Nackte Urlauber schieben 1973 auf dem Campingplatz in Prerow einen Wohnwagen. © NDR Foto: Hans Parczyck

Als die Norddeutschen das Campen für sich entdeckten

Stand: 09.10.2020 09:25 Uhr

In den 1950er- und 60er-Jahren können sich nur wenige Menschen den Urlaub im Ausland leisten. Daher wird Camping in Ost und West zur erschwinglichen und heiß geliebten Alternative.

von Stefanie Lambernd

Nach den Entbehrungen des Zweiten Weltkrieges und der Nachkriegszeit steht in den 50er-Jahren alles im Zeichen des Wiederaufbaus und die Menschen schauen nach vorn. Sie wollen vergessen, streben nach Ruhe und Ordnung - und sehnen sich nach Unbeschwertheit. Zum neuen Lebensgefühl nach dem Kriegsende gehört auch die Sehnsucht nach fernen Ländern.

Fahrt ins Blaue in Heimatgefilden

Italien ist ein Traumziel - doch nur wenige können sich den Urlaub im Ausland damals leisten. Die meisten Deutschen verbringen ihre Ferien daher zu Hause oder bei Verwandten. Zudem werden Bayern und der Schwarzwald zum bevorzugten Reiseziel - und natürlich Ostsee und Nordsee. Während Ostseebäder wie Grömitz in den 50er- und 60er-Jahren schnell wieder zu beliebten Urlaubszielen werden, entwickeln sich andere Orte wie das ostfriesische Greetsiel erst in den 1970er- und 80er-Jahren zu Touristen-Lieblingen.

Am Wochenende gehen viele auf die sogenannte Fahrt ins Blaue - sprachwissenschaftlich vermutlich abzuleiten vom Aufbruch ins Unbekannte: Einfach mal rauskommen und in der Natur entspannen.

Wildes Campen: Reger Zulauf an DDR-Stränden

Auch in der DDR heißt es damals vor allem: Urlaub im eigenen Land! Und so wird die Ostsee zum Urlaubsziel Nummer 1. Im Ostseebad Zinnowitz auf Usedom entstehen schon Ende der 1950er-Jahre staatliche Kindersanatorien, in die Kinder aus der ganzen Republik geschickt werden. Ansonsten sind Unterkünfte an der Ostsee rar. Schon 1954 kommen die ersten Camper, die ihre Zelte wild im Küstenwald aufschlagen. Eine Erlaubnis gibt es dafür nicht, geschweige denn sanitäre Anlagen und Strom. Doch die Camper kommen wieder, Jahr für Jahr - und werden geduldet. 1974 sind es schon eine halbe Million. Auch die ersten Campingplätze gibt es bald - doch die Freiheit hat in diesem Zusammenhang ihr Ende mit der staatlichen Zuweisung der Plätze.

Camping-Welle rollt auch im Westen an

Camping ist nichts gänzlich neues: Schon in den Goldenen Zwanzigern hatten viele Menschen ihre Wochenenden im Zelt verbracht. In den 1950er-Jahren lebt die Campingwelle auch in Westdeutschland richtig auf. Dank des Wirtschaftswunders ist nun endlich wieder etwas Geld da. Schon kurz nach dem Krieg entstehen die ersten Campingclubs. Zelten ist für viele eine willkommene Gelegenheit, die freien Tage in der Natur zu verbringen. Und so entstehen Anfang der 1960er-Jahre die ersten Campingplätze an der Ostsee. Viele zieht es nun auch ins Ausland, mit dem VW-Käfer geht es zum Zelt-Urlaub etwa nach Österreich.

Mit Kochern und Klappstühlen zu mehr Komfort

Ein Camper sitzt im Juli 1957 vor seinem Zelt und grillt ein Brathähnchen. © picture alliance/dpa Foto: Herbert Bögel
Klappstühle machen das Campen komfortabler.

Auf den Trend stellt sich schnell auch die Industrie ein. Campingkocher und Klappstühle werden entwickelt und machen die Zeit im Zelt oder Wohnwagen komfortabler. Immer mehr Menschen können sich ein Auto leisten. Richtig ins Rollen kommt die Campingwelle mit den Innovationen der Autoindustrie. Schon in den 1930er-Jahren wurden die ersten Wohnwagen - damals noch "Wohnautos" genannt - gebaut. Modelle wie der Dethleffs Wohnwagen oder der Mini-Wohnwagen Eriba Puck ermöglichen Ferien im eigenen Gefährt. In den 1950er-Jahren rollt der erste VW Bulli vom Band. Der Bulli wird zum Camping-Mobil der jüngeren Generation - und in den 1970er-Jahren zum Symbol der Hippie-Generation, die mit den bunt bemalten Kultautos Europa erobert.

Camping wird perfektioniert

In den 1970er-Jahren schreitet die Perfektionierung des Campings weiter voran: Die ersten "echten" Wohnmobile mit eingebautem Mobiliar und Kochstelle, Dusche und WC machen das Campen komfortabler und autark. Aber auch die Campingplätze werden dank Sanitärräumen mit warmen Duschen und Waschgelegenheiten sowie Stromanschlüssen immer komfortabler.

Pauschalangebote eröffnen neue Möglichkeiten

1968. Die große weite Welt - Urlaub in Norwegen mit dem ersten eigenen Auto. © NDR/creatv Sachsen/Klaus Wollscheid
Die große weite Welt: Urlaub in Norwegen mit dem ersten eigenen Auto.

Zwar werden 1954 im Westen auch die ersten Charter-Flugreisen nach Mallorca organisiert. Doch die Fahrt in ferne Gefilde bleibt ein Luxus, den sich anfangs nur wenige leisten können. Erst allmählich wird die spanische Mittelmeerinsel zum neuen Lieblings-Ziel der Westdeutschen. Anfang der 1960er-Jahre kommen die ersten Reisekataloge auf den Markt - Pauschalreisen mit Anreise und Unterkunft im Paket eröffnen Urlaube in ferneren Regionen zu erschwinglichen Preisen. Doch nicht alle mögen die organisierten Reisen - wer mag, reist weiter auf eigene Faust in die Welt.

DDR: FKK an der Ostsee statt Fernreise

Während es die Menschen in Westdeutschland zunehmend auch in fernere Gefilde zieht, ist der Urlaub im Westen für die meisten Menschen aus dem Osten nach dem Mauerbau 1961 unmöglich. Und so zieht es die Menschen weiter an die Ostseeküste. Anfangs noch verpönt und offiziell verboten, wird die Freikörperkultur (FKK) zum Massenphänomen: 1956 erlässt die DDR-Führung die "Anordnung zur Regelung des Freibadwesens", nach der hüllenloses Baden an gekennzeichneten Stränden erlaubt ist. Ob auf dem Darß oder der Insel Usedom: FKK ist an den Stränden in Mecklenburg-Vorpommern angesagt und erlebt besonders in den 1970er-Jahren einen Boom.

Camping - diese Art des Urlaubs empfinden manche in der DDR als eine Flucht, andere aber auch als willkommene Alternative zum begrenzten Ferien-Kollektiv im staatlich subventionierten FDGB-Heim. Das Campen wird zur Massenbewegung: Mehr als 500 Campingplätze gibt es schließlich in der DDR, bevor sie 1990 im wiedervereinten Deutschland aufgeht.

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