Stand: 14.05.2019 19:52 Uhr

Zwangsarbeit bei Bahlsen: Scharfe Kritik an Erbin

Verena Bahlsen, eine Erbin des Keks-Konzerns Bahlsen, wird für ihre Aussagen zur Zwangsarbeit bei Bahlsen während des Zweiten Weltkriegs scharf kritisiert. (Archivbild)

Die Erbin des Gebäck-Unternehmens Bahlsen, Verena Bahlsen, hat mit Äußerungen zur Situation von Zwangsarbeitern, die während des Zweiten Weltkrieges für Bahlsen arbeiten mussten, eine heftige Kontroverse ausgelöst. Die 26-Jährige hatte behauptet, dass Zwangsarbeiter in dem hannoverschen Unternehmen gut behandelt und genauso wie die deutschen Mitarbeiter bezahlt worden seien. Bahlsen galt im Zweiten Weltkrieg als "kriegswichtiger Betrieb" und produzierte im Bahlsen-Werk im hannoverschen Stadtteil List unter anderem Notverpflegungen für deutsche Soldaten. Die Zwangsarbeiter, vorwiegend Frauen aus dem besetzten Polen und der Ukraine, waren in einem Barackenlager untergebracht.

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Historiker: "Zwangsarbeiter galten als minderwertig"

Der Göttinger Historiker Manfred Grieger hat Zweifel an der Darstellung der Erbin. Im Interview mit NDR 1 Niedersachsen sagte er, dass es zwar keine Beschreibungen der Lebensverhältnisse von Zwangsarbeitern bei Bahlsen gebe. Im Allgemeinen sei die Kriegsgesellschaft im NS-Staat aber ganz klar rassistisch hierarchisiert gewesen: Osteuropäer und andere Menschen unter Zwangsarbeit galten als minderwertig und seien auch so behandelt worden. Auch den Tod vieler Zwangsarbeiter im Zweiten Weltkrieg würden Aussagen, wie die der Unternehmerin, schlicht außen vor lassen.

Scharfe Kritik an Bahlsens Aussagen

Auch der Historiker Michael Wolffsohn, der von 1981 bis 2012 an der Universität der Bundeswehr in München lehrte, kritisiert die Aussagen von Verena Bahlsen. Er bezeichnete diese als "Stammtisch-Schnoddrigkeit", die "geschichts- und geschäftsmoralisch unerträglich" und "eines bundesdeutschen Unternehmens unwürdig" sei. Der in Hildesheim geborene amerikanische Literaturwissenschaftler Guy Stern riet dem Gebäck-Hersteller, überlebende Zeitzeugen zu Wort kommen zu lassen, die als Zwangsarbeiter bei Bahlsen gearbeitet hatten. Stern: "Die kamen zumeist aus Polen, die haben kein Loblied zu singen." Selbst wenn Zwangsarbeiter nicht unbedingt wie Sklaven gehalten oder nicht oft geschlagen wurden, ist sich der US-Wissenschaftler sicher: "Es ist eine Vergewaltigung eines Menschen."

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"Statement wird Leid der Opfer nicht gerecht"

Verena Bahlsen äußerte sich bislang nicht persönlich zu den Vorwürfen. Dafür gab es ein offizielles Unternehmens-Statement: Demnach habe die Firma zwischen 1943 und 1945 etwa 200 Zwangsarbeiter beschäftigt - das sei auch umfassend untersucht worden. Zudem sei sich das Unternehmen bewusst, welches große Leid und Unrecht den Zwangsarbeitern widerfahren sei. Dem hannoverschen Historiker Dr. Karljosef Kreter reicht das nicht: Zu pauschal sei das Statement und werde dem Leid der Menschen nicht gerecht, so Kreter gegenüber NDR 1 Niedersachsen. Zudem erscheine ihm die Zahl von rund 200 beschäftigten Zwangsarbeitern zu gering.

26-Jährige eckt als "Kapitalistin" an

Die Aussagen zu den Zwangsarbeitern sind nicht die ersten Äußerungen Verena Bahlsens mit denen sie sich Kritik einhandelte. Auf einer Konferenz hatte die 26-Jährige jüngst in einem Vortrag gesagt: "Ja, ich bin Kapitalistin. Mir gehört ein Viertel von Bahlsen. Ich will Geld verdienen und mir Segeljachten kaufen." Auch wenn unklar ist, ob die Äußerung absichtlich überspitzt war, löste auch sie eine Kritikwelle aus. Auf der gleichen Konferenz äußerte sich Bahlsen allerdings auch selbstkritisch: Unternehmen müssten wieder mehr der Gesellschaft dienen und auf mehr schauen als nur Wachstum.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Niedersachsen | Regional Hannover | 14.05.2019 | 16:30 Uhr

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