die Belegschaft das 50-jährige Betriebsjubiläum mit einem großen Fest.

Zwangsarbeit im Zweiten Weltkrieg: Erbin Verena Bahlsen sorgt für Debatte

Im Zweiten Weltkrieg hat Bahlsen zunächst mit knapp werdenden Backzutaten zu kämpfen, wird dann aber zum kriegswichtigen Betrieb ernannt. Das Unternehmen produziert Notverpflegungen für die deutschen Soldaten, stellt Knäckebrot und Zwieback her. Nach Angaben des Unternehmens wurden in den Jahren 1943 bis 1945 rund 200 Zwangsarbeiter im Werk eingesetzt, vorwiegend Frauen aus Polen und der Ukraine. Mit der Behauptung, die Zwangsarbeiter seien genauso bezahlt worden wie die Deutschen und gut behandelt worden, löst die Unternehmenserbin Verena Bahlsen im Mai 2019 eine Debatte aus. Historiker bezweifeln diese Darstellung, für die sich die Bahlsen-Erbin später entschuldigt. Der Konzern betont im Nachgang nochmals, dass er 1999 einer Stiftung zur Entschädigung von Zwangsarbeitern beigetreten sei. Demnach leistete das Unternehmen im Jahr 2000 eine Zahlung von einer Million Mark und 2001 eine weitere von 500.000 Mark. Außerdem kündigt Bahlsen an, die Rolle der Zwangsarbeiter von dem Göttinger Historiker Professor Manfred Grieger untersuchen zu lassen.

Drei Bahlsens führen das Unternehmen

Am Ende des Zweiten Weltkriegs hat Hannover über 80 Bombenangriffe erlebt und ist eine Ruinenstadt. 60 Prozent der Fabrik und sämtliche Auslieferungslager sind zerstört. Bahlsen backt zunächst Brot, aber bereits 1945 laufen wieder Kekse vom Band. In Hermann Bahlsens Stammhaus in der Podbielskistraße haben jetzt seine drei Söhne das Sagen. Ein Team sind sie nicht, die Machtfrage ist pragmatisch gelöst: Jeder macht, was er am besten kann. Hans kümmert sich als Ingenieur um das technische Know-how, Werner übernimmt die Führung. Klaus ist der kreative Kopf und entwickelt neue Produkte. Die "Salzlette" ist zum Beispiel der Wirtschaftswunder-Hit.

Kuchen und Chips - das Sortiment wächst

In den folgenden Jahren übernimmt Werner Bahlsen mehr und mehr das Ruder. Mitte der 50er-Jahre exportiert Bahlsen bereits in 74 Länder, Ende der 1960er-Jahre sind in dem Unternehmen weltweit 11.000 Mitarbeiter tätig. In dieser Zeit wird das Knabber-Sortiment um Kartoffelchips erweitert, und auch Kuchen werden jetzt produziert. Die Teilübernahme von Brandt erweitert das Sortiment noch einmal. 1975 steigt Werner Michael Bahlsen, der älteste Sohn von Werner Bahlsen, ins Unternehmen ein. Auch sein Bruder Lorenz steht nach Ausbildung und Studium bereit, das Keks-Imperium zu übernehmen. Doch die Söhne müssen sich gedulden: Erst mit 81 Jahren gibt Werner Bahlsen 1985 das Zepter ab - ein paar Monate später stirbt er.

Die Keksdynastie zerbröselt

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Werner Michael Bahlsen führt die Bahlsen GmbH & Co. KG.

Nach dem Tod von Werner Bahlsen führen seine Söhne Werner Michael und Lorenz sowie Cousin Hermann, Sohn von Hans Bahlsen, die Geschäfte. Doch bald entbrennt ein Machtkampf, zwischenzeitlich scheint ein Verkauf die einzige Lösung. Dann kommt es jedoch anders: Werner Michael und Lorenz setzen sich durch, der Cousin zieht sich 1993 aus der Geschäftsleitung zurück, drei Jahre später steigt er schließlich ganz aus. Doch auch zwischen den beiden Brüdern gibt es bald Zwist. Lorenz übernimmt das salzige und Werner Michael das süße Sortiment.

Doch nicht nur die Familienfehde sorgt für Unruhe und Negativ-Schlagzeilen. Aufgrund der sogenannten Paprika-Affäre fährt Bahlsen 1993 Verluste ein: 18,5 Millionen Chips-Packungen muss das Unternehmen vom Handel zurücknehmen, die wegen fehlerhafter Lieferungen eines Gewürz-Zulieferers mit Salmonellen verunreinigt sind - Kosten in Höhe von 50 Millionen Mark entstehen. Doch die Firma erholt sich von dieser finanziellen Belastung.

Die Brüder teilen das Unternehmen

In Hannover wird wenige Jahre später längst gemunkelt, was bald öffentlich wird: Es gibt erneut Streit in der Familie, die Keksdynastie zerbröselt. Aus der Teilung wird eine klare Trennung: Die salzigen Produkte gehen 1999 an Lorenz Bahlsen, der Markenname "Bahlsen" und der süße Zweig an seinen Bruder. 2018 wechselt Werner Bahlsen aus der Geschäftsführung in den Verwaltungsrat der Bahlsen Gruppe. Damit gehört seit langer Zeit erstmals kein Familienmitglied mehr der Geschäftsführung an.

"Krümelmonster" macht Bahlsen zu schaffen

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Der Keks ist weg: Anfang 2013 geht die Nachricht vom dreisten Diebstahl in Hannover um die Welt.

Durch einen kuriosen Diebstahl gerät Bahlsen im Jahr 2013 in die Schlagzeilen - und das sogar weltweit. Ein Erpresser, der sich als "Krümelmonster" ausgibt, entwendet den goldenen Keks von der Fassade des Stammhauses in der Podbielskistraße und fordert von dem Unternehmen Gratis-Kekse für ein Kinderkrankenhaus und eine Spende an ein Tierheim. Gut zwei Wochen später taucht der Keks wieder auf. Er bekommt seinen Platz am Firmensitz zurück und wird seither per Video überwacht.

Outlets und Werksverkäufe: Verbraucher können günstiger naschen

Auf dem deutschen Keksmarkt ist Bahlsen bis heute die Nummer eins. Mit dazu beitragen dürfte die Geschäftsstrategie, die Ware in Outlets und im Fabrikverkauf teilweise deutlich vergünstigt auf den Markt zu bringen. An zehn Standorten in Deutschland bietet Bahlsen etwa auch Bruchware an, die zum Teil um bis zu 50 Prozent im Preis reduziert ist.

Zwei Milliarden Butterkekse pro Jahr

Fast 2.900 Mitarbeiter - davon etwa 550 im Ausland - beschäftigt das Unternehmen. Fünf Werke, eines davon in Polen, produzieren jedes Jahr rund 142.000 Tonnen Süßgebäck, darunter allein zwei Milliarden Butterkekse jährlich - eine Menge, die übereinander gestapelt 8.000 Kilometer weit ins Weltall reichen würde.

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Dieses Thema im Programm:

Hallo Niedersachsen | 17.05.2019 | 19:30 Uhr

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