Stand: 19.05.2019 13:15 Uhr

Bahlsen will Zwangsarbeiter-Geschichte aufarbeiten

Das Stammhaus in Hannover. © © NDR/doc.station GmbH
Das Unternehmen Bahlsen mit Sitz in Hannover hat angekündigt, seine NS-Vergangenheit und die Rolle von Zwangsarbeiten aufarbeiten zu lassen.

Nach Äußerungen der Erbin des Keksherstellers Bahlsen zur Kriegs-Zwangsarbeit zieht das Unternehmen mit Sitz in Hannover Konsequenzen. Bahlsen hat angekündigt, die Rolle der eigenen Zwangsarbeiter im Zweiten Weltkrieg wissenschaftlich aufarbeiten zu lassen. Der Göttinger Professor Manfred Grieger sei beauftragt, dazu ein unabhängiges Expertengremium zusammenzustellen. Das teilte Bahlsen am Donnerstag mit. "Es soll nichts verklärt, nichts weißgewaschen werden", fügte Firmenchef Werner M. Bahlsen nun in der "Bild am Sonntag" hinzu. Es sei gut, "dass jetzt alles auf den Tisch kommt".

"Kapitel genauer aufarbeiten"

Mit Blick auf die Zeit des Nationalsozialismus heißt es in der Erklärung des Unternehmens von Donnerstag: "Das Expertengremium soll jetzt besonders dieses Kapitel der Firmengeschichte noch genauer aufarbeiten und die damalige Entwicklung des Familienunternehmens in seinen Zusammenhängen darstellen." Bahlsen wies zudem darauf hin, dass bereits in den 1990er-Jahren Wissenschaftler der Universität Hannover für ein Forschungsprojekt die Belegschaftsgeschichte der Firma beleuchtet hätten. Dazu hätten sie auch Zugang zu den Firmenarchiven gehabt.

Unternehmens-Erbin spricht von Fehler

Unternehmenserbin Verena Bahlsen hatte sich zuvor für ihre Aussagen zu Zwangsarbeitern entschuldigt. In einer Erklärung sprach sie von unbedachten Äußerungen sowie einem Fehler. Bahlsen hatte gesagt, dass Zwangsarbeiter in dem Unternehmen ihrer Familie gut behandelt und genauso wie die deutschen Mitarbeiter bezahlt worden seien.

"Das höre ich zum ersten Mal"

Die "Bild am Sonntag" hat Firmenchef Bahlsen nun nach eigenen Angaben zum Fall einer Frau befragt, die aus Kiew verschleppt und in Hannover zum Arbeiten bei Bahlsen gezwungen worden sein soll. Dazu habe Bahlsen gesagt: "Ich bin schockiert. Das höre ich heute zum ersten Mal, und das ist eine Katastrophe. Das geschilderte Verbrechen macht mich sehr betroffen." Zudem soll der Kekshersteller dem Blatt zufolge in den Jahren 1999 und 2000 mit juristischen Tricks gegen eine Entschädigungsklage früherer Zwangsarbeiter gekämpft haben. Die Juristen hätten sich offenbar auf Paragrafen zurückgezogen, so Werner M. Bahlsen zur "Bild am Sonntag": "Dabei haben wir unsere moralische Verantwortung vergessen." Er habe sich damals nur am Rande mit der Sache befasst. "Rückwirkend gesehen war das ein Fehler. Ich hätte das in die Chefetage holen müssen."

Zwangsarbeiter aus Polen und der Ukraine

Bahlsen galt im Zweiten Weltkrieg als "kriegswichtiger Betrieb" und produzierte im Werk im hannoverschen Stadtteil List unter anderem Notverpflegungen für deutsche Soldaten. Die Zwangsarbeiter, vorwiegend Frauen aus dem besetzten Polen und der Ukraine, waren in einem Barackenlager untergebracht.

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